Suchtgefahr von Schmerzmitteln überschätzt

13. Oktober 2009, 09:10
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Erhöhtes Risiko bei Schmerzpatienten mit Alkohol- oder Tabakabhängigkeit oder psychischen Begleiterkrankungen

Wien - Fälle von prominenten Schmerzmittel-Missbrauchern rücken eine alte Diskussion neu ins Rampenlicht: Wie groß ist das Suchtpotenzial von Schmerzmitteln? Es werde weit überschätzt, die effektive Linderung starker Schmerzen dürfe nicht auf Kosten von Befürchtungen wegen potenzieller Abhängigkeiten gehen, betonen Experten aus Anlass der 9. Österreichischen Schmerzwochen. Bei starken Schmerzen müsse sich die Therapie an der Schmerzlinderung und nicht an Überlegungen zum Thema Sucht orientieren.

Dosissteigerung kein Zeichen von Sucht

„Bei Schmerztherapien mit Opioiden, also Schmerzmitteln der Wirkstärke 2 und 3 nach dem WHO-Stufenkonzept, die wegen schwerer Schmerzen ärztlich verordnet werden, ist Suchtentwicklung selten", betonte Richard Frey, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Wiener AKH gestern zum Auftakt der 9. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG). „Dosis-Steigerungen sind oft durch eine Zunahme der Schmerzen erforderlich und kein Zeichen von Sucht. Und selbst wenn es unter einer mehrwöchigen Einnahme an den Nerven zu Adaptationsphänomenen mit dem Erfordernis einer Dosis-Steigerung kommen kann, so ist diese so genannte Toleranzentwicklung nicht mit der Entstehung einer Sucht gleich zu setzen", relativiert der Experte das verbreitete Vorurteil eines hohen Suchtpotenzials potenter Schmerzmittel. Die Gier nach der Substanz, ein Kontrollverlust oder veränderte Wirkungen des Suchtmittels, zum Beispiel Stimmungsaufhellung, seien wichtigere Alarmsymptome. Frey: „Bei sehr starken Schmerzen sollte sich die Therapie an der Schmerzlinderung und nicht an Überlegungen zur Sucht orientieren. Das gilt insbesondere bei Schmerzen infolge kurzfristig lebensbedrohlicher Erkrankungen, bei postoperativen Schmerzen, aber auch bei chronischen, starken Schmerzen, die eindeutig ein organisches Korrelat haben."

Suchtrisiko steigt mit dem Vorliegen psychischer Störungen

Achtsamkeit in Sachen potenzieller Suchtentwicklung sei dann angebracht, wenn Schmerzpatienten andere Abhängigkeiten haben, so Frey: „Eine Abhängigkeit von Alkohol oder Tabak erhöht die Gefahr einer Suchtentwicklung auf Analgetika."

Auch unbehandelte psychische Begleiterkrankungen erhöhen bei Schmerzpatienten das Suchtrisiko. Hier wird derzeit in einer Studie (Otto Lesch, AKH und Wilfried Ilias, KH der Barmherzigen Brüder, Wien) mit 800 Patienten erhoben, welche psychischen Probleme im Detail ein erhöhtes Risiko bedingen.

Opiat-Abhängige steigen nur über die Schmerztherapie in die „Suchtkarriere"ein, weiß Frey: „Erhebungen bei Substanzabhängigen in der so genannten Drogenszene haben gezeigt, dass bei weniger als fünf Prozent der Erstkonsum durch Schmerzen bedingt war, hingegen sind Neugier und psychische Probleme häufig angegeben worden."

Risiko Schmerzmittel-Kopfschmerz

Vor einem speziellen Risiko, wenn chronische Schmerzen mit Medikamentenübergebrauch einhergehen, warnt Frey: „In diesen Fällen besteht nicht nur ein erhöhtes Risiko für Suchtentwicklung, sondern auch ein Risiko für Dauerkopfschmerzen. Studien belegen eindeutig den kausalen Zusammenhang zwischen dem Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln und Kopfschmerzchronifizierung."

Trias, Schmerz, Depression, Sucht

Auch andere Zusammenhänge werden zunehmend aus den Ergebnissen der Hirnforschung klar, nämlich jene zwischen Schmerz, Depression und Sucht. „Es gibt im Hirn Regelkreise, die sowohl beim Schmerz als auch bei der Depression eine wesentliche Rolle spielen, wie das limbische System bzw. vordere Gehirnanteile. In der Schmerztherapie haben folglich auch antidepressive Medikamente, die in diesem Regelkreis wirken, einen hohen Stellenwert", so Frey. „Die im Zusammenhang mit Schmerz und Depression genannten Hirnareale sind auch für das Verlangen nach Belohnung und für die Suchtentstehung von zentraler Bedeutung. Die Suchtmittel Kokain, Amphetamin und Opiate können dort verstärkend wirken."

Der Schmerz beinhalte eine unangenehme Sinneswahrnehmung, verbunden mit einem unangenehmen Gefühlserlebnis. Das Schmerzerleben sei auch eng mit der Stressverarbeitung verbunden und bedeute selbst Stress. „Ein zentrales Anliegen der Schmerztherapie ist es, durch frühzeitige Behandlung Chronifizierungen zu vermeiden", tritt Frey für effektive Therapien ein. Bei Schmerzchronifizierung verliere der Schmerz mehr und mehr seine ursprüngliche Funktion, nämlich die Warnung vor einer Gewebsschädigung. Lernprozesse würden dazu beitragen, dass chronischer - andauernder - Schmerz fundamental unterschiedliche zum akuten Schmerz ist. Schmerzbewältigungsgruppen, wie sie von Martin Aigner auch an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie durchgeführt würden, könnten helfen, die psychischen Faktoren im Rahmen des Schmerzerlebens zu erkennen, und im Rahmen einer umfassenden multimodalen Schmerztherapie zur Linderung chronischer Schmerzen beitragen. (red)

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