Noch einmal jung sein

12. Oktober 2009, 16:52
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Mit der ER 6 baut Kawasaki ein edles Einsteiger-Moped. So etwas gab es noch nicht, als ich zu fahren anfing

Als ich damals, vor einer Ewigkeit, mit dem noch nassen Führerschein, die ersten Meter fuhr, war das mit der Kawasaki GPZ 500 S. Die war seinerzeit das geilste Einsteiger-Motorrad für die Straße, das es gegeben hat. 1987 baute Kawasaki die erste GPZ 500 S und im gleichen Jahr war sie Deutschlands meistverkaufte Kawa. Ich bekam ja dann erst das D-Modell in die Finger, das ab 1994 produziert wurde. Die Reiben, die ich mir damals beim Eisenvertschepperer immer ausborgte, war als gedrosselt zugelassen, fuhr sich aber, als hätte sie 50, 60 PS. Sie war eine echte Killermaschine. Mit der endlosen Leistung hab ich mich an den Escorts, Käfern und Mähdreschern vorbeigezoomt, dass ich mir sicher war, es dauert nimmer lange, bis wir mit Laserschwertern unser Brot schneiden und auf Mikrowellen durch die Welt surfen.

Die GPZ hatte keine Reifen montiert, sondern regelrechte Asphaltbeleidiger, so schmal waren die Pneus. Dafür hatte die GPZ ab 1994 hinten schon eine Scheibenbremse. Durch die modifizierte Nockenwelle hatte die GPZ um 10 PS mehr als die ER 5, die der gleiche Parallel-Twin antrieb.

Heute, rund 15 Jahre später, schauen Einsteiger-Bikes anders aus. Und sie fahren sich anders. Was damals die GPZ 500 S war, ist heute die Kawasaki ER 6f. Und ich muss ehrlich sagen, mit der hätte ich lieber zu fahren begonnen. Allein schon der Sound. Nur der unterm Motor verbaute Auspuff. Weil wenn wir uns ehrlich sind, im direkt Vergleich klingt die GPZ wie eine unter ihren Hämorrhoiden leidende Waschmaschine im Schongang, während die ER 6f gleich einmal klar macht, was es jetzt spielt. In den 15 Jahren ist der Hubraum eines Einsteiger-Radls um ganze 150 Kubikzentimeter gewachsen. Die ER 6f hat 649 Kubikzentimeter. Und sie leistet 72 PS, also doch um ein Hauseck mehr als die sportliche 500er.

Das Einzige, was ich sagen muss: Die GPZ fand ich damals superschön. Das ist die ER 6f heute auch - vor allem nach dem aktuellen Facelift -, aber die Schneid mag sie der Alten da nicht abkaufen. Und was noch auffällt: Die ER 6f hat hinten einen 160er Reifen montiert. Vor 15 Jahren wäre das locker als Straßenwalze durchgegangen, heute macht das keinen schlanken Fuß mehr. Aber mit den Reifen verhält es sich jetzt wie manchmal auch mit den Menschen: Schön allein ist gar nix. Mit dem schmalen Reifen kommt man leichter durch Kurven als mit einem 200er Patschen. Und das war schon immer das Gefährliche an den Einsteiger-Kawas: Achtung, wenn du eine siehst. Weil im ersten Moment denkst du: Ah, ein Anfänger, den versagl ich so, dass er jedes „Penis-Enlargement"-Mail doppelt beantwortet. Und bevor man sich fertig gefreut hat, fragt man sich schon, wo man nur das Geld für die Extra-Sitzungen beim Psychiater hernehmen soll, weil man gerade von einem vermeintlichen Anfänger stehengelassen wurde, obwohl man selber auf den Knien durch die Kurven rutschte, dass jeder Fliesenleger blass wird.

Wenn man ein bisserl ein Gefühl fürs Motorrad fahren hat, ist man mit ein wenig Erfahrung für andere Motorradfahrer das, was man hinlänglich als lästig bezeichnet. Mit dem Drehmoment von 66 Nm feuert man die Kawa sicher und flott aus der Kurve, in der man sich dank des schlanken Reifens und des feinen Fahrwerks auch bei ordentlichen Schräglagen wohlfühlt. Bei der ER 6f passt einfach alles: Von den Bremsen im Petal-Design, über die Optik mit dem schräg montierten Monofederbein bis hin zum Auspuff, der kompakt unter dem Motorrad montiert ist und durch den niedrigen Schwerpunkt für besseres Handling sorgt.

Wie wird wohl in weiteren 15 Jahren die Einsteiger-Kawa aussehen? Schlanker 190er-Reifen, Ultraschallfederung, Protonenbremse und Warp-Elektro-Antrieb? Gerade jetzt wünschte ich, ich wäre 30 Jahre jünger. (Guido Gluschitsch)

Kawasaki ER 6f / ER 6n

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 2-Zylinder-Viertakt-Motor
Hubraum: 649 ccm
Leistung: 53 kW (72,1 PS) bei 8500 Umdrehungen pro Minute
Drehmoment: 66 Nm bei 7000 Umdrehungen pro Minute
Sekundärantrieb: Kette
Aufhängung vorne: 41-mm-Teleskopgabel
Aufhängung hinten: rechtsseitig montiertes Monofederbein mit stufenlos einstellbarer Federbasis
Federweg vorne: 120 mm
Federweg hinten: 125 mm
Radstand: 1410 mm
Bremsen vorne: Doppelscheibenbremse, Ø 300 mm, semischwimmend, Petal-Design, Doppelkolben-Schwimmsättel
Bremsen hinten: Scheibe, Ø 220 mm, Petal-Design, Einkolben-Schwimmsattel
Reifen vorn: 120/70ZR17M/C (58 W)
Reifen hinten: 160/60ZR17M/C (69 W)
Tankinhalt: 15,5 Liter
Gewicht fahrfertig: 204 kg / 208 kg (ABS)
Preis ER 6n: 6999,- Euro / 7599,- Euro (ABS)
Preis ER 6f: 7799,- Euro / 8399,- Euro (ABS)

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  • ... und die ER 6n von Kawasaki.
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