Selten verschuldet, aber wenn, dann ordentlich

13. Oktober 2009, 18:14
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In der Krise ist die Verschuldung ein zentraler Gradmesser der Stabilität geworden. Eine Analyse am Immobiliensektor zeigt: Ärmere Kreditnehmer übernehmen sich häufig

Wien - Bei der Finanzierung der eigenen Wohnung oder des eigenen Hauses sind die Österreicher in der Regel vorsichtig: einkommensschwache Haushalte sind selten verschuldet, die meisten Kredite nimmt sich, wer jung ist und genug verdient. Wer sich aber mit einem niedrigen Einkommen einmal Geld borgt, scheint sich häufig massiv zu überheben. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Nationalbank, die sich erstmals detailliert die Immobilienfinanzierung in Österreich angesehen hat.

Wenn Haushalte im untersten Einkommensviertel eine Hypothek nehmen, müssen sie demnach monatlich die Hälfte ihres gesamten Verdienstes für die Kreditrückzahlung verwenden. Zum untersten Einkommensviertel zählen laut Studie Haushalte mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von gerade einmal 10.500 Euro.

Im europäischen Vergleich ist diese Quote besonders hoch: im Durchschnitt von sechs Euroraum-Ländern (Deutschland, Griechenland, Spanien, Italien, Niederlande, Portugal) wenden die untersten Einkommensbezieher "nur" 35 Prozent für Kreditraten auf.

Von einer "bemerkenswert hohen" Quote in Österreich spricht auch der Sozialexperte Marcel Fink von der Uni Wien. Denn laut EU-Kommission gilt es bereits als soziales Problem, wenn ein Haushalt mehr als 40 Prozent seines Einkommens für Wohnkosten ausgibt.

Fink verweist allerdings darauf, dass das sozialpolitische Problem für zu hohe Wohnkosten im Vergleich zum Lohn nach wie vor bei Wohnungsmietern am größten sei.

Keine Gefahr für Stabilität

Die hohen Raten mögen für viele Schuldner ein Problem sein, die Stabilität des Finanzsystems gefährden sie nicht, lautet auch das Resümee des Nationalbank-Berichtes. Denn nur neun Prozent der einkommensschwachen Haushalte haben überhaupt einen Hypothekenkredit. Den größten Teil der Wohnbauverschuldung tragen die einkommensstärksten Haushalte. Insgesamt ist etwas mehr als jeder fünfte Haushalt in Österreich wegen der Beschaffung von Wohnraum verschuldet.

Die Zahlen deuten laut Experten darauf hin, dass österreichische Banken bei Niedrigverdienern dann vorsichtig sind, wenn keine ausreichende Besicherung da ist. Heimische Geldinstitute sind bei Konsumkrediten, etwa für ein Auto oder eine Waschmaschine, nämlich zurückhaltend, sagt Hans W. Grohs, Chef des Dachverbandes der österreichischen Schuldnerberatung. Ist der Kredit einmal durch eine Immobilien ausreichend gedeckt, wird dem Schuldner aber eine sehr große Last zugemutet, wie der Nationalbank-Bericht zeigt.

Die Nationalbank hat für die Studie etwas mehr als 2000 Haushalte über Verschuldungsgrad befragt. Dabei zeigen sich weitere, teils recht spannende Ergebnisse.

Bei der Verschuldung der Haushalte gibt es etwa ein klares Ost-West-Gefälle: Im Westen sind Haushalte durchschnittlich stärker verschuldet, auch Fremdwährungskredite werden hier offenbar wegen der geografischen Nähe zur Schweiz häufiger genutzt. Die meisten Immobilienkredite werden zur Finanzierung des Hauptwohnsitzes genommen.

Unter den Berufsgruppen haben Beamte (immerhin 39 Prozent), Unternehmer und Freiberufler die höchsten Verschuldungsquoten, Landwirte und Pensionisten die niedrigsten.

Im europäischen Vergleich neigen die Österreicher durchaus zu risikoanfälligeren Krediten. Fast 30 Prozent der Kreditnehmer haben einen Fremdwährungskredit. Über 70 Prozent der Darlehen sind variabel verzinst. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

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