"Es war eine gute Krise für Europa"

11. Oktober 2009, 18:39
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Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff erklärt, warum Europa die Krise gut meisterte und rasch wieder Wachstum sehen wird

Warum Europa die Krise gut meisterte und rasch wieder Wachstum sehen wird, erklärt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff bei der Project-Syndicate-Konferenz in Kopenhagen im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid.

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STANDARD: Wie beurteilen Sie die weltweiten Maßnahmen zur Krisenbekämpfung?

Kenneth Rogoff: Es waren die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit. Wir haben uns einer weltweiten Depression gegenübergesehen. Im Februar, März 2009 gab es eine Chance von höchstens 15 Prozent, dass wir da gut durchgekommen. Dann wurden Notfalloperationen unternommen. Aber das kann man nicht langfristig machen. Deutschland und die USA haben viele Schulden angehäuft. Die Krise wurde aber durch riesige Summen an Geld und Garantien nur verzögert. Und in Osteuropa ist sie noch lange nicht vorüber.

STANDARD: In Ihrem neuesten Buch "This Time Is Different, Eight Centuries Of Financial Folly" schreiben Sie, dass Österreich in der Geschichte ein Serienschuldner sei. Warum?

Rogoff: Österreich hat eine ziemliche Verschuldungs- und Inflationsgeschichte, die jener lateinamerikanischer Staaten ähnelt. Wenn man die Zahl der Zahlungsversäumnisse und Inflationsperioden über einen sehr langen Zeitraum anschaut, wird deutlich, dass Österreich und Griechenland die Staaten mit der ökonomisch schlechtesten Entwicklung sind. In Österreich gab es seit 1800 insgesamt mehr als 17 Jahre mit Zahlungsschwierigkeiten und siebenmal Zahlungsunfähigkeit. Österreich hat eine schwierige Inflationsgeschichte. Wenn man sich die jüngsten Finanzkrisen anschaut, hat Österreich die gleichen Entwicklungen wie andere Staaten in Europa.

STANDARD: Was erwarten Sie für Österreich?

Rogoff: Österreich war sicher in der ersten Reihe der Staaten in Bezug auf deren Verwundbarkeit. Wenn wir eine große Depression gehabt hätten, dann hätte Österreich horrende Probleme gehabt. Aber es wurden jetzt Maßnahmen gesetzt, die zu wirken scheinen. Sogar wenn es Zahlungsunfähigkeit in Osteuropa gäbe, dann gibt es noch immer Deutschland, das Österreich stützen würde. Aber Österreich steht noch immer vor großen finanziellen Problemen. Denn Osteuropa kann ohne Entschuldungsprogramme der Krise nicht entkommen.

STANDARD: Wie schätzen Sie das Wachstum der Eurozone ein, das laut Prognosen deutlich hinter dem in Asien und den USA liegen soll?

Rogoff: Ich glaube, die Eurozone normalisiert sich etwas langsamer. Ich glaube nicht, dass die Prognose für die Eurozone sehr viel schlechter ist als die für die USA. Es gab nicht die gleichen finanziellen Stimuli. Insgesamt glaube ich, es war eine gute Krise für Europa: Der Euro ist nicht kollabiert, kein Staat ist bankrott gegangen. Es war ein kurzzeitiges Drama. Deutschland wird sich langsam, aber stark erholen.

STANDARD: Was wäre passiert, wenn es den Euro nicht gegeben hätte?

Rogoff: Der Euro hat eine wichtige Rolle gespielt. Aber man kann schwer sagen, was passiert wäre. Österreich hätte beobachtet, dass sein Währungskurs um 30, 40 Prozent zurückgegangen wäre. Das wäre dramatisch gewesen.

STANDARD: Wie soll eine künftige Finanzmarktaufsicht ausschauen, warum sollte das nicht der Weltwährungsfonds übernehmen?

Rogoff: Der IWF hat vor allem makroökonomische Expertise und ist institutionell nicht darauf vorbereitet. Man könnte eine Institution im IWF aufbauen, aber es ist besser, einen unabhängigen Regulator zu kreieren. Man braucht politisch unabhängige Prüfer, denn auf nationaler Basis sind diese Druck ausgesetzt.

STANDARD: Was halten Sie von den G-20 als einer Art Weltregierung?

Rogoff: Alle sind jetzt von den G-20 total begeistert. Man braucht ein Forum, wo man diskutieren kann. Aber in der Form sind sie einfach zu groß, um wirklich Entscheidungen treffen und all die Erwartungen erfüllen zu können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.10.2009)

Zur Person

Kenneth Rogoff (geb. 1953) ist Wirtschaftsprofessor in Harvard und war Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Er ist Autor von Project Syndicate, seine Kolumnen erscheinen auch im STANDARD.

  • Betrachtet man die Jahrhunderte, hat  Österreich eine Verschuldungs- und  Inflationsgeschichte, die jener lateinamerikanischer Staaten ähnelt: Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.
    foto: standard/fischer

    Betrachtet man die Jahrhunderte, hat  Österreich eine Verschuldungs- und  Inflationsgeschichte, die jener lateinamerikanischer Staaten ähnelt: Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.

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