Der schwarze Peter heißt Klaus

11. Oktober 2009 18:27

Tschechiens Präsident bringt sein Land in eine unhaltbare Verweigerungsposition

Tschechiens Präsident Václav Klaus bereitet sein Einlenken gegenüber den europäischen Partnern vor. Er sucht einen Weg, den EU-Vertrag von Lissabon ohne Gesichtsverlust zu beurkunden, vermutlich sogar noch vor Ende Dezember. Sein jüngster Strategiewechsel beweist es.

Klaus sucht dafür bereits neue Schuldige: Die sitzen nach seiner jüngsten Lesart nicht mehr nur in Brüssel, sondern in der tschechischen Regierung, weil die angeblich verabsäumt habe, die Beneš-Dekrete abzusichern. Juristisch ein klägliches Argument, aber dafür ein nationalistischer Taschenspieltrick - als solcher geeignet, die Menschen aufzubringen, weil es sich um ein sehr emotionales Thema handelt.

Bis vor wenigen Wochen hatte Klaus die Verweigerung seiner Unterschrift stets mit eher prinzipiellen Einwänden begründet. Als "neue Sowjetunion" drohe die Union die Demokratie und letztlich die Nationalstaaten zu zerstören. Eingriffe in nationales Recht gingen zu weit, die EU-Institutionen seien nicht legitimiert. So kannte man den gelernten Nationalökonomen Klaus, der sich in der Zeit der Sowjetherrschaft so gar nicht als Kritiker hervorgetan hatte - im Gegensatz zu den Dissidenten um seinen Vorgänger Václav Havel. Stattdessen hat Klaus nach der Wende die Währungsunion von Anfang an ebenso scharf abgelehnt wie die Idee einer politischen Union in Europa. Die EU, das sollte nie mehr sein als ein freier Markt.

Nach dem Ja der Iren zum Lissabon-Vertrag schob der Präsident dann das tschechische Höchstgericht, bei dem Klaus-freundliche Senatoren ein Klage eingebracht haben, als Grund für seine Verweigerung vor. Die Richter in Brünn haben inzwischen wissen lassen, dass sie zügig entscheiden wollen. Nehmen sie die neuerliche Klage unter Verweis auf ihr in einem ersten Verfahren gefälltes Erkenntnis zum Lissabon-Vertrag gar nicht erst an, könnte es sogar noch schneller gehen.

Das Tempo wurde also erhöht. Unterdessen hat auch Polen den Lissabon-Vertrag ratifiziert, der Druck auf die tschechischen Autoritäten steigt. Das Land steht plötzlich allein da als Blockierer einer Union, die Tschechien seit der Wende Sicherheit und Milliardeninvestitionen gebracht hat. Und es stellt sich jetzt die Frage, wer dafür am Ende den schwarzen Peter bekommt.

Denn man kann seine Partner, noch dazu mitten in einer der schwersten Wirtschaftskrisen der jüngeren Geschichte, einige Zeit foppen und an der Nase herumführen. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem sich irrationale Verweigerung nicht mehr mit sympathischer Schwejk'scher Aufsässigkeit verharmlosen lässt.

Das hat der Nationalpopulist auf dem Hradschin offenbar erkannt. Allein das ist der Grund, warum er vom prinzipiellen Nein abgerückt ist, "nur" noch die Abänderung eines (freilich sehr wichtigen) Details im neuen EU-Vertrag verlangt: die Charta der Grundrechte. Für Polen und Großbritannien wird diese nicht gelten. Die haben bei den Verhandlungen im Jahr 2007 eine Ausnahmeregelung vereinbart. Die Tschechen waren damals still - auch Klaus.

Die Grundrechtscharta soll allen EU-Bürgern ermöglichen, mögliche Verstöße gegen Grundrechte direkt beim Europäischen Höchstgericht einzuklagen. Man sollte ja meinen, dass dies von den meisten als zivilisatorischer Fortschritt angesehen wird. Klaus hofft offenbar, dies mit dem Beneš-Nebel zu überdecken. Aber er könnte sich täuschen: Selbst rechte Kommentatoren in Tschechien zeigen inzwischen Unverständnis für seinVorgehen. Vielen Tschechen dämmert inzwischen, dass der Imageschaden, den ihr Präsident auf lange Sicht anrichtet, viel größer ist als der kurzfristige Nutzen.

Die EU sollte jedenfalls nicht drohen, sondern entspannt abwarten, bis sich der Fall innerstaatlich von selber regelt. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2009)

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rundblicker
13.10.2009 16:00

Der Fall wird sich relativ schnell lösen, wenn Tschechien aufgrund des Vertrages von Nizza keinen Kommissar zugeteilt bekommt.

Christoph ************
14.10.2009 22:37

Und wer hat da was davon? Sollte das geschehen, wäre der Vertrag von Lissabon gescheitert und dann wäre es auch schon wurst.

Räudiger Straßenköter
12.10.2009 23:40

Vaclav Klaus setzt sich bei jeder Gelegenheit für die freie Marktwirtschaft und Globalisierung ein. Nationalpopulisten haben ein anderes Programm. Warum wird in dem Artikel unterstellt Klaus sei ein Nationalpopulist? Außerdem wird Klaus vorgeworfen sich nicht wie andere CSSR-Dissidenten als Kritiker hervorgetan zu haben und also ins Gefängnis gesteckt worden zu sein. Das ist absolut unterste Schublade!!!

Christoph ************
14.10.2009 22:39

Klaus ist auch ein Nationalpopulist, nur halt einer der viele Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Republikanern hat. Nur ein Nationalpopulist würde zB die Sudetenfrage als Schauermärchen erneut aufwärmen um eine Vertrag der absolut nichts damit zu tun hat womöglich noch verhindern zu können.

locke15
12.10.2009 18:32
Wenn er nicht unterschreibt ,aus der EU ausschliessen !

Protagoras v. Abdera
12.10.2009 18:12
Natürlich versucht Klaus seine Unterschrift durch einen offenen Konflikt mit den sudetendeutschen Landmannschaften hinauszuzögern

Die Motive für Klaus Europa-Haltung sind mehr als fragwürdig. Aber wenn man die Sache prinzpiell diskutieren will, muss man sich schon fragen, wieso der gesamte Ratifikationsprozess zwar abgewickelt wird wie ein klassisches Völkervertragswerk -ohne direkte Einbindung der Bürger, weder im Diskussionsprozess noch (mit Ausnahme Irlands) im Abstimmungsprozess- und jetzt, wo eine Nichtannahme durch Tschechien droht, auf einmal mit dem großen europäischen Einheitsgedanken jenseits klassischer völkerrechtlicher Grundsätze vor dem Hradschin herumgewedelt wird. Auf Europa beruft sich der mainstream der Regierungen immer nur dann, wenn es machtpolitisch opportun ist, und das ist zutiefst undemokratisch.

Christoph ************
14.10.2009 22:42

Der Vertrag von Lissabon ist ein internationaler Vertrag zwischen souveränen Staaten. Anders geht das rechtlich bisher auch nicht. Das ändert an der Sache aber wenig.

Parlamentarische Demokratie ist in den meisten Mitgliedsstaaten eine legitime Sache, Klaus mit seiner Verweigerung der Unterschrift hingegen ist laut Meinung von nicht wenigen Experten zumindest hart an der Grenze der Verfassungsmäßigkeit wenn nicht schon jenseits. Das ist doch wohl ein deutlicher Qualitätsunterschied. Sie versuchen trotzdem beides gleichzusetzen.

Wir sind die Guten!
12.10.2009 17:58
der war immer schon so ein spinner, aber solange er ein antikommunistischer Spinner war hat man ihm hofiert, jetzt ist er eigentlich nur mehr lästig!

erinnert auch aus diesem grunde irgendwie an die unterstützung der moslemfundamentalisten durch den westen!

Acht 1
 
13.10.2009 09:49
Bedauerst

Badauerst du immer noch dass die Sowjetunion den kalten Krieg verloren hat.? Wenn sie gewonnen hätte- meine ich-auch auf die Gefahr als reaktionäerer Spinner wahrgenommen zu werden -wäre die Welt ein einziger großer Gulag geworden.

sydonne
12.10.2009 17:43
... Klaus und Schweijk ...

... sind ganz verschieden ...
... ein Klaus hat so gar nichts von einem underdog, charmeur, oder defaitisten; er ist ein überbleibsel genau jener altschlauen kommunistischen intelligenz (sic!), die er entschieden ablehnt,
und hat sich jedes versuchs entzogen, demokratisch verabschiedet zu werden; nicht vergessen: senat+abgeordnetenhaus wählen in tschechien den präsidenten, nicht das "volk"

... ein Schweijk sollte gerade diese i-tüpferlreiter zur weißglut bringen ...
.

Hugo Hennengnagg
12.10.2009 16:57
Ich kann Klaus verstehen

Kaum der UdSSR entronnen, soll das Land nun der EUdSSR beitreten - und kommt damit sozusagen vom Regen in die Traufe. Am Besten nicht unterschreiben.

hupf_in_gatsch
12.10.2009 16:13

Vaclavs Klausel - öfter mal was Neues! *gähn*

Truthlobby
12.10.2009 15:30
Ich glaube

Klaus würde gerne, bevor er die unvermeidliche Unterschrift leistet, noch irgendeine Kleinigkeit verändern, rein um seine bisherige Ablehnung als sinnvoll/erfolgreich geltend machen zu können.
Der Zug ist jedoch schon länger abgefahren, Václav steht alleine und diese Genugtuung wird ihm verwehrt bleiben.

Graf Bobby
12.10.2009 15:56

Sie verkennen - fürchte ich - den Sachverhalt völlig.

Jan miron11
12.10.2009 15:01
x aeins
12.10.2009 18:28

habens nix,womit man den Papst bekniet,dass er den Klaus seligsprechen möge? das tät ich dann unterschreiben,denn das käm einem absurden Kunstwerk schon näher

Markus Stoneeh
 
12.10.2009 14:08
bilderberg konferenz teilnehmerliste 2009

Oscar Bronner - Herausgeber Der Standard Österreich

ich glaub jegliches kommentar erübrigt sich

Christoph ************
12.10.2009 17:24

Jeglicher Kommentar zu ihrem Kommentar zumindest. Außer dieser einen Feststellung.

zimbo
 
12.10.2009 15:58
Gusi, Perle, Petraeus, Wolfowitz

Jan miron11
12.10.2009 14:28
in diesem fall, ja.

Graf Bobby
12.10.2009 13:31
Interessanter Schachzug....



Klaus ging es nie primär um die Dekrete und ihre Anfechtbarkeit, sondern er hat aus grundsätzlichen Überlegungen etwas gegen den Vertrag.

Die Benes-Karte soll ihm mal für ein paar Monat den Rücken innerhalb des Landes freihalten. Allfällige Restitutionen an Sudentendeutsche zieht in CZ immer.

Die Regierung Fischer, die eh nur mehr ein paar Monate hat, wird dafür nun unter Druck seitens der Öffentlichkeit geraten.

Christoph ************
12.10.2009 17:28

Sie hoffen zuviel. Fischer ist äußerst populär, populärer als Klaus. Die Begeisterung für die Unterschriftsverzögerung unter den Tschechen ist auch nicht unendlich groß sondern in der Minderheit.

Auch wenn er ein paar Nationalisten mit seinem Gerede Angst machen kann, mehr als ein bisschen Luft kann er sich nicht verschaffen. Verfassungsrichter haben schon einmal über die Medien ausrichten lassen, dass eine weitere Verweigerung nach einem ev. positiven Gerichtsurteil kaum durch die Verfassung gedeckt wäre. Das würde die Türe zu einer Amtsenthebung von Klaus öffnen, sollte er bis dahin nicht zur Vernunft gekommen sein..

Orakel1
12.10.2009 09:43
Klaus gehört zu den ewig Gestrigen.

Wenn es mehr solche wie Klaus in Europa gäbe, wäre heute Europa ein Duodez-Fürstentum, mit Zollstationen hinter jeder Grenze, die nur abkassieren um Feudalherren zu finanzieren, die Mautgebühren an entscheidenden Transversalen nach Gutdünken erheben würden, in dem vermutlich längst wieder ein Krieg geführt worden wäre. Es ist müßig, über den Herrn Klaus sich zu unterhalten, da er ein Dinosaurier ist. Und der jetzt die längst entschiedenen Benesh-Dekete als Exitstrategie hochstilisiert.

zimbo
 
12.10.2009 09:07
Der schwarze Peter heißt MAYER.

pretty1
12.10.2009 11:54
Do.el ! In der Geschichtsstunde geschlafen oder keine gehabt ?

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