Roman David-Freihsl

Die Bahn fährt am Kunden vorbei

12. Oktober 2009 18:59

Die hehren verkehrspolitischen Ziele scheitern an der tristen Realität der ÖBB

Die ÖBB könnte wunderbar funktionieren, wenn nicht ständig die Fahrgäste stören würden." Dieses schon in die Jahre gekommene Bonmot eines leidenschaftlichen, aber leidgeprüften Bahnfahrers wird einem seit Wochen tagtäglich schmerzhaft in Erinnerung gerufen. Chaos in der gesamten Ostregion, verwirrte und heillos verspätete Fahrgäste, dann endlich Gegenmaßnahmen - und flugs neues Baustellenchaos.

"Die ÖBB befördern täglich rund 1,2 Millionen Menschen, da muss die Kundenorientierung klar im Mittelpunkt stehen. Hier ist noch einiges zu tun", verkündete am Montag Infrastrukturministerin Doris Bures. Kann man unterschreiben. Aber wer muss da tätig werden? Das Bahnmanagement, sagt Bures. Aber die Ursachen sind vielschichtiger.

Vor dem großen Kunden-Bekenntnis pries die Ministerin die derzeitige Bauoffensive als wichtigen Konjunkturmotor. Stimmt schon. Aber wenn man, wie derzeit in Wien, alle wichtigen Bahnhöfe gleichzeitig in eine Baustelle verwandelt, braucht man sich wirklich nicht zu wundern, dass der Betrieb zusammenbricht. Und wenn, muss man sich schon Maßnahmen überlegen - und nicht erst reagieren, wenn schon wochenlang fast gar nichts mehr geht.

Eine andere Baustelle: Zu den jüngsten Meldungen, dass die ÖBB plant, Güterverkehr von Lastzügen auf Lkws umzuladen, ruft Bures aus: "Wir wollen von der Straße auf die Schiene verlagern und nicht umgekehrt." Klingt auch gut. Schließlich muss es vor allem aus ökologischer Sicht das oberste Ziel sein, Straßenverkehr möglichst einzudämmen und den umweltverträglichen Bahnverkehr so attraktiv wie möglich zu gestalten. Werden sich hier die nüchternen wirtschaftlichen Überlegungen durchsetzen oder die politischen Zielsetzungen? Man wird sehen, wer in dieser Frage am Ende des Tages wedelt: der Hund mit dem Schwanz oder vielleicht gar der Hund mit dem Frauerl?

Aber gilt das Credo "Schiene statt Straße" auch für die Nebenbahnen, die wieder einmal eingestellt und durch Busse ersetzt werden sollen? Und was ist mit der Verbindung Wien-Venedig, die künftig auch kein Zug, sondern ein Bus bedienen soll? Dazu heißt es zunächst einmal scheinheilig, dass sich die Italiener aus dem Fernverkehr zurückziehen und dass deshalb die Schiene leider das Nachsehen habe.

Tatsächlich hört man aber hinter gar nicht so vorgehaltener Hand: Der wirkliche Grund, warum die ÖBB nicht mehr mit dem Zug nach Venedig fahren will, sei die hohe "Schienenmaut", die Trenitalia verlangt. Die will man sich sparen, weil die Straßenmaut niedriger ist. Man muss ja sparen.

Ist das die großartige Förderung der Kundenzufriedenheit? Geht da "Schiene statt Straße" über alles? Es geht aber noch besser: Seitens des ÖBB-Personenverkehrs heißt es, dass man mittelfristig - also ab 2014 - daran denke, die Pontebbana-Achse wieder zu attraktivieren. Der Treppenwitz: Die Pontebbana ist genau die zur Hochleistungsstrecke ausgebaute Bahnstrecke durchs Kanaltal bis Venedig, die die ÖBB ab Dezember mit dem Bus bedienen will. Das ist entweder die blanke Verhöhnung der Bahnkunden oder schlicht Management per Chaos.

Zurück zu den kundenminimierenden Zuständen in Wien - wie reagiert die ÖBB? Am Montag mit einer Aussendung: "Die ÖBB starteten 2009 eine Informationsoffensive, um die Kunden auf das Baustellenjahr vorzubereiten. Gleichzeitig wurden interne Prozesse gestartet, um alle Informationskanäle zu verbessern." Da weiß der gelernte Bahnfahrer: Jetzt kann's ja nur besser werden, wenn sich die ÖBB auf die "internen Prozesse" konzentriert. Ab jetzt werden die Fahrgäste ganz sicher mit "verbesserten Kanälen" beglückt. Und sei es im Bus durch das Kanaltal. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 13.10.2009)

Kommentar posten
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DaPonte der Koch
 
14.10.2009 09:52
SSB

die schweizerisch Staatsbahn freut sich bekannt zu geben die durchschnittliche verspätung von 12,3 SEKUNDEN auf 7,4 gesenkt zu haben. (hab ich in zürich am bahnhof gehört)
SBB:" öffenlicher verkehr ist weniger eine frage des geldes, sondern eine frage des könnes!"

Lex
20.10.2009 12:07
Antwort der ÖBB auf die SBB

"Tja die Schweiz hat ja auch keine Kriegsschäden aus dem 2. Weltkrieg zu beheben gehabt"

hcl
20.10.2009 13:18

Der Krieg ist vorbei.

Lex
20.10.2009 19:44
..aber erst knapp 65 Jahre

... und die ÖBB hat nun mal Verspätung bzw. langsames reagieren als Motto ;-)

Christian_P
18.10.2009 14:10
Politik im Spiel.

Öffentlicher Verkehr ist eine Frage des Wollens.

amPunkt
13.10.2009 18:48
Na und? Fährt die Bahn einmal nicht am Kinden vorbei?

Wer 5 Mrd Staatssubvention bekommt, braucht keine Kindenfreundlichket mehr! Jährlich 5 Mrd seit Kaisers Zeiten!

Die ÖBB müsste ÖGB (Österreichische Gewerkschafts-Bahn) heißen, denn sie ist für die Eisenbahner da und nicht für die unguten Bahnfahrer!!!

So ist es halt wenn sich die Gewerkschaft eine Eisenbahn hält! Auf Kosten der Steuerzahler versteht sich!

Quim Barreiros
14.10.2009 14:11

So ein Blödsinn.

Die Eisenbahn hält sich eher die Bauindustrie, die versorgt werden will. Wenn man die Unterinntaltrasse nicht gebaut hätte, hätte man sich einiges Geld erspart, was man in sinnvollere Projekte stecken hätte können.

Kontrahent1
13.10.2009 18:32
Die Verbindung Graz-Linz war elendiglich,

trotzdem wurde sie genutzt. Natürlich nicht so stark, als wie eine gute Verbindung zu attraktiven Zeiten. Was macht die ÖBB ? Statt die Verbindungen zu optimieren wird ganz eingestellt. Damit haben sie auch meine Bahncard (ca. 8 Fahrten auf dieser Strecke p.a.) zurückbekommen und ich fahre halt immer Auto.

hcl
20.10.2009 13:20

Meine Vorteilscard habe ich auch letztes Jahr nicht mehr verlängert. Bei den Bahnverbindungen, wo soll man da noch hinfahren. Nach Innsbruck und Salzburg muß ich nicht und überall anders ist Fliegen mittlerweile schon bequemer, weil man wenigstens ohne mehrmaliges Umsteigen ankommt – und schneller ist es auch.

Eva W.
13.10.2009 18:21
Wieselrassen - 2 x bezahlt

In NÖ muss man Zoologe sein, um sich auszukennen: Mußte heute nach St.Pölten, aus dem Raum Wr. Neustadt. Gestern abends beschlossen, mit dem Öffi zu fahren. ÖBB-Homepage empfiehlt den Wiesel-Bus von Baden. Ich heut früh 6.15 Bahnhof Felixdorf kauf im Automaten ein Ticket nach St. Pölten (natürlich ist niemand am Bahnhof, den man fragen könnte). Steig in den Wiesel-Zug nach Baden und wechsle dort in den Wiesel-Bus. Ich zeig mein Ticket. Fehlanzeige! Das gilt da nicht - ist ein anderer Tarifverbund. Hab also aus Termingründen dann die Busfahrt noch extra bezahlt. Bitte warum sagt das keiner?? Warum steht auf der ÖBB-Homepage nicht: Achtung anderer Tarif - verschiedene, artfremde Wiesel??? Na hab die marode Bahn gesposert. Leider.

Dunkelbunter Kristof
19.10.2009 17:30
Schweiz:

Ein Ticket für Bahn, Bus, Schiff, Seilbahn etc.
(klar, es gibt ein paar Ausreißer, aber im Großen und Ganzen kann man praktisch alles mit einem Ticket benützen).
In Ö seit langem geplant. Nie umgesetzt.

Quim Barreiros
14.10.2009 14:16

Die Fusion der beiden Verkehrsverbünde VOR und VVNB ist eigentlich schon seit Jahren geplant und wäre längst überfällig, wird aber immer wieder verschoben.

Die Schuld ist aber nicht unbedingt nur bei den Verkehrsunternehmen, sondern auch bei den Gesellschaftern der Verbünde zu suchen, das sind die Länder Wien, NÖ und Bgld.
Vermutlich machen die Wiener und niederösterreichischen Politiker nicht genug Druck. Die Wiener Politiker wollen nur U-Bahnen bauen (und die liegen nur in der VOR-Kernzone - Problem gelöst) und die niederösterreichischen Politiker wollen nur Autobahnen bauen (und ÖV ist ihnen generell egal - Problem gelöst).

hcl
20.10.2009 13:22

Vorsicht: Wieselbus != VVNB/VOR. Die haben ganz eigene Tarife.

Quim Barreiros
20.10.2009 18:52

Ich dachte immer, Wieselbus wäre VVNB. Aber wenn der einen eigenen Tarif hat, passt das sehr gut ins Schema "niederösterreichische Verkehrsplanung".

Gerhard Grabner
13.10.2009 17:57
Baufirma ÖBB

Das Problem ist, dass die ÖBB als Plattform für die Baubranche mißbraucht wird. Rein sachlich wäre vieles, wo Milliarden verbaut werden, nicht notwendig. Dass der Porr-Chef Pöchhacker den Aufsichtsrat leitet, macht dieses Bild nur noch deutlicher.

Heidi Steigenberger
13.10.2009 17:50
chem
13.10.2009 17:30
Ich brau' keine Informationoffensive - ich brauch' pünktliche Züge !!

fabian am
13.10.2009 18:15
pünktliche Züge sind was feines

im moment schauts so aus dass man erst mal zuege einfordern muss, und erst im zweiten schritt um puenktlichkeit bitten.

Red Cloud
13.10.2009 17:23
bitte wen interessieren denn heute noch die kunden?

weder die bahn, noch die post, noch irgendein beliebiges unternehmen - kaum hat die "marie" ihren besitzer gewechselt, ist der kunde vergessen. service? ein fremdwort.

hauptsache, die shareholder sind zufrieden.

eamon clever
13.10.2009 17:20
das gejaule der pendler kann ich schon nicht mehr hören

zwar sind sie regelmäßige kunden, sie fahren aber zu einem preis, der sagenhaft niedrigen ist und von den weniger regelmäßigen fahrenden hereingebracht werden muss. Die fahren natürlich weniger, weil die sagen sich, bin ja ned deppert.
Ich fahre nicht regelmäßig aber häufig die 15/20 minuten die ein intercity oder ein euro regelmäßig aufreißen sind mir bei der verkehrsdichte auf der strasse wirklich wurscht, weil da stehen sie halt mit dem auto auf der tangente in wien oder am gürtel im stau. Würden die herrschaften die sich da regelmäßig aufregen auch vielleicht hier und da fliegen, würden sie wissen, dass verspätung schon fast zum richtigen meeting dazugehört.

Quim Barreiros
14.10.2009 14:18

Sorry aber nur weil es bei anderen Verkehrsmitteln noch schlechter ist?
Ich würde mich da eher am Besseren orientieren.
Ich bin vor einiger Zeit mit der Eisenbahn an den Pazifik gefahren und ich habe ein einziges Mal eine Verspätung von 20 min erlebt. Sonst waren alle Züge pünktlich unterwegs.

eamon clever
15.10.2009 12:07

orientiere mich nicht am schlechteren! Akzeptiere nur die fakten und versuche diese in meine planungen einzuarbeiten

cannery row
13.10.2009 19:31
dass verspätung schon fast zum richtigen meeting dazugehört..

in welcher branche? maroniofeneinzelhandel?
in meiner welt kommen sie einmal zu einem wichtigen meeting zu spät, und das wars dann.

und was wenigfahrer und preise betrifft: es fahren immer weniger leute mit dem zug, weil das service immer schlechter wird. eine katze, die sich in den schwanz beisst - da bedarfs vorleistungen, um das vertrauen der leute zurückzugewinnen.

preise: 1,80 für 22km bis zur stadtgrenze (mit 50% ermässigung). macht über den daumen 10 liter, auf die hundert gerechnet. ohne ermässigung sowieso jenseitig, und die ermässigungskarte muss man ja schliesslich auch bezahlen. und das argunment völliger verzicht aufs auto gilt auch nicht.

kurzum: sie haben weder ahnung, noch kennen sie sich aus.

eamon clever
14.10.2009 11:19
ich liebe so vermutungen von wichtigen aus der zweiten reihe

es gibt noch immer die tagesrandverbindungen mit denen sie mit schlafwagen bequem anreisen können, die 15/20 minuten am morgen können sie leicht innerstädtisch einholen.
Weiss ja nicht welche seminarhotels in der hinteren eiffel sie nutzen, wir treffen uns zumeist in einem flughafenhotel zu meetings, da weiss dann jeder wer zu spät kommt und warum. Weil die anreise am vortag nicht mehr bezahlt wird. So schaut´s aus. Um diese dinge auszugleichen macht man halt ein arbeitsfrühstück, wenn alle da sind geht´s los.
Weil die meetings sowieso 2/3 tage dauern. Also beruhigen sie sich wieder.

Joe Bradley
14.10.2009 09:29

Dann müssen Sie aber sowieso am Vortag anreisen, egal ob mit Flugzeug, Bahn oder Auto...
Und 22 km mit dem Auto kosten auch 5 - 10 Euro, also der Preis spricht nicht fürs Auto...

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