"Newton war ein religiöser Mensch"

12. Oktober 2009, 18:13
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Chemie-Laureat Ahmed Zewail über arabische Wissenschaft und Barack Obama

Wien - Es ist schon wieder zehn Jahre her, dass Ahmed Zewail mit dem Chemie-Nobelpreis (für seine Forschungen über ultrakurze Zeitbereiche, die sogenannte Femtochemie) ausgezeichnet wurde. Das Besondere daran: Erstmals erhielt damals ein Forscher aus Ägypten den renommiertesten Wissenschaftspreis der Welt.

Seine eigentlichen Entdeckungen hat Zewail zwar in den USA gemacht, und seit Jahren arbeitet er am California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena. Doch im Gespräch mit dem Standard - wie auch in seiner Biografie Reise durch die Zeit - Weg zum Nobelpreis (Wiley, 2006) - legt er Wert darauf, dass er in seinem Heimatland eine hervorragende wissenschaftliche Grundausbildung erhalten habe.

"Damals in den 60er-Jahren ist es auch kein Problem gewesen, über Darwin oder andere wissenschaftliche Fragen in der Öffentlichkeit zu diskutieren", so Zewail, der sich seit Jahren aktiv für eine Renaissance der Bildung und der Wissenschaft in der arabischen Welt einsetzt und darüber erst vor wenigen Tagen einen vielbeachteten Gastkommentar in der Herald Tribune veröffentlichte. Dabei müsse man gar nicht 1000 Jahre zurückgehen, als arabische Gelehrte Europa mit wissenschaftlichem Wissen versorgten, so Zewail, sondern eben nur ein paar Jahrzehnte. Dafür bedürfe es aber auch finanzieller Unterstützung vom Westen.

Dass in den vergangenen Jahren Religion für politische Zwecke missbraucht wurde, ist für Zewail jedenfalls kein auf den Islam beschränktes Phänomen. Und er ist überzeugt, "dass es keine ernsten Widersprüche zwischen Glauben und Wissenschaft gibt". Schließlich sei auch ein Geistesriese wie Isaac Newton ein religiöser Mensch gewesen.

Zewail engagiert sich politisch aber nicht nur für eine Renaissance der Wissenschaft in der arabischen Welt, der Laureat gehört auch einem erlauchten Kreis von Experten an, die US-Präsident Barack Obama in Sachen Wissenschaft und Technologie beraten, wobei es nicht nur um Fragen der Forschung gehe: "Präsident Obama ist bei unseren Diskussionen an allen großen Fragen des 21. Jahrhunderts interessiert: wie etwa die Bildung oder das Gesundheitssystem der Zukunft aussehen wird oder welche Auswirkungen der Klimawandel hat." Und er ist voll Lob für den Friedensnobelpreisträger: "Obama stellt die richtigen Fragen, und er trägt sein Herz am rechten Fleck."

Die wissenschaftlichen Nobelpreisvergaben des Jahres 2009 hält Zewail jedenfalls für völlig legitim. Dass - wie heuer in der Physik mit dem Glasfaserkabel - mitunter auch sehr praktische Erfindungen zum Zuge kommen, sei schließlich auch im Sinne des (Dynamit-)Erfinders Alfred Nobel gewesen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 10. 2009)

  • "Ich bin überzeugt, dass es keine Widersprüche zwischen Glauben und Wissenschaft gibt." Ahmed Zewail, Obama-Berater.
    foto: r. hendrich

    "Ich bin überzeugt, dass es keine Widersprüche zwischen Glauben und Wissenschaft gibt." Ahmed Zewail, Obama-Berater.

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