Lückenhafte Sexualkunde für Jugend

13. Oktober 2009, 13:51
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Mehr Wissen über Sex bringt mehr Spaß im Bett - Emotionale Aufklärung wird an Österreichs Schulen besonders vernachlässigt

Wien - Haben „Aufgeklärte" später besseren Sex? Über welche Themenbereiche weiß die österreichische Jugend gut Bescheid, und wo gibt es Wissenslücken? Wer klärt eigentlich auf? Diese Fragen beantwortet die vierte Welle des Durex Sexual Wellbeing Global Survey unter dem Titel „Knowledge & Education". Bei der weltweit größten Studie ihrer Art haben insgesamt mehr als 26.000 Männer und Frauen aus 26 Ländern teilgenommen. Das spannende Ergebnis hierzulande: Je besser aufgeklärt, desto mehr Spaß am Sex. Und: Emotionen, Geschlechtskrankheiten und Verhütung nehmen im Sexualkundeunterricht an Österreichs Schulen viel zu wenig Platz ein.

Sexuelle Aufklärung ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil im Leben eines Heranwachsenden. Die aktuelle Durex-Studie belegt nun auch, dass der Grad der Aufklärung wesentlich mit dem späteren Sexleben in Zusammenhang steht. Mehr Wissen über Sex bringt mehr Spaß im Bett - und steigert auch die Selbstsicherheit. So sind sechs von zehn Österreichern (59%), die Aufklärungsunterricht genossen haben, mit ihrem sexuellen Wohlbefinden zufrieden. Bei den „Unaufgeklärten" ist es mit knapp 46% nicht einmal die Hälfte. In Deutschland und Frankreich ist die sexuelle Zufriedenheit der „Aufgeklärten" mit 47% etwas geringer als in Österreich. Zufriedener sind dafür die Mexikaner: 80% der Befragten mit Sexualerziehung fühlen sich sexuell wohl, in Spanien sind dies 65% und in Holland 61%. 

Sexuelles Selbstbewußtsein steigt

Auch Wolfgang Kostenwein, klinischer Sexologe und pädagogischer Leiter des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik, unterstreicht die Wichtigkeit von sexueller Aufgeklärtheit für ein erfüllendes Sexualleben: „Sexualität ist ein wunderbares Zusammenspiel von Körper, Kognition und der Fähigkeit, Gefühle wahrnehmen und genießen zu können. Gibt es in einem dieser Elemente Unsicherheiten, kann Sexualität nicht oder nur sehr schwer als Genuss erlebt werden. Das Wissen um den eigenen Körper macht es leichter, diesem Wertschätzung entgegen zu bringen und fördert somit auch das sexuelle Selbstbewusstsein. Nichtwissen hingegen kann erschreckend und einengend wirken. Sexuelles Selbstbewusstsein führt zu einer besseren Handlungskompetenz auch hinsichtlich der Fähigkeit, für sichere Verhütung zu sorgen und sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen."

Größtes Manko: Die Emotionen

59% der Österreicher, die Sexualunterricht erhalten haben, bekritteln ihr Informationsdefizit. Sie finden sie haben zu wenige Informationen bekommen, um ihr Sexleben in vollen Zügen genießen zu können. Was ihnen am meisten fehlt: Rat zu den emotionalen Aspekten des Sexuallebens wie Gefühlen, Nähe, Liebe und Respekt in einer Partnerschaft. Dieser Bereich wird laut der aktuellen Durex-Studie an Österreichs Schulen sträflich vernachlässigt. Nur jeder Zehnte (11%) hat von diesen Themen in der Schule gehört - aber mehr als die Hälfte (52%) hätte sich mehr „emotionale Aufklärung" gewünscht. Diesen Bedarf nach weitergehender Sexualkunde und -erziehung teilen weltweit 43% mit den Österreichern. Im Ländervergleich ist das Fehlen des Emotionsaspektes im Sexualunterricht in Österreich stärker ausgeprägt als in Deutschland und Italien (je 44%), in der Schweiz ist der Wunsch nach Emotion hingegen noch höher (56%). Dazu der Sexualexperte: „Jugendliche erhalten in der Schule viele Informationen rund um das Thema Sexualität, hauptsächlich über biologische Fakten. Diese Darstellungen sind aber nur dann interessant, wenn es möglich ist, einen Bezug zu echten Menschen, mit Gefühlen und Wünschen herzustellen. Zum einen fehlt in der Erklärung biologischer Fakten häufig der Brückenschlag zur aktuellen Lebenswelt von Jugendlichen, zum anderen fehlt oft auch die Begeisterung und Wertschätzung der Erklärenden gegenüber diesen Themen. Es ist schwierig, biologische Fakten in Bezug zu sich selbst zu verstehen, wenn wichtige Fragen zum Thema Sexualität unbeantwortet bleiben oder eine Wertschätzung zum eigenen oder anderen Geschlecht aufzubauen, wenn dieser Körperteil als „funktionales Etwas" mit komplizierten Bezeichnungen dargestellt wird."

Von der Menstruation zur Geburt

Bislang bilden laut den österreichischen Befragten vor allem physiologische Themen wie Schwangerschaft, Empfängnis, Verhütung, Pubertät und Menstruation die Schwerpunkte des sexuellen Aufklärungsunterrichts an österreichischen Schulen. Emotionale Aspekte machen nur rund ein Zehntel des Lehrstoffs aus. Bemerkenswert ist, dass der Wunsch nach mehr gefühlsbetonten Themen bei beiden Geschlechtern und in allen befragten Altersgruppen sehr hoch ist. 60% der österreichischen Frauen äußern dieses Bedürfnis, aber auch 48% der Männer würden ein vermehrtes Eingehen auf emotionale Aspekte begrüßen. Das Problem der mangelnden Thematisierung von Gefühlen im schulischen Sexualunterricht scheint außerdem eines zu sein, das sich über Generationen hinweg hält: So hätten sich 63% der 35-44 Jährigen mehr emotionale Inhalte im Sexualkundeunterricht erbeten, bei den 16-24 Jährigen äußern immer noch 53% diesen Wunsch. Im internationalen Vergleich ist der Ruf nach mehr Gefühl in Brasilien besonders laut (64%) und in China mit 37% eher ein Flüstern.

Lückenhafter Aufklärungsunterricht

Aber nicht nur an Emotionen fehlt es in der schulischen Sexualerziehung, auch Wissenslücken werden laut dem aktuellen Durex Sexual Wellbeing Survey sichtbar. Über zwei Drittel der „Aufgeklärten" (68%) bekritteln vor allem, nicht genug über sexuell übertragbare Krankheiten;HIV/AIDS gelernt zu haben. Immerhin noch mehr als ein Drittel (34%) der Befragten hätten außerdem gerne mehr über die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung erfahren. Verhütung scheint zwar laut dem oben aufgelisteten Themenspektrum eine wichtige Rolle im Sexualunterricht zu spielen, allerdings kaum in der von den Youngsters gewünschten Informationstiefe. „Aus diesem Grund begegnen uns immer wieder SchülerInnen, die genau erklären können wie ein Zyklus funktioniert oder auswendig wissen, wie viele Samenzellen pro Minute „produziert" werden, die aber aufgrund der rein theoretischen Wissensvermittlung z.B. keine Antwort auf eigene Verhütungsfragen finden. Hier fehlt in der Sexualerziehung häufig der Bezug zur emotionalen Welt und zum eigenen Handeln der Jugendlichen. Die Möglichkeit, das theoretische Wissen dann praktisch umzusetzen, bleibt damit auf der Strecke ", so Kostenwein.

Schule bleibt wichtigste Aufklärungsinstanz

Die Schule bleibt nach wie vor die wichtigste Informationsquelle in der sexuellen Aufklärung. Fast 70% der befragten „aufgeklärten" Österreicher halten den Sexualunterricht an Schulen für den wichtigsten Bestandteil ihres jetzigen sexuellen Wissens. Dadurch gewinnt die Kritik am Aufklärungsunterricht noch größere Relevanz. Auf Platz zwei der Informationsquellen steht hierzulande mit 62% der Freundeskreis, gefolgt von Magazinen (58%), Büchern (45%) und den Eltern (35%). Weltweit geben nur 25% der Befragten an, von den Eltern aufgeklärt worden zu sein - Österreich ist hier Spitzenreiter. Fast schon abgeschlagen rangieren das Internet und das Fernsehen mit knapp 28% bzw. 24%. Ähnlich sieht es auch der Rest der Welt: Mehr als die Hälfte (57%) der befragten Länder gaben die Schule als erste Aufklärungsinstanz an. Auch international sind Internet (38%) und TV (37%) nicht die Quellen der ersten Wahl, wenn sie auch deutlich mehr frequentiert werden als in Österreich. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es mittlerweile mit dem Internet eine quasi unendliche Informationsplattform gibt, jedoch die meisten Menschen es immer noch vorziehen, ihr grundlegendes Wissen über die schönste Nebensache der Welt aus „traditionellen" Quellen zu erhalten. (red)

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    Jugendorganisationen fordern einen neuen Sexkoffer für Österreichs Schulen, der neue und moderne Lehrmaterialien für einen eigenen Sexualkundeunterricht beinhalten soll.

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