Vom freien Willen

12. Oktober 2009, 19:05
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"Wertkonservativ, wirtschaftsliberal, unabhängig": Für Andreas Unterberger gibt es bei Zeitungen keine Nische mehr

Zur Feier des Abgangs von Andreas Unterberger als Chefredakteur hat sich die "Wiener Zeitung" am Wochenende eine Verlagsbeilage zum Thema Willensfreiheit als philosophisches Problem gegönnt. Entsprechend allen Erwartungen an ein solches Produkt arbeitete sich Rudolf Burger vom alten Hellas über Augustinus, Schopenhauer und den berühmten materialistischen Physiologen Emil Du-Bois Reymond - einige kleinere Geister seien hier übergangen - bis zu Nietzsche vor, ohne den brandaktuellen Anlass direkt anzusprechen. Um das zu tun, hätte er seinen Beitrag, schon im Juli als Vortrag präsentiert, um die jüngsten Leistungen Unterbergers zu diesem Problem erweitern müssen, was man von einem der renommiertesten Philosophen des Landes auch wieder nicht verlangen kann. Dennoch hat er die willensmäßige Situation des Chefredakteurs vorweggenommen mit der Feststellung: Ein "philosophisches Problem" ist im Unterschied zu allen anderen Problemen, die keine philosophischen Probleme sind, ein solches Problem, dessen Status als Problem selbst problematisch ist - und mit einem solchen Problem haben wir es hier zu tun.

Präziser kann man es nicht sagen. Hätte der Bundeskanzler das vorher gewusst, nimmer hätte er seine Problemlösungskapazität an Unterberger zu messen gewagt. So aber sagte der den Konsumenten der "Wiener Zeitung" unfreien Willens Auf Wiedersehen!, was er an anderer Stelle, ganz das Problem, dessen Status als Problem selbst problematisch ist, aber sofort wieder mit der Ahnung ausschloss, er werde seine Laufbahn nicht bei einer Tageszeitung beenden, weil es "für so etwas wie mich, wertkonservativ, wirtschaftsliberal, unabhängig, keine Nische mehr" gebe.

Was nicht nur die Grenzen von Unterbergers freiem Privatwillen aufzeigte, sondern auch den Chefredakteur der "Presse" auf den Plan rief, der sich mit einer ehrlichen Selbstbeschreibung die Legitimation erteilte, die Weinerlichkeit seines Amtsvorgängers in die Schranken zu weisen. Nicht, dass es ausgerechnet mir an Verständnis für den Versuch der Selbstinszenierung als Anti-Mainstream-Held fehlen würde, aber um ihn wimmle es nur so, von wertkonservativen, wirtschaftsliberalen, unabhängigen, allerdings keiner Nischen bedürftigen jungen Menschen. Unterbergers Abberufung aus der - von Schüssel einst bereitgestellten - Nische entspreche nur seiner Bestellung.

Weniger glücklich verlief hingegen Fleischhackers jüngster Versuch einer Selbstinszenierung als Anti-Mainstream-Held, als er sich Sorgen machte, der Standard kann gar nicht mehr so gut werden, wie ihn die Media-Analyse aussehen lässt. Angesichts des wenig erfreulichen Abschneidens der "Presse" besann er sich seiner Devise "I scheiß mir nix" und verglich die Werte von unserem Mitbewerber mit dem Spitzenwert in der für die Luxustraktorenhersteller besonders wertvollen Zielgruppe der homosexuellen burgenländischen Bergbauern.

Die Media-Analyse sei eine weitgehend sinnfreie Methode zur Ermittlung von Zeitungsreichweiten und ein Betrug, was ihn zu der Frage verführte, welchen Drogencocktail muss man sich eigentlich ins Hirn gestellt haben, um zu glauben, dass durchschnittlich 4,4 Menschen ein "Standard"-Exemplar lesen? Nun wären frühere Chefredakteure der "Presse" in Fleischhackers Lage auch nicht glücklich gewesen, hätten ihrer Selbstinszenierung als Anti-Mainstream-Helden aber zweifellos eine andere Form verliehen und ihre Situation, damals noch rand- voll bürgerlich-humanistischen Feinsinns, eher mit der Devise "Cacatum nil a me alienum puto" umschrieben, als Fleischhackers direktere Ausdrucksweise zu wählen. Auch Medienjournalist Freddie Kräftner richtete in der "Wiener Zeitung" aus: Der junge Chefredakteur und sein Geschäftsführer müssten eigentlich langsam gelernt haben, dass die Zahlen der Mediaanalyse durch geeignete Maßnahmen zu steigern sind.

Und Kräftner vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen, worin man bei der "Presse" solche Maßnahmen bisher gesehen hat: In verbilligten Großverkäufen weit unter dem regulären Abopreis. Besser jedenfalls, als gegen homosexuelle burgenländische Bergbauern zu polemisieren - auch wenn es offenbar nicht viel bewirkt. Womit wir wieder bei der Willensfreiheit wären, deren Problem laut Rudolf Burger unter anderem darin besteht, dass nicht einmal klar ist, ob das in Frage stehende Phänomen real überhaupt existiert oder ob es sich nicht viel mehr um einen rein semantischen Effekt handelt. Wie bei der Selbstinszenierung als Anti-Mainstream-Held. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 13.10.2009)

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    Andreas Unterberger.

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