Rationieren, kontingentieren, sanieren

13. Oktober 2009, 18:24
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Woher die 1,7 Milliarden zur Finanzierung der Krankenkassen kommen sollen - Unter anderem durch Einsparungen bei der Physiotherapie

Wien - Eins. Komma. Sieben. Milliarden. Oder in Ziffern: 1,7 Milliarden Euro. Das ist jene Summe, die die Krankenkassen bis 2013 weniger ausgeben müssen, wenn sie die von der Regierung in Aussicht gestellten drei Mal 150 Millionen plus 100 Millionen aus dem so genannten "Strukturfonds" lukrieren wollen. Während man in der Koalition erst einmal erleichtert ist, das Thema zumindest vorübergehend beiseite legen zu können, ist man andernorts alarmiert.

Die Gesundheitsberufe-Konferenz, in der vom Hebammengremium bis zu den Kneipp-Bademeistern sämtliche Gesundheits-Institutionen vertreten sind, warnt bereits vor Einschnitten bei der öffentlichen Versorgung. "Es könnte in Richtung Rationierung gehen" ist auch die Ärztekammer überzeugt, die mit ihren Sparplänen 400 Millionen Euro zur Kassensanierung beitragen will.

Tatsächlich gilt das Projekt Ausgaben-Drosselung, das Hauptverbands-Chef Hans-Jörg Schelling bei Minderausgaben in der Höhe von 1,7 Milliarden angesetzt hat, auch unter Experten als ambitioniert. der Standard fragte bei der Sozialversicherung nach, wie der Fahrplan für die kommenden vier Jahre aussieht, mit dessen Hilfe dieses Ziel erreicht werden soll.

Die drei größten Brocken: Ärzte, Medikamente, bildgebende Institute. Dort soll am meisten gespart werden. Oder konkret: Weniger ausgegeben. "Kostendämpfung" heißt das dann so schön.

Die Summen: Während 2010 um 197 Millionen Euro weniger für Leistungen ausgegeben wird, will man sich im Jahr darauf auf 361 Millionen steigern. 2012 sollten der Hauptverband und seine Vertragspartner bei 510 Millionen angelangt sein - um mit den fehlenden 657 Millionen bei der angestrebten Gesamtsumme von 1,7 Milliarden zu halten. Ziel ist es, damit im Jahr 2013 ausgeglichen zu bilanzieren.
Einen Gang zurückschalten

Das bedeutet für die einzelnen Player im Gesundheitssystem - und damit letztlich für die Patienten: Deutlich zurückgefahren werden in erster Linie die Ausgaben für Medikamente. Die Salzburger Ärztekammer machte vor kurzem den ersten Schritt. Dort verpflichteten sich die Ärzte - zusätzlich zu der bereits seit 1990 geltenden Richtlinie zur ökonomischen Verschreibung - per Vertrag, künftig das kostengünstigere von zwei gleichen Medikamenten einer Indikationsgruppe zu verschreiben.

Spürbar weniger soll auch bei den bildgebenden Instituten und für Labordiagnostiken ausgegeben werden: 155 Millionen, die vor allem durch Doppelbefundungen entstünden. Das soll künftig Auswirkungen auf die Honorarsituation der Ärzte haben. Der Hauptverband liefert folgende Vergleichszahl: In Wien würden die Institute etwa sieben Mal so oft beansprucht wie in den Bundesländern.

Für die Patienten direkt spürbar sind die geplanten "Kostendämpfungen" bei den Physiotherapeuten: Dort geht es um 8 Millionen Euro, die mittels Kontingentierung erreicht werden sollen. Wer mehr als die von der Kasse bewilligten Therapieeinheiten braucht, muss selbst bezahlten. Auch die Rettungstransporte sollen ihr Scherflein beitragen: Und dieses Scherflein wird mit 36 Millionen beziffert. Bei den Psychologen will man zwar nicht sparen, mehr Geld, wie gefordert, gibt es aber nicht.

Bis 15. Dezember will der Hauptverband mit den einzelnen Trägern die konkreten Budgetziele ausverhandeln. Bescheidene 45 Millionen Euro erwartet man sich von einer Reform der Verwaltung - was auch die Zusammenlegung der 18 Rechenzentren der Sozialversicherungsträger beinhaltet. (Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

  •  Acht Millionen Euro sollen bei der Physoptherapie eingespart werden.
    foto: standard/fischer

    Acht Millionen Euro sollen bei der Physoptherapie eingespart werden.

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