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Der lebendige Mythos vom NS-Paradies

12. Oktober 2009, 16:56
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    Kämpft gegen weitere "Verstümmelungen"  durch private Investoren und für eine zeitgemäße Gedenkstätte auf nur einem Prozent der Gesamt-fläche: Projektleiter Jürgen Rostock.

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    Als Erholungsstätte für 20.000 Volksgenossen geplant: ein Teil des noch erhaltenen Prora-Komplexes, im Vordergrund mit künstlerischen Arbeiten im Rahmen des Dokumentationszentrums.

Mit "Kraft durch Freude" wollte das NS-Regime den Deutschen und der Welt ein Arbeiterparadies vorgaukeln

Davon zeugt die Ferienanlage Prora - als Mahnmal und Propagandaobjekt.

*****

Prora - Die Ostsee-Insel Rügen gilt als Urlaubsparadies. Auch Geschichtsinteressierte kommen auf ihre Kosten. Die Insel war einmal schwedisch, und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihre östliche Küste, insbesondere das Ostseebad Binz, zur beliebten Sommerfrische für den deutschen Adel, angeführt von Kaiser Friedrich Wilhelm I.

Doch es gibt auf Rügen ein Relikt ganz anderer Art, das aus Deutschlands jüngerer Vergangenheit stammt und bereits zwei Diktaturen, das Dritte Reich und die DDR, überlebt hat: Es ist das KdF-Bad Prora, das nach wie vor von Mythen umhüllt ist und dessen weiteres Schicksal in der Luft hängt.

Prora war ein Vorzeigeprojekt der NS-Führung, der Traum vom Urlaubsparadies für die sogenannten Volksgenossen. Die sich über fünf Kilometer erstreckende Anlage wurde Mitte der 1930er-Jahre von der Organisation "Kraft durch Freude" , einer Unterabteilung der NS-Pseudogewerkschaft Deutsche Arbeiterfront, konzipiert. Hier hätte ein Seebad der Superlative entstehen sollen, wo 20.000 Volksgenossen gleichzeitig Urlaub machen sollten.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die Arbeiten eingestellt. Im Krieg befanden sich hier ein Lazarett und ein Flüchtlingsheim für ausgebombte Hamburger. In der Nachkriegszeit sei ein Teil der KdF-Blocks durch die Sowjetarmee gesprengt worden, während die Volksarmee der DDR, die um Prora ein militärisches Sperrgebiet errichtet habe, dort Sprengversuche und Häuserkampfübungen durchgeführt habe, sagt Jürgen Rostock, Leiter des Projekts Prora von der Stiftung Neue Kultur.

Bis heute sind die alten Prora-Mythen lebendig, die unter anderem in vielen Rügen-Reiseführern vorkommen. Laut einem davon sei der Mammutbau so stabil, dass ihn nicht einmal die Sowjetarmee zu sprengen vermochte. Doch das stimme überhaupt nicht, widerlegt Rostock. "Was gesprengt werden sollte, ist gesprengt worden. Zum Beispiel der allersüdlichste Block - der ist ganz weg, genauso wie die zwei Blocks im Norden."

Wie entstehen dann solche Legenden? Eine der Antworten: Prora lässt sich bis heute zur Verherrlichung des NS-Regimes benutzen. Laut Rostock habe das KdF-Bad von Anfang an Propagandazwecken gedient: Die Volksgenossen zu entpolitisieren und durch Zerstreuung fürs Regime zu gewinnen.

Heute führt Heike Tagsold, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Dokumentationszentrum Prora, Besuchergruppen durch die Ausstellung "MACHTUrlaub!" , die seit 2005 in einem der KdF-Blocks präsentiert wird. Tagsold ist überzeugt, der Mythos vom NS-Urlaubsparadies gehöre immer aufs Neue entzaubert, denn das KdF-Bad Prora, zusammen mit den KdF-Schiffsreisen, habe eine der wenig schrecklichen Seiten des NS-Regimes gebildet.

Und diese Aspekte des NS-Regimes - neben dem Projekt Autobahn und Volkswagen - sind für Neonazis ein perfektes Propaganda-Argument. "Es gibt wieder neonazistische Internetseiten, wo behauptet wird, den deutschen Sozialstaat der Nachkriegszeit habe niemand anderer als der Führer begründet" , sagt Tagsold. Und Projekte wie Prora werden dazu gern als Beispiel angeführt.

Indessen hängt die Zukunft des Dokumentationszentrums, das jährlich 80.000 Besucher, darunter viele Schulklassen, empfängt, weiter in der Luft. Man bekomme zwangsläufig den Eindruck, dass sich das Ganze im Sinne der KdF weiterentwickle, scherzt Rostock. Das Dokumentationszentrum ist als Mieter von der Gunst eines der privaten Investoren abhängig, an die die Anlage in den 1990er-Jahren verkauft wurde.

Staatliches Desinteresse

Außer ein paar Versprechungen einiger Minister hat das Projekt Prora von der Stiftung Neue Kultur bisher an staatlicher Hilfe wenig erfahren. Rostock: "Es war ein Panikverkauf. Und jetzt macht jeder Investor mit jedem Gebäude, was ihm einfällt. Dabei wäre hier unter anderem der Denkmalschutz gefragt, weil die Investoren bereits große Verstümmelungen an Gebäuden vorgenommen haben."

Wer heute Prora besucht, wird inmitten einer idyllischen Rügen-Landschaft mit einem kasernenartigen, heruntergekommenen Bau konfrontiert. 1937 erhielt das KdF-Projekt bei der Internationalen Ausstellung in Paris sogar einen Grand Prix. Dagegen scheint sich das demokratische Deutschland für die symbolische Bedeutung der Anlage, die sie als Denkmal einer totalitären und monumentalistischen Ideologie prädestiniert, nicht zu interessieren. (Tatjana Montik/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 33
1 2
Dr. e. h. Scheibe
00
26.10.2009, 22:52
Abreißen!

Weg damit!

Dieses grausige Ding benötigt absolut niemand! Gegen dieses Gebäude ist ja ein Hotelhochhaus mit 30 Stockwerken wunderschön - egal wie's ausschaut!

Etchno
15
14.10.2009, 15:33

jeden tag gibts was über die ns-zeit - ausstellungen, filme, theater, artikel, bücher, dokus...
ok! trotzdem hör ich ständig, wir würden diese teil der zeitgeschichte nicht aufarbeiten. mag sein das es mal so war, aber gerade die letzten jahre werde ich überdurchschnittlich oft mit diesem thema konfrontiert. langsam kann ichs nicht mehr hören. was kommt als nächstes? das abgrundtief böse sexleben in der ns-zeit? hatten wir wahrscheinlich eh schon.

pipi pipifax
10
18.10.2009, 17:11

angesichts erguesse unten, wundert einen nicht, dass sie das nicht mehr hoeren koennen. andere koennen rechte dumpfbackenfloskeln nicht mehr hoeren. gleicht sich also aus.

Kapitalismus Luege
34
13.10.2009, 15:47
wenn ein Regime alles schlecht gemacht hat,

dann schadet das der Glaubwuerdigkeit der Historiker.

pipi pipifax
10
18.10.2009, 17:08

oje, da will doch jemand gar revisionistisch-originell sein.

Heast
32
13.10.2009, 12:46
ekelhafter bau

abreißen ist die beste lösung

haudi
18
13.10.2009, 12:26
Na do schau her

Da hat sich die DDR-Kultur ja zu 100% davon unterschieden...

Dr. e. h. Scheibe
00
26.10.2009, 22:49
Kultur ja, Architektur nein!

spunk
30
13.10.2009, 11:22

da fehlt nur noch die ergänzung daß der überfall der wehrmacht auf die nachbarn ein akt des extremistischen tourismus war all inclusive-all you can kill

Artischoke
013
13.10.2009, 03:07
Das Desinteresse ist meiner Meinung nach berechtigt, Prora gehört nicht zu den Gründen warum die Nazis so verabscheungswürdig sind.

Ziel "Die Volksgenossen zu entpolitisieren und durch Zerstreuung fürs Regime zu gewinnen"? Das klingt nur mehr bemüht. Jeder Staat hat Beispiele en masse zu bieten die dieses Kriterium erfüllen. Und dass eine Führung beliebt sein will ist nur natürlich. Bleibt als einziges Argument der Neonazi-Argumentation entgegen zu treten. Aber damit gibt man deren Argumentation einen Anschein von Relevanz. In Wirklichkeit spielt es keine Rolle ob Prora für Hundertausende Deutsche einen ganz ganz tollen Urlaub bedeutet hat um die Nazis zu beurteilen. Ein gegenteiliger Eindruck kann entstehen wenn man sich auf die Debatte einlässt und darauf besteht jeden einzelnen Aspekt Nazi-Deutschlands zu dämonisieren.

Waschbären in der Trockenreinigung
11
15.10.2009, 09:58

"In Wirklichkeit spielt es keine Rolle ob Prora für Hundertausende Deutsche einen ganz ganz tollen Urlaub bedeutet hat um die Nazis zu beurteilen." - Vergessen Sie da nicht etwas? Das KdF-Programm war ein wesentlicher Bestandteil der Propaganda.

Einmal abesehen davon, das die Anlage nicht mehr rechtzeitig vor dem Krieg fertig wurde und dort nie jemand Urlaub gemacht hat - es liegt genau an solchen Dingen, dass viele Leute immer noch glauben,es hätte ja auch irgendwie seine guten Seiten gehabt...

Artischoke
01
15.10.2009, 20:07

Wenn Sie meinen dass es eine Rolle spielt stelle ich den Umkehrschluss in den Raum: Hätten die Nazis auf Prora verzichtet, würde Sie dann heute ein (auch nur um eine Nuance) milderes Urteil verdienen?

Waschbären in der Trockenreinigung
00
18.10.2009, 12:37

Natürlich nicht. Aber es ist nun einmal Teil des Phänomens, dass dieses System zwei Gesichter hatte.

andreas lamers
 
11
13.10.2009, 18:21
wichtiger punkt den sie uebersehen

ist das die nazis von heute argumentieren das hitler ja alles nur fuer das volk gemacht hat, incl den voll bezahlten urlaub fuer die arbeitenden massen, wo dann die kz entweder als kolateralschaden (ist versehentlich passiert) oder als luege abgetan werden. das gerade die KdF schon kinder auf den frueher doktriert haben wird verschwiegen, das dann gerade die HJ im Volksturm augeboten worden ist, und die kinder bei den amerikaner mehr gefuerchtet waren als die erwachsenen(die waren so vernuenftig sich zu ergeben, die kinder haben immer noch geschossen und damit die ausloeschung ganzer staedte riskiert, abgesehen davon das die us-truppen es nicht verstanden haben das kinder in den tod geschickt worden sind.

fibiundchillie
31
14.10.2009, 08:09

nicht zu vergessen die indoktrination der kinder ab schuleintritt (!). "Achte auf das reine deutsche Blut" o.ä. Wirkt bis heute nach.

hlg
01
16.10.2009, 06:42
ich sage nur...

gratiskindergarten für alle! ;-)

Etchno
26
14.10.2009, 15:13

noch aktueller kenn ich das übrigens vom islam, aber da darf das auf keinen fall kritisiert werden.

pipi pipifax
20
18.10.2009, 17:10

geht's noch geistig flachwurzlerischer?

Dr. e. h. Scheibe
00
26.10.2009, 22:50
Na, und wie! Haben Sie eine Ahnung!

Tethys
65
13.10.2009, 09:23

Nun, Prora ist ein Teil des Gesamtbildes.
Tausende sollten gemeinsam Urlaub machen - ein Nebenaspekt war, dass die Menschen so auch im Urlaub, in der Freizeit leicht zu überwachen waren. Die absolute Negation des Privaten und Persönlichen, alles wird dem großen Ganzen, dem Gesamtdeutschen geopfert.
Insofern ist Prora ein Teil der Nazimaschinerie - und als solche durchaus erhaltenswert. Das Museum in Prora ist einen Besuch wert.

Graf Bobby
18
13.10.2009, 11:19

Waren Sie schon mal im Juli in Antalya?

Tethys
41
13.10.2009, 12:24

Haben Sie sich mit KdF beschäftigt? Haben Sie sich mit Prora beschäftigt? Waren Sie schon mal dort?

Graf Bobby
03
13.10.2009, 12:51

ja

Tethys
40
13.10.2009, 12:56

Wie passt Antalya dann zu meinem Posting?

Rafale
03
13.10.2009, 13:09
Hochwohlgeboren...

...hat wohl einen sarkastischen Seitenhieb auf die Touri-Massen in jenem kleinasiatischen Badeort hinweisen wollen.

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