Erwin Pröll wird nicht antreten

13. Oktober 2009, 18:10
612 Postings

Will Niederösterreich nicht "im Stich lassen" und bleibt Landeshauptmann: "Land wichtiger als Karriere"

Wien - Nach vier Monate andauernden Spekulationen hat sich Erwin Pröll festgelegt: Der niederösterreichische Landeshauptmann wird bei der Präsidentschaftswahl im April 2010 nicht gegen Heinz Fischer antreten. Er sei seinen Wählern in Niederösterreich im Wort, das Land sei ihm wichtiger als ein Karriereschritt, sagte Pröll. Er forderte einen "unabhängigen Kandidaten" des bürgerlichen Lagers.

Dem Vernehmen nach soll Pröll aber auch mangelnde Unterstützung in der eigenen Partei zum Verzicht bewogen haben. ÖVP-Chef Josef Pröll galt als kein großer Fan einer Kandidatur seines Onkels, weil ein Bundespräsident Pröll seine eigenen Chancen, Bundeskanzler zu werden, wohl verringert hätte. Die Wähler, so die Befürchtung, hätten sich sträuben können, gleich zwei Politiker aus derselben Familie in die wichtigsten Positionen im Staat zu hieven. Außerdem räumten Umfragen Erwin Pröll nur begrenzte Chancen ein: Meinungsforscher sahen stets Amtsinhaber Fischer vorn.

Die ÖVP will mit der Kür ihres Kandidaten - sofern sie überhaupt einen aufstellt - zumindest so lange warten, bis Konkurrent Fischer seine eigene Kandidatur bekanntgibt. Josef Pröll: "Wir haben alle Zeit der Welt." 

****

Wien - Hans Dichand ist gebürtiger Steirer. Er kann sich also kaum selbst zitiert haben, als seine Kronen Zeitung am Cover ihrer Dienstagsausgabe einen punkto Quelle nicht näher präzisierten "Ruf aus Niederösterreich" abdruckte: "Erwin Pröll soll bei uns bleiben."

Noch am selben Tages erhörte der Landesregent auch schon den gemäß der Krone "laut ertönten" Wunsch des anonymen Bürgers. Pröll verkündete, dass er definitiv nicht als Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl am 18. April antreten werde. "Ich bin zuletzt von sehr vielen Niederösterreichern an das Versprechen, mich für weitere fünf Jahre für Niederösterreich einsetzen zu wollen, erinnert worden" , argumentierte der Landeshauptmann in der Presse und verwies auf die über 300.000 Vorzugsstimmen, die er bei der Landtagswahl 2008 erhalten habe.

Pröll'scher Overkill

Eingefallen ist ihm dies nach viermonatigen Spekulationen über seine mögliche Kandidatur, die nicht zuletzt Pröll selbst mit mehrdeutigen Statements angeheizt hatte. Angezettelt hatte die Debatte ebenfalls Krone-Chef Dichand, einer seiner wichtigsten publizistischen Unterstützer, der plötzlich beide Prölls an der Spitze des Staates sehen wollte: Onkel Erwin als Bundespräsidenten, Neffe Josef als Bundeskanzler. Es folgten Pröll-Huldigungen und Sticheleien gegen den sozialdemokratischen Amtsinhaber Heinz Fischer, ehe die Lobeshymnen jäh eine neue Stoßrichtung bekamen. Gerade weil der 62-Jährige ein "Landesvater" sei, "wie er sein soll" , bleibe er in Niederösterreich, erklärt die Krone: "Erwin Pröll ist bekannt dafür, dass er zu seinem Wort steht."

Wäre das so geplant gewesen, könnte es sich auch um einen gelungenen PR-Coup handeln, um Pröll senior noch wichtiger zu machen, als er ohnehin schon ist. In der Bundes-ÖVP glaubt man allerdings eher, dass es der Landeshauptmann und sein Kampagnenleiter Dichand durchaus ernst gemeint haben - was bei Parteichef Josef Pröll von Anfang an wenig Freude hervorrief. Hätte der Onkel tatsächlich gewonnen, wären die Chancen des Neffen aufs Bundeskanzleramt möglicherweise gesunken, weil das Wahlvolk nicht ausschließlich von der Pröll-Dynastie regiert werden will. Und falls doch, dann wäre dem Kanzler Josef der geltungsbedürftige Erwin als Bundespräsident auch nicht unbedingt lieber als der dezente Fischer.

"Erwin Pröll hat sich erwartet, dass alle in der ÖVP, so wie er es aus Niederösterreich gewohnt ist, Hurra schreien" , analysiert ein regierungsnaher Schwarzer: "Nun hat er gemerkt, dass das bei der Präsidentenwahl nicht so sein wird." Mit subtilen Andeutungen - offener Druck wäre kontraproduktiv gewesen - versuchten Bundespolitiker von Josef Pröll abwärts, dem hoffnungsfrohen Staatsoberhaupt in spe die Vorbehalte zu signalisieren. Auch Machtträger im Hintergrund wie Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, sonst ein Unterstützer Erwin Prölls, galten als Gegner der heiklen Kandidatur.

Darüber hinaus dürften diverse Umfragen ihren Teil zum Rückzieher beigetragen haben: Meinungsforscher sahen stets den bisher souveränen Titelverteidiger Heinz Fischer um Längen voraus. Pröll selbst soll sich gezielt mithilfe sozialwissenschaftlicher Methoden über seine (geringen) Chancen schlaugemacht haben.

Kandidatenkür ohne Hetzerei

"Der Reiz war da" , gibt Erwin Pröll zu und fordert, dass das "bürgerliche Lager" nun eben einen "unabhängigen Kandidaten" aufstellen solle, weil Fischers Amtsführung "die grundsätzliche Legitimation des Bundespräsidentenamts" gefährde; aber diese Entscheidung sei Sache des Chefs, ergo seines Neffen. Der will sich dabei nicht hetzen lassen: "Wir haben alle Zeit der Welt." Jüngstes Gerücht: Außenminister Spindelegger könnte antreten.

Beim verhinderten Wahlhelfer Krone könnte indessen die nächste Personalkampagne keimen - was in diesem Fall aber die SPÖ beschäftigen würde. Am Tag der Pröll-Absage war im Blatt folgender Reim zu lesen: "So manche Rote hätten gern / den Hundstorfer als neuen Herrn." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Monatelang ließ sich Erwin Pröll als Kandidat handeln - nun erklärt der Landeshauptmann, warum er (diesmal) doch nicht Bundespräsident werden will.

Share if you care.