"Talent, das heißt Hoffnung auf einen Prohaska oder Krankl"

14. Oktober 2009, 10:57
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Der einstige Austria-, Rapid- und Teamspieler Michael Wagner über "ewige Talente", Ivanschitz und ein Angebot von Bayern München

derStandard.at: Steckt im österreichischen Nationalteam derzeit zuviel Talent?

Michael Wagner:  Auf eine gute Mischung kommt es an. Zu viele Junge kann es eigentlich gar nicht geben, nur braucht es immer auch routinierte Spieler, die in hektischen Phasen den Zug in die richtige Richtung lenken. Ivanschitz gehört in seiner jetzigen Form absolut ins Nationalteam. Aber der Fußball ist komplex, sehr viel hängt vom Team-Spirit und der Stimmung innerhalb der Mannschaft ab. Das Sagen hat Constantini, er muss ja auch seinen Kopf hinhalten.

derStandard.at: Hat sich das Anforderungsprofil an heutige Nationalspieler gewandelt?

Wagner: Ein schwaches Nationalteam ist eine Chance für junge Spieler. Als ich ein sogenanntes "Talent" war, vom Können her sicher mit dem einen oder anderen heutigen Teamspieler zu vergleichen, war das Nationalteam unerreichbar. Da hat es feste Größen gegeben, ein funktionierendes Team und ich war über Jahre nur auf Abruf dabei. An einem Andi Herzog gab es kein Vorbeikommen.

derStandard.at: David Alaba vom FC Bayern München wird mit 17 Jahren sein Teamdebüt geben, ein Talent, dass sich der ÖFB nicht wegschnappen lassen will und eine Aktion, der eine gewisse Absurdität nicht abzusprechen ist?

Wagner: Wenn jemand, der noch nicht einmal in einer Profiliga gespielt hat, zu Teameinsätzen kommt, wäre das allen Bundesliga-Profis gegenüber nicht gerecht. Man muss aufpassen, dass die Einberufung ins Nationalteam nicht davon abhängig wird, wie alt man ist, sondern davon, wie gut man ist. Alaba ist eine Ausnahme und kann nicht die Regel sein.

derStandard.at: Trauen Sie den "Constantini-Talenten" den Sprung zu einer EM-, WM-Endrunde zu?

Wagner: Mir imponiert die "scheiß mir nix Mentalität" einiger Spieler. Die sind auf einem guten Weg. Um dich weiterzuentwickeln, musst du als Fußballer ins Ausland gehen, nur dort lernst du regelmäßig auf hohem Niveau zu spielen.

derStandard.at: Warum werden die österreichischen Fußballtalente im Ausland meist schnell zu Reservisten?

Wagner: Österreichische Fußballer werden im Ausland belächelt. Wir haben das eine oder andere Mal richtig eine auf den Deckel bekommen. Vielleicht ist es besser, man wechselt schon als Nachwuchsspieler und nicht als österreichischer Fußballstar.

 

"Ich hatte ein Angebot von Bayern München, hab mich dann aber für Rapid entschieden"


derStandard.at: Mit 20 Jahren haben Sie die Austria Richtung Freiburg verlassen, war der Wechsel in die deutsche Bundesliga die richtige Entscheidung?

Wagner: Gute Frage. Ich denke aber schon. Schade war nur, dass wir sofort abgestiegen sind. Die zweite Liga wollt ich mir nicht antun. Ich hatte ein konkretes Angebote von Bayern München, Egon Cordes war dort Chef-Scout, und auch vom VFB Stuttgart, Franz Wohlfahrt hat mich empfohlen, aber die Aussichten dort zu spielen waren nicht sehr groß. Mit Rapid wollte ich in die Champions League kommen und mich dort fürs Nationalteam empfehlen, also bin ich zurück nach Wien gegangen.

derStandard.at: Vielleicht sind Sie der einzige österreichische Fußballer der ein Angebot von Bayern München ablehnte?

Wagner: (Schmunzelt) Wenn ich von dem Angebot erzähle, sind immer alle total verblüfft. Ich wollte Fußball spielen, war bereits Stammspieler bei der Austria und in Freiburg, jetzt bei den Bayern-Amateuren in der Regionalliga zu kicken, da hab ich lieber abgelehnt.

 

"Was wäre der Schritt gewesen, dass ich bei manchen Medien nicht als ewiges Talent gegolten hätte?"

 

derStandard.at: Wird man in Österreich schneller zum "Talent" als einem lieb ist?

Wagner: Man ist schnell oben, die Medien tragen dazu bei, dass man in den Zeitungen steht, Fan-Briefe bekommt und populär wird. Oft fehlt da ein bisschen die Zeit, um als Person zu reifen. 

derStandard.at: Was macht einen Fußballspieler zum "Talent"?

Wagner: Talent, das heißt auf einen Prohaska oder Krankl hoffen. Es ist eine Erwartungshaltung von außen, die oft überzogen ist. Ein guter Fußballer ist ein guter Fußballer. Kann man bei einem Teamspieler noch von Talent sprechen? Wann ist ein Talent, kein Talent mehr? Ich glaube, es geht dabei auch um Charakterzüge, Talente sind meist ruhige und unauffällige Spielertypen. Energische Typen wie ein Kühbauer Didi oder ein Ogris Andi gelten nicht lange als Talente. Was wäre der Schritt gewesen, dass ich bei manchen Medien nicht als ewiges Talent gegolten hätte? Das muss man mir erklären.

derStandard.at: Wann sind Sie als Fußballer vom Michi zum Michael geworden?

Wagner: Ich habe mich eigentlich ständig mit dem Fußball weiterentwickelt. Von meiner Karriere bei Austria, Rapid, in der deutschen Bundesliga und im Nationalteam können 99 Prozent aller österreichischen Fußballer nur träumen. Wenn dann ein Journalist über mich als ewiges Talent schreibt, weiß ich, dass er keine Ahnung von Fußball hat.

 

"Der Druck und überzogene Erwartungen können junge Spieler zerstören"


derStandard.at: Sebastian Deisler bekam vom Druck ein deutsches "Jahrhunderttalent" zu sein Depressionen, mit 27 Jahren beendete er seine Karriere. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben, wie der Fußball ihn Krank machte.

Wagner: Der Druck und überzogene Erwartungen können junge Spieler auch zerstören. Das Beispiel Ivanschitz hat gezeigt, wie sich so etwas negativ auswirken kann. Junge Spieler sollten das Recht haben, sich auch schlechte Spiele erlauben zu können.

 

"Der Fan-Konflikt bei der Austria stimmt mich traurig"

 

derStandard.at: Sind Sie als Ex-Austria-Kapitän glücklich mit den jüngsten Entwicklungen in Favoriten seit dem Abgang Frank Stronachs?

Wagner: Ich freue mich, dass die Austria nicht in das befürchtete Loch nach Stronach gefallen ist. Was mich traurig stimmt, ist der jüngste Fan-Konflikt. Ich appelliere als Austria-Fan an alle, gemeinsam hinter der Mannschaft zu stehen.

derStandard.at: Rapid hat es geschafft auf internationaler Ebene zu überraschen, was trauen sie ihrem Ex-Verein zu?

Wagner: Rapid muss man mittlerweile fast alles zutrauen. Die Erfolge auf internationaler Ebene waren kein Lucky Punch, Hut ab.

derStandard.at: Sie betreuen als Spielertrainer den Sport- und Turnverein Obergänserndorf, was hat sie in die Gebietsliga Nord/Nordwest (sechste Leistungsstufe) verschlagen?

Wagner: Eigentlich wollte ich nach einem Jahr Pause einfach wieder Fußball spielen. Der Trainerjob macht mir aber so viel Spaß, dass ich jetzt den Trainerschein mache.

derStandard.at: Die Kronen Zeitung hat sie 2003 zum erotischsten Österreicher gekürt, vermissen sie den österreichischen Sport-Journalismus?

Wagner: (Lacht) Ich schau täglich in die Zeitungen und kann als Leser darüber schmunzeln. (Simon Hirt, derStandard.at, 14, 10. 2009)

Zur Person: Michael Wagner spielte mit 17 Jahren sein erstes Spiel für die Wiener Austria, ging mit 20 als "großes Talent" zu Freiburg in die deutsche Bundesliga. Nach seiner Rückkehr kickte er für Rapid, Austria, Admira und Schwadorf, im Jänner 2009 beginnt  er mit 33 Jahren als Spielertrainer bei Obergänserndorf. Mit der Austria machte er sich zum Meister, Cupsieger und erreichte 2005 das UEFA-Cup-Viertelfinale. Im Nationalteam spielt er zehn Mal und debütierte unter Hans Krankl gegen die Schweiz.

  • Obergänserndorf-Trainer Michi Wagner trägt immer noch gerne Violett.
    foto: derstandard.at/simon hirt

    Obergänserndorf-Trainer Michi Wagner trägt immer noch gerne Violett.

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    Michi Wagner hatte bei der Wiener Austria lange Zeit Mühe, dem Status eines Supertalents empor zu wachsen.

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    Didi Kühbauer packt das entwachsene Austria-Talent Wagner bei den "Ohrwaschln"

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    Michi Wagner als Träger der krankelschen Team-Hoffnungen.

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