Tempel der Lust und Haus des Gedenkens

12. Oktober 2009, 19:07
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Mit der Neueröffnung des Theaters Nestroyhof in der Leopoldstadt erfährt eine verschüttete Tradition ihre Wiederbelebung: Eine Mittelbühne soll künftig über Amüsement und jüdische Identität in Wien erzählen

Wien - Lässt man das Schaufenster des neuen Theaters Nestroyhof ("Hamakom") im zweiten Wiener Gemeindebezirk rechts liegen, betritt man die Czerningasse. Folgt man dem Verlauf dieses nicht weiter auffälligen Verkehrswegs, prallt man mit der Stirn auf das Hinweisschild eines alteingesessenen Kfz-Betriebes: "Vergaser" steht in schmucklos abfallenden Lettern vor einer grau-abweisenden Häuserfront.

Direkt gegenüber liegt übrigens das ehemalige Wohnhaus von Victor Frankl. Vom Inhaber der Werkstätte wird folgender achselzuckender Ausspruch überliefert: "Wenn i a Radio-Gschäft hätt, tät i Radio draufschreiben; aber i mach halt Vergaser. Des is olles ..."

Aus dem Nestroyhof, diesem verschüttgegangenen Kleinod der Wiener Jugendstil-Baukunst, ist nun doch ein Theater geworden. Amira Bibawy und Frederic Lion haben das vielleicht merkwürdigste Lustspielhaus der Stadt in ihre Obhut übertragen bekommen: ein ehemaliges Varietétheater, das bis zum "Anschluss" 1938 eine verwegene Mischung aus Amüsement und intellektueller Schärfe an ein jüdisches Publikum verabreichte.

Im Haus am Nestroyplatz wurde Frank Wedekinds Die Büchse der Pandora als Privatvorstellung erstaufgeführt. Wer heute den Keller betritt, in dem die Schautafeln der Ausstellung über die Wehrmachtsdeserteure stehen, atmet tief durch: In einem Eckchen, wo ehedem nichts als Verputz klebte, sieht man den Ausschnitt einer oberägyptisch anmutenden Lüftlmalerei.

Bis 1942 war vor Ort die "Tanzbar Sphinx" eingerichtet; man kann sich denken, dass nicht nur Wedekinds "Lulu", sondern manch wackere Tochter im Geiste der Josefine Mutzenbacher hierorts nicht nur für tänzerische Furore sorgte. Die Nachkriegsgeschichte ist hingegen rasch erzählt: Die Besitzer der 1951 unter nicht restlos geklärten Umständen notverkauften Liegenschaft vermieteten das von seinen Kriegsverletzungen wiedergenesene Haus an diverse Supermarktketten.

Schnitt. Amira Bibawy und Frederic Lion, die heutigen Inhaber des Theaters Nestroyhof, blicken durch die Fensterfront ihres Foyers auf Wettbüros und muslimische Frauen mit Kinderwagen. "Es ist ein bisschen wie in Brooklyn hier", erzählt Bibawy. Noch ehe der Vorhang am 3. November wirklich hochgeht, soll der Nestroyhof als Begegnungsstätte im Bewusstsein der Stadt verankert werden. "Wir sind hier im gefährlichen Eck der Leopoldstadt", sekundiert Lion. Lokale Messerstechereien, die sich in Rufweite abspielen, seien hierorts keine Seltenheit.
Labyrinth mit Zukunft

Regisseur Lion war 1993 durch Zufall an die Spielstätte geraten: "Ich war aus Zürich nach Wien gekommen. Jemand aus der SPÖ sagte mir: Da gibt es einen tollen Keller!" Die Bespielbarkeit des Labyrinths stellte sich freilich als Ding der Unmöglichkeit heraus: Oben war der Supermarkt; der Keller schien von außen unbegehbar.

Überhaupt galt der "zweite Hieb" noch nicht als schick. Ein Mitbesitzer mit Prekariatsrecht fasste schließlich den Beschluss, den auratisch aufgeladenen Ort einer kulturellen Zwischennutzung zuzuführen: Episoden fanden statt - doch die Wiener Stadtväter und Stadtmütter fühlten keine wie immer geartete Verantwortlichkeit.

Heute führt Lion, der im Dezember 2008 eine Mittelbühnenförderung von 270.000 Euro zugesprochen bekam, den Besucher stolz durch den Hauptsaal: Die Glasdecke der Oberlichte ist von Taubenkadavern gereinigt. Zu ebener Erde wird der Fußboden geheizt; auf der Galerie, die ehedem den Künstlern vorbehalten war, wird Ruhe herrschen. Lion träumt von ständig wechselnden Raumlösungen, die das geschmackvollste, gewiss aber irrwitzigste Saisonprogramm der Stadt zur Geltung bringen sollen: Am 3. November feiert Ilan Hatsors palästinensisches Rückkehrerdrama Small Talk seine Erstaufführung; im Jänner hat Werner Koflers bitter-komisches Tanzcafé Treblinka Premiere.

Bereits im Dezember gastiert Hanspeter Horner mit Antonio Fians Hennir. Planungsarbeiten schließen Beiträge von David Maayan und Michael Gruner ein, wobei letzterer Else Lasker-Schülers Emigrationsstück Ich & Ich nach Österreich verfrachtet.

Im Theaterraum hört man die eigene Stimme hallen. Hier soll, erzählt Lion, Hans Moser in der Zwischenkriegszeit an der Seite jüdischer Stand-up-Comedians aufgetreten sein. Er grinst: "Glauben Sie denn, dass geniale Genuschel war auf seinem eigenen Mist gewachsen?" Bibawy sagt: ",Hamakom' ist der Ort - im Grunde ein Nicht- oder Noch-nicht-Ort." Die Stadt Wien lässt sich den auflagengerechten Umbau einer lange versunken gewesenen Stätte 400.000 Euro kosten. Jetzt müssen die "Dibbuks", die Seelen der jüdischen Toten, schon selbst tanzen. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 13.10.2009)

 

  • Klinken sich in eine unterbrochene Überlieferung ein: Amira Bibawy und Frederic Lion.
    fotos: regine hendrich

    Klinken sich in eine unterbrochene Überlieferung ein: Amira Bibawy und Frederic Lion.

  • Ein Theaterort mit jüdischer Geschichte, der als Kleinkunstbühne,
zuletzt aber auch als temporäre Wirkungsstätte für das
"theatercombinat" oder für Robert Quitta herhielt: der Nestroyhof.
    fotos: regine hendrich

    Ein Theaterort mit jüdischer Geschichte, der als Kleinkunstbühne, zuletzt aber auch als temporäre Wirkungsstätte für das "theatercombinat" oder für Robert Quitta herhielt: der Nestroyhof.

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