Der kreative Hausmeister von Moskau

11. Oktober 2009, 20:53
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Der Langzeit-Bürgermeister Juri Luschkow trat wohl letztmals an

Der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow gibt sich gerne volksnah und hemdsärmlig. Er sei kein Politiker, sondern Chosjajstwennik, Hausherr und Verwalter der größten Stadt Europas, betont der 73-Jährige gerne. Das ist natürlich untertrieben, denn Luschkow hat seit 17 Jahren die Zügel in Moskau fest in der Hand. Der ehemalige Leiter eines Chemiekombinats, der 1987 in die Stadtverwaltung berufen wurde, hat sich im Laufe der Zeit eine starke Machtbasis in der russischen Hauptstadt geschaffen.

Der Machtelite rund um den russischen Premier Wladimir Putin sind Popularität und Eigenständigkeit des Moskauer Stadtvaters ein Dorn im Auge. Die Moskauer Duma-Wahl vom Sonntag war mit großer Wahrscheinlichkeit die letzte Wahl, bei der Luschkow für die Regierungspartei Jedinaja Rossija (Einiges Russland) angetreten ist. Obwohl seine Bestätigung durch die neue Duma außer Zweifel steht, wird im Hintergrund bereits an seiner Ablöse gearbeitet. Im Vorfeld der Wahl wurde der Bürgermeister, dessen Markenzeichen eine Leder-Schirmkappe ist, mit vielen Korruptionsvorwürfen konfrontiert.

Luschkow, der als mittlerer von drei Söhnen eines Tischlers und einer Arbeiterin in einfachen Verhältnissen in Moskau aufwuchs, ist in zweiter Ehe mit Jelena Baturina, der laut Forbes reichsten Frau Russlands, verheiratet. Baturina, die Luschkow als Sekretärin in der Stadtverwaltung kennenlernte, hatte ihren geschäftlichen Durchbruch, als sie den öffentlichen Auftrag für die Ausstattung des Moskauer Luschniki-Stadions mit Plastiksitzen erhielt. Die Milliardärin verklagt jeden, der ihren Aufstieg mit dem Job ihres Gemahls in Verbindung bringt.

Familie Luschkow hat ein Faible für Österreich. Juri und seine Frau sind gern gesehene Gäste in Wien - zuletzt etwa bei der Geburtstagsfeier von Michael Häupl - und in Kitzbühel, wo Baturina eine Villa erstand.

Trotz aller Bodenständigkeit hat Luschkow auch eine starke künstlerische Ader. Er hat mehr als 200 Publikationen und Bücher verfasst sowie 50 Patente angemeldet und gilt als großer Verehrer des Bildhauers Surab Zereteli, dessen Werke ganz Moskau zieren.

Kreativität kann man dem Stadtvater auch nachsagen, wenn es um originelle Lösungsvorschläge für die Moskauer Probleme geht. Der lästige Schnee, der vom Winterdienst mühsam und kostenintensiv von den Straßen entfernt werden muss, soll aus der Stadt verbannt werden. Flugzeuge sollen die Schneewolken künftig mit Chemikalien auflösen. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2009)

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