Bernsteinstraße: Ankommen

12. Oktober 2009, 16:51
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Irgendwann bin ich dann wieder aufgestanden aus meiner Verlorenheit am Grenzstein am Stadtrand von Sankt Petersburg

Ich bin hineingewandert in die Metropole am finnischen Meerbusen. Fast bewusstlos ließ ich mich einfach verschlucken vom Verkehr, von den Menschen, die von der Arbeit nach Hause hasteten in ihre Wohnungen, zu ihren Frauen und Männern und Kindern, die Plastiktüten voll mit Milch und Brot und Bier. Und Wodka. Lief, bog ab, lief weiter.

Als es dunkelte, warf ich mich auf das Bett mit seinem leopardenfellbemusterten Überzug in einem schmuddeligen Motel in einer endlosen Vorstadt und fiel augenblicklich in einen astralen Schlaf, aus dem mich erst ein paar Stunden später Gerumpel und Gestöhne aus dem Nachbarzimmer holten. 

Plötzlich war es eiskalt geworden, als ob der Winter sich lautlos angeschlichen hätte und nun von hinten zubeißen wollte. Erst jetzt musste ich ihn auspacken, meinen Notschlafsack, den ich für eventuelle Übernachtungen unter freiem Himmel bei mir hatte und war froh um die Wärme, die Dunkelheit und endlich auch um die Ruhe in diesem Etablissement, in dem wohl nur wenige Gäste eine ganze Nacht verbrachten.

Frühstück gab es hier natürlich keines - für wen auch? -, aber am Abend hatte mir die bärtige Alte aus der Öffnung ihrer Bürotür eine Packung trockene Kekse, ein Beutelchen Sofortkaffee und eine Schachtel mit einer gefriergetrockneten Nudelsuppe gereicht. Meine Phantasie reichte nicht aus, mir die Pärchen vorzustellen, die hier in den Bürostunden aufkreuzten, wie die Fräuleins ihren Chefs in den Zimmern anschließend eine heiße Nudelsuppe zubereiteten und wie sie zum Nachtisch zusammen Kekse knabberten. Aber das Schöne an der Welt ist ja, dass sie vollkommen unbegreifbar ist.

Einen ganzen Tag ging ich noch in die Stadt hinein, fand eine Bleibe und nistete mich ein. Anfangs konnte ich kaum aus dem Haus gehen - die Menschen, die hier nur in Massen auftraten, der Lärm und vor allem die tausenderlei Ziele der Hastenden, die Geschäfte, Plakate, Restaurants, Bars, Bettler, alle wollten sie meine Aufmerksamkeit und allen schenkte ich sie, wie draußen in den Wäldern den Vögeln und den Bäumen und dem Wind, den Wellen und den Wolken. Und so kehrte ich vollkommen ausgelaugt von ein- oder zweistündigen Streifzügen durch die Straßen Sankt Petersburgs wieder heim, froh, die Tür hinter mir zu schließen, mich aufs Sofa zu werfen und sehr behutsam zu versuchen, meine Seele wieder einzufangen, die verschreckt und unbeholfen durch Raum und Zeit irrte.

Buchstäblich Schritt für Schritt musste ich mich an das neue Leben gewöhnen, an dieses Ankommen. Man ist ja nicht einfach angekommen, nur weil man an dem Ort ist, den man sich als Ziel gewählt hat. Jedes Ziel ist willkürlich und was weiß man in Wirklichkeit schon darüber? Jedes Ziel will auch wieder entdeckt sein und erst, wenn man das Ziel zu begreifen beginnt, kann sich der Blick auf den Weg dorthin klären. Im Grunde weiß man erst, wenn man das Ziel entdeckt hat, warum man aufgebrochen ist. Wenn man so etwas überhaupt jemals wissen kann.

Ich merkte jedenfalls, was für ein langer, schmerzhafter, aber auch wichtiger und bereichernder Prozess dieses Ankommen war. Dieses sich Zeit lassen, Tage, ja Wochen sich zu nehmen, hier in Sankt Petersburg, für den Abschluss einer Reise, die, wie jede wirkliche Reise, den Menschen, mich, verändert hat. Nach ein paar Tagen begann ich zu photographieren, erst Blicke aus meinem Fenster. Dann wurde ich wieder neugierig, strich durch die Straßen, abseits der Massen, an den Kanälen entlang, ging stundenlang am einen Ufer der Neva hinauf und am anderen wieder hinunter, verbrachte Tage in der Eremitage und im Russischen Museum, saß in den Kathedralen, zündete dort Bienenwachskerzen an für die Seelen meiner Lieben, und begriff, dass es in Wirklichkeit ganz einfach war: Ich war hierher gegangen, um hier sein zu dürfen. (Zohner)

  • Markus Zohner vor der Eremitage in Sankt Petersburg.
    foto: zohner

    Markus Zohner vor der Eremitage in Sankt Petersburg.

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