"Die Wien ist ein komplexes Etwas"

12. Oktober 2009, 19:03
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Im Rahmen des Wiental-Symposiums hält Vito Acconci einen Vortrag über seine Flussprojekte. Im Gespräch mit Wojciech Czaja erklärt der US-Architekt und Künstler, was das Reizvolle am Wasser ist

Standard: Sie sind Künstler und Architekt. Welches Milieu ist Ihnen vertrauter?

Acconci: Ich war Künstler und Architekt. Jetzt würde ich mich als Designer und Architekten bezeichnen. Design ist alltäglicher, mitten im Leben. Ein Besteck zu entwerfen macht mich heute glücklicher als Kunst.

Standard: Und Sie mögen Wasser.

Acconci: Ja, mich reizt Wasser sehr. Deshalb habe ich schon viele Projekte in diesem Milieu gemacht.

Standard: Ihr einziges größeres realisiertes Flussobjekt ist die Murinsel in Graz. Sind Sie damit zufrieden?

Acconci: Was mich immer geärgert hat, ist ihre Lage. Ich muss gestehen, dass ich den Fluss in seinen Wassermassen überschätzt habe. Ich hatte an eine Insel gedacht, die frei in der Flussmitte schwimmt und rundherum von Wasser umgeben ist. Doch der Wasserstand ist die meiste Zeit so niedrig, dass die Insel mehr einer Brücke als einem schwimmenden Objekt gleicht.

Standard: Sie werden am Mittwoch einen Vortrag über das Bauen am und im Wasser halten. Wie machbar sind solche Projekte in Wien?

Acconci: Ich habe schon so oft darüber nachgedacht, in Wien mit dem Wasser zu arbeiten. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen. Es gab sogar schon konkrete Pläne für den Donaukanal. Aber irgendwie ist in Wien alles schwieriger als anderswo.

Standard: Konkret geht es um den Wienfluss. Jeder hat Ideen, keiner macht was draus. Woran krankt es?

Acconci: Der Wienfluss ist ein komplexes Etwas. Er mag zwar ein interessanter Fluss mit Geschichte sein, aber er ist ein schwieriger Ort. An den meisten Stellen habe ich das Gefühl, dass man ihn erst suchen muss. Was man sucht, das ist ein Fluss. Was man findet, ist eine betonierte Vene, in der flüssige und feste Materie schwimmt. Sehr eigenartig. Einen Kerl wie mich spricht das ja vielleicht an, aber objektiv betrachtet ist dieser Fluss weder freundlich noch einladend.

Standard: Ist die Wien zu retten?

Acconci: Lassen Sie es mich in den Bildern aus dem Film Der Dritte Mann erklären. Der Film ist dicht und kräftig. Nach wenigen Minuten hat man ein klares und deutliches Bild dieser Stadt und der Stimmung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Und dann ein wunderschönes Ende: In der letzten Einstellung geht Anna gleichgültig durchs Bild. Und geht, und geht - und plötzlich ist der Film zu Ende. Das ist großartig! Ich denke, das Fade-out sagt viel aus über diese Stadt.

Standard: Bei Ihrer Arbeit "Seedbed" im Jahr 1972 haben Sie sich in der Sonnabend Gallery unter einen Holzboden gelegt und dort tagelang gewohnt. Dabei waren Sie über einen Lautsprecher mit dem Publikum verbunden, während Sie beispielsweise masturbiert haben. Welche Gedanken haben Sie heute, wenn Sie an damals denken?

Acconci: Ich war damals Teil der Architektur. Ich bin da unten gelegen von früh bis spät. Die Masturbation war eine Last-Minute-Aktion. Ich habe mir gedacht, bevor jetzt alles zu Ende ist, brauche ich unbedingt noch etwas, von dem ich zehren kann. Einfach nur da liegen, auf die schönen Fußsohlen schauen und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, das ist mir auf Dauer zu wenig. Heute denke ich mir: Ja, das waren die Siebziger. Und was ich mir noch denke, ist, dass ich mich heute nicht mehr unter einen Holzboden in einer Galerie legen und mir dort einen runterholen würde. Die Keynote des 21. Jahrhunderts lautet nämlich, und das ist gut so: Du musst dich nicht mehr auf eine einzige Sache konzentrieren. Und deswegen entwerfe ich künstliche Inseln und denke über Suppenlöffel nach. (Wojciech Czaja, DER STANDARD/Printausgabe 13.10.2009)

 

Info

Wiental-Symposium "Urbane Flusslandschaften. Stadt trifft Fluss", 14. 10. Urania, 1., Urania-straße 1. Von 9.00 bis 19.00 Uhr
Der New Yorker Architekt Vito Acconci: "Objektiv betrachtet ist dieser Fluss weder freundlich noch einladend."

  • ZUR PERSON: Vito Acconci (69) ist Architekt, Landschaftsarchitekt und Künstler
und lebt in New York. Zu seinen bekanntesten Arbeiten und Performances
zählen "Seedbed" (1972), "Courtyard in the Wind" (2000) und die Grazer
Murinsel (2003).
    foto: atelier vito acconci

    ZUR PERSON: Vito Acconci (69) ist Architekt, Landschaftsarchitekt und Künstler und lebt in New York. Zu seinen bekanntesten Arbeiten und Performances zählen "Seedbed" (1972), "Courtyard in the Wind" (2000) und die Grazer Murinsel (2003).

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