Wieder mehr Menschenschmuggler

11. Oktober 2009, 19:26
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Heuer wurden 199 Schlepper erwischt - um zwölf Prozent mehr als im Vorjahr - Das Geschäft blüht

 Die 64 Kurden, die am Wochenende in zwei Lkws entdeckt wurden, zahlten bis zu 10.000 Euro pro Person.

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Wien - Nach Jahren der Entspannung nimmt die Zahl von verhafteten Menschenschmugglern in Österreich heuer wieder zu. Und damit auch die Anzahl von aufgegriffenen, geschleppten Personen. Von Jänner bis Juli wurden nach neuesten Daten aus dem Innenministerium 199 mutmaßliche Schlepper festgenommen (erstes Halbjahr 2008: 177). 4803 aufgegriffene Flüchtlinge gaben an, illegal über die Grenze geschleust worden zu sein (2008: 3573).

Auch die 64 Kurden aus der Türkei, die am Wochenende auf einem Autobahnparkplatz bei Zöbern in zwei türkischen Lkws entdeckt worden waren, hatten ihr Schicksal einer Schlepperorganisation anvertraut. Die beiden Lkw-Lenker und ein Beifahrer, ebenfalls aus der Türkei, wurden verhaftet.

Nach bisherigen Ermittlungen sollen die Flüchtlinge den unbekannten Hintermännern der Schlepperorganisation bis zu 10.000 Euro pro Person gezahlt haben. Dafür mussten sie sich in Istanbul in die Lkws pferchen. Mit Kisten wurde eine Art Hohlraum gebaut, zur Aufrechthaltung der Tarnung als Obst- und Gemüsetransporter wurde die auch von außen erkennbare Temperatur entsprechend hinuntergefahren. Die Lastwagen waren zudem schlecht belüftet. Ihre Notdurft mussten die Flüchtlinge, darunter auch viele Kinder, in Plastikflaschen verrichten. "Menschenunwürdig und gesundheitsgefährdend", resümierte Heinz Zimper von der Wiener Neustädter Bezirkshauptmannschaft.

Endstation der Lkws wäre der Wiener Großgrünmarkt Inzersdorf in Wien-Liesing gewesen, die meisten Flüchtlinge wollten aber nach Deutschland weiter, hieß es am Sonntag. Nun sind sie im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen untergebracht, alle sollen bereits Asylanträge gestellt haben.

Fünf Singhalesen erstickt

Aufgriffe von einer größeren Zahl an geschleppten Menschen sind in Österreich selten. Immer wieder werden aber Schlepper erwischt, die bereits hunderte oder tausende "Kunden" betreut haben sollen. Ein besonders tragischer Fall von Schlepperkriminalität datiert aus dem Jahr 1993: Am 26. Jänner wurden damals auf einem Parkplatz der Südautobahn im Bezirk Baden die Leichen von fünf erstickten Singhalesen entdeckt. Die Hintermänner konnten nie ausgeforscht werden.

Ein Großteil des Menschenschmuggels funktioniert übrigens mit heimischer Beteiligung. Führende Nation in der Schlepperrangliste des Bundeskriminalamtes ist zwar Serbien, danach folgt aber schon Österreich; danach mit Abstand Deutschland. Die meisten geschleppten Personen kommen derzeit immer noch aus Tschetschenien und aus Afghanistan. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 12.10.2009)

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    Blick in einen Lkw, wo mehr als dreißig Menschen versteckt waren. Die großen Plastikbehälter dienten als WCs. Um die Tarnung als Obsttransporter zu wahren, war die auch von außen ablesbare Temperatur stark heruntergefahren.

     

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