"Der Strom kommt nicht aus der Steckdose"

12. Oktober 2009, 09:42
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Wenn Europa elektromobil sein will, wird das nicht ohne Atomkraft und sogar neue Kohlekraftwerke gehen, sagte ein Experte bei den Salzburger Verkehrstagen

Salzburg - "Sehnsucht nach attraktiven Städten - Elektrischer Nahverkehr sorgt für gutes Klima" - das Motto der diesjährigen siebten Salzburger Verkehrstage von 7. bis 9. Oktober sorgte nicht bei allen Referenten für ungeteilte Zustimmung. "Kein Mensch hat hier bisher davon gesprochen, dass Strom nicht aus der Steckdose kommt", monierte etwa der belgische Nahverkehrsexperte Harry Hondius.

60 Jahre Laufzeit für AKWs

Wer auf Elektromobilität setze und gleichzeitig CO2-Emissionen einsparen wolle, könne in den nächsten 20 Jahren in Europa nicht auf Atomenergie verzichten. Hondius empfahl, die bestehenden Atomkraftwerke 60 Jahre lang laufen zu lassen und neue, effizientere Kohlekraftwerke statt der alten zu bauen. Auch Erdgas werde mittelfristig noch eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung spielen müssen.

Deutschland: O-Bus kontraproduktiv

Derzeit sei es mancherorts in ökologischer Hinsicht sogar kontraproduktiv, von konventionellen auf elektrische Antriebe umzustellen. In Deutschland etwa, wo noch ein sehr großer Teil des Stroms aus fossilen Energieträgern gewonnen wird, verursache ein Dieselgelenkbus sogar weniger CO2-Emissionen als ein gleich großer O-Bus.

Anders sehe es allerdings in Ländern wie Österreich, der Schweiz, Belgien und Schweden aus - oder auch in Frankreich, dem "einzigen Land mit einer langfristigen Energiepolitik" und 75 Prozent Atomstrom: Dort würden O-Busse, Straßen- und Eisenbahnen sowie Elektroautos sehr wohl CO2-Emissionen vermeiden helfen, räumte Hondius ein.

Nur wenige "elektromobile" Städte

Städte mit einem großen Anteil an echt elektromobilem öffentlichen Verkehr gebe es folglich nur wenige, sagte Hondius. Er nannte Wien, Salzburg, Prag, Pilsen, Mailand, Zürich, Bern, Lausanne, Basel, Freiburg, Antwerpen, Amsterdam und Melbourne. Zumindest in Salzburg seien O-Busse "sauberer als ein Pferd", sagte der Verkehrsdirektor der Salzburg AG, Gunter Mackinger: "Die haben nämlich null Emissionen." Der Strom für die Salzburger O-Busse werde in einem eigenen Wasserkraftwerk erzeugt.

Neue Bims erst ab 40.000 Fahrgästen

Neue Straßenbahnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Stadtbild beherrschten, werde man in Zukunft allerdings kaum mehr sehen, meinte Hondius. Die Errichtungskosten seien so hoch, dass sich neue Tramlinien erst ab 40.000 Fahrgästen pro Tag rechnen würden. Darunter seien O-Busse "eine sehr intelligente Alternative".

Elektrobusse mit Batterien statt Oberleitungen seien dagegen beim heutigen Stand der Technik weniger sinnvoll: Während ein O-Bus immerhin 87,5 Prozent des benötigten Stroms in Bewegungsenergie umsetze, seien es bei einem Batteriebus nur 73,4 Prozent. Das gelte gleichermaßen für Elektroautos.

O-Bus-Renaissance in Spanien

Nicht zuletzt aus ökologischen Gründen erlebt der O-Bus derzeit in Spanien eine Renaissance. Bei den Salzburger Verkehrstagen berichtete der Verkehrsplaner David Moncholi i Badillo von der Errichtung einer O-Bus-Linie in der Stadt Castelló (Region València).

Dort sei etwa die zuvor stark befahrene Hauptgeschäftsstraße in eine Fußgängerzone mit O-Bus-Linie umgewandelt worden. Trotz eines neuen Einkaufszentrums in der Peripherie kam es für die Innenstadt-Kaufleute nicht zu Umsatzrückgängen. Weitere O-Bus-Linien seien für die Städte Elda, Petrer, València, Sagunto und Alacant geplant.

Neidiger Blick in die Schweiz

Und wer finanziert Infrastruktur und Defizite des öffentlichen Verkehrs? Die Errichter und Betreiber schauen neidvoll in die Schweiz - so auch bei den Salzburger Verkehrstagen: Immerhin fährt der Durchschnittsschweizer jährlich doppelt so viel mit der Bahn wie der durchschnittliche Österreicher. Für neue Infrastruktur, etwa Gleise oder Oberleitungen, zahlt der Bund in der Schweiz im Schnitt 40 Prozent, berichtete Peter Vollmer, Direktor des Schweizer "Verbands öffentlicher Verkehr". Das Geld kommt aus der Mineralölsteuer.

Zwar mache der öffentliche Verkehr in abgelegenen Regionen bis zu 80 Prozent Defizit, eine flächendeckende Versorgung sei aber trotzdem sinnvoll, sagte Vollmer - vor allem als Zubringer zu den Hauptstrecken. So sieht das auch Pia Maria Brugger-Kalfidis vom Zweckverband Öffentlicher Agglomerationsverkehr Luzern: "Das Angebot ist der Taktgeber, dass die Nachfrage dann auch steigt." Seit 2004 etwa seien die Passagierzahlen der Luzerner S-Bahn um 39 Prozent gestiegen.

Plus 111 Prozent bei Salzburger S3

Zumindest bei den S-Bahnen ist die Entwicklung in Österreich ähnlich: Auf der Salzburger S3 etwa (Freilassing-Hauptbahnhof-Hallein-Golling) hat sich die Fahrgastzahl seit 2002 um 111 Prozent gesteigert, 2008 waren es bereits über 2,6 Millionen Fahrgäste. Grund dafür sind neben der Taktverdichtung vor allem acht neue Haltestellen, zwei weitere gehen im Dezember in Betrieb. Ähnlich positiv haben sich die S-Bahnen in Graz, Innsbruck und im Vorarlberger Rheintal entwickelt. Auch in Wien steigen die Passagierzahlen.

Wehinger: "Tritt in den Hintern"

Weniger positiv aufgenommen wurde bei den Verkehrstagen dagegen die private "Westbahn" von Ex-ÖBB-Manager Stefan Wehinger, der ab Dezember 2011 im Stundentakt Intercity-Züge zwischen Salzburg und dem Wiener Westbahnhof betreiben will. Während sich Wehinger davon "einen Tritt in den Hintern für das gesamte Bahnsystem" erhofft, sieht Mackinger durch den neuen Wettbewerb vor allem höhere Kosten für die Länder als Nahverkehrsbesteller zukommen. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 12.10.2009)

  • Energieexperte Hondius: Derzeit sei es mancherorts aus ökologischer Sicht kontraproduktiv, auf E-Antrieb umzustellen, beispielsweise in Deutschland, wo ein großer Teil des Stroms aus fossilen Energieträgern gewonnen wird.

    Energieexperte Hondius: Derzeit sei es mancherorts aus ökologischer Sicht kontraproduktiv, auf E-Antrieb umzustellen, beispielsweise in Deutschland, wo ein großer Teil des Stroms aus fossilen Energieträgern gewonnen wird.

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