"Koralmtunnel braucht kein Mensch"

12. Oktober 2009, 15:43
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Der Bahnbetrieb dürfte nicht zugunsten des Baus zurückstehen, sagt der Verkehrsplaner - "Man baut wie verrückt Straßen und lässt die Bahn verkommen"

Wien - "Der Betrieb darf nicht gegenüber dem Bau zurückgestellt werden" - das schreibt der Wiener Verkehrsplaner Hermann Knoflacher den ÖBB ins Stammbuch. Investitionen seien durchaus sinnvoll, man müsse den Ausbau aber "betrieblich bewältigen können", so der Universitätsprofessor.

Das größte Problem der Bahn hierzulande sei, dass Bauprojekte aufgrund von politischen Weisungen erfolgen und wirtschaftlich nicht gerechtfertigt seien. Effizienter als die großen Vorhaben wäre es, den Betrieb der Bahn so in Schuss zu bekommen, "dass sich Bauprojekte irgendwann selbst finanzieren", betonte der Verkehrsplaner.

"Viele Fehlinvestitionen"

Einschränkungen bei den Verbindungen seien notwendig, weil der Infrastrukturausbau technisch nicht anders möglich sei, hieß es in der Vorwoche bei den ÖBB. Immerhin fahre man in Österreich zu 70 Prozent auf einem Schienennetz aus Zeiten der Monarchie. Gerade dieses alte Bahnnetz bezeichnete Knoflacher als bestens durchdacht. Viele der großen Bauprojekte heute - als Beispiel nannte der Experte den Koralmtunnel - seien Fehlinvestitionen. "Das ist wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, kein Mensch braucht das", meinte er.

Investitionen in die Technik wären sinnvoller. "Ich habe schon vor Jahren vorgeschlagen, man solle Neigezüge anschaffen, wie man sie in der Schweiz, Slowenien oder in Tschechien einsetzt." Diese Technik erlaube es Zügen, sich in die Kurve zu legen und dadurch mit bis zu 30 Prozent höherer Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Dafür müsse man natürlich "das Streckennetz adaptieren", meinte Knoflacher.

"Man lässt die Bahn verkommen"

Überall versuche man die Regionalbahnen auszubauen, Niederösterreich aber mache das Gegenteil. "Man baut wie verrückt Straßen und lässt die Bahn verkommen", meinte Knoflacher. Dem pflichtet auch Peter Haibach von der Fahrgast-Plattform "Probahn Österreich" bei. Das größte Bundesland zahle am wenigsten in den Schienenverkehr. Die Plattform plane als Reaktion auf die wachsende Unzufriedenheit einen Fahrgast-Streik.

Wie dieser konkret aussehen soll, wird bei einem Initiativentreffen am kommenden Freitag in St. Pölten beraten, sagte Haibach. "Immerhin sind über eine halbe Million Menschen davon betroffen." Man könne sich mehrere Möglichkeiten vorstellen: Protestaktionen, Umstieg aufs Auto, um die Straßen lahmzulegen etc. "Wir wollen aber nicht die ÖBB treffen, sondern die Politik", so Haibach. (APA)

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