"Verblendung": Das Gewissen und sein wilder Schatten

13. Oktober 2009, 17:07
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Die Krimis des Schweden Stieg Larsson erreichen ein Millionenpublikum - nun Aufdeckerjournalist Blomkvist und seine ungewöhnliche Assistentin Lisbeth Salander erstmals auch im Kino

Wien - Das Verwirrspiel mit dem deutschen Titel erinnert nicht von ungefähr an die Bücher von Dan Brown - auch da wurde meist einem donnernden Wort der Vorzug gegenüber dem Original gegeben. Stieg Larssons Krimi hieß auf Schwedisch noch Män som hatar kvinnor, also Männer, die Frauen hassen - doch da das in deutschen Verlegerohren offenbar wie ein Sachbuchtitel klingt, wurde der erste Teil der "Millennium" -Trilogie unter dem Titel Verblendung zum Bestseller. Ähnlich alttestamentarisch wurden die Nachfolge-romane Verdammnis und Vergebung getauft.

Das wäre nicht weiter der Rede wert, würde Männer, die Frauen hassen nicht schon Larssons gesellschaftskritisches Programm angeben. Der Autor, der 2004 im Alter von nur 50 Jahren an einem Herzinfarkt starb, war hauptberuflich politischer Journalist beim Magazin Expo, wo er sich besonders im Kampf gegen die ultrarechte Szene engagierte. Krimis schrieb der arbeitswütige Larsson nebenher, sie wurden erst posthum veröffentlicht und spiegeln seine Identität gebrochen wider: Die männliche Hauptfigur, der Aufdecker Mikael Blomkvist, ist eindeutig das Alter Ego des Autors, mit dem er die politische Agenda teilt.

Die Verfilmung von Verblendung (und der beiden anderen Teile) blieb zwar mehrheitlich in skandinavischer Hand, unter der Regie des Dänen Niels Arden Oplev (Der Adler) geht die besondere Subjektivität Larssons, in der sich Krimihandwerk mit persönlicher Prägungen verquickt, jedoch weitgehend verloren. Das liegt einerseits an den notwendigen Kürzungen, die das Drehbuch vornimmt, um sich stärker auf den Kriminalfall zu konzentrieren; zum anderen aber auch an der internationalen Verbindlichkeit eines Filmstils, der in seiner Glätte eher dem Fach "solider TV-Film" nahesteht.

Blomkvist (Michael Nyqvist) wird uns zu Beginn als angeknackster Held präsentiert, der im Kampf gegen einen Waffenlobbyisten unterlegen ist und seine journalistische Arbeit fürs Erste einmal ruhen lässt. Das Angebot vom Industriellen Henrik Vanger, ihm bei der Suche nach seiner seit 40 Jahren verschwundenen Nichte Harriet behilflich zu sein, nimmt er aber überraschenderweise an - man mag es sich auch damit erklären, dass die Abgeschiedenheit der eiskalten Insel, dem Sitz der Vangers, auf ihn verführerisch wirkt.

Parallel dazu tritt der eigentliche Star der "Millennium" -Reihe ins Geschehen ein: die 24-jährige Lisbeth Salander, ein aufmüpfig-unangepasstes Wesen mit Piercings, schwarzer Punk-Mähne und Drachen-Tattoo am Rücken, das sich im Dienste einer Security-Firma in alle virtuellen Datenbanken einhackt. Die privaten Hintergründe der kühl abweisenden Ermittlerin, die Noomi Rapace mit einer Mischung aus Wut und Verletzbarkeit versieht, lässt uns der Film nur mit ein paar Flashbacks erahnen, die auf ein Trauma aus Kindheitstagen verweisen.

Gewaltbereite Assistentin

In der Kombination mit Blomkvist entfaltet Salander ihre Kraft: Wo dieser das sozialdemokratisch austarierende Gewissen verkörpert und mit gemessenem Schritt vorgeht, steht sie für ein impulsives Kombinieren, das überraschende Effekte freisetzt. Für Salander ist jeder Fall schnell eine persönliche Angelegenheit, dadurch ist sie auch viel eher bereit, Gewalt als Mittel zu tolerieren. Blomkvist kämpft zwar auch für seine Überzeugungen, aber immer nur im Rahmen der rechtsstaatlichen Möglichkeiten. Er ist ein Kind des schwedischen Sozialstaats.

Demgegenüber orientiert sich die Aufdeckung der Vorgänge im Hause Vanger, die bis zu den Verstrickungen zur Zeit des Nationalsozialismus zurückreichen und eine üble Form von männlichem Überlegenheitsdenken offenbaren, stärker am Rahmenwerk des Thrillergenres. Oplev verlässt sich auf den dramatischen Sog, der aus der Aufdeckung dieses "cold case" , einer Frauenmordserie, entsteht.

Im Rahmen einer Bestseller-Adaption ist dieser Schwerpunkt verständlich, aber auch eine Spur zu sehr Auf-Nummer-sicher-Gehen. Die Tiefe des Zusammenwirkens der beiden unterschiedlichen Charaktere, die eine komplizierte Liaison eingehen, bildet die wahre Attraktion von Larssons Krimis. Im Film wird sie ein wenig unterspielt. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 14. 10. 2009) 

Ab Donnerstag im Kino

  • Ein Duo, das durch seine Unterschiede an Reiz gewinnt: Der Journalist
Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die Hackerin Lisbeth Salander
(Noomi Rapace) ermitteln in "Verblendung" .
    foto: polyfilm

    Ein Duo, das durch seine Unterschiede an Reiz gewinnt: Der Journalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die Hackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) ermitteln in "Verblendung" .

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