Das schrecklich gute Gewissen der Republik

11. Oktober 2009, 17:54
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Warum tut sich diese Republik, die sich auf den antifaschistischen Grundkonsens beruft, so schwer mit Deserteuren? - Von Peter Huemer

Es stimmt zwar, dass die Regierungspolitik in dieser Frage in den letzten Jahren eine vorsichtige Kehrtwende eingeleitet hat, die nun endlich zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure führt - mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des Krieges ist das wohl auch nicht zu früh-, aber selbst heute können wir vermuten, dass sich die öffentliche Meinung in dieser Frage - soweit sie sich dafür interessiert - nicht grundlegend gewandelt hat. Die Verleumdung der Deserteure aus der nationalsozialistischen Wehrmacht als Verräter und Feiglinge ist nicht vorbei.

Die Gründe dafür liegen tief. Das beginnt mit der Frage: Wofür haben unsere Soldaten von 1939 bis 1945 gekämpft? Sie haben für den Sieg des Nationalsozialismus über Europa gekämpft. Das hat nichts mit der individuellen Gesinnung jedes einzelnen Soldaten zu tun. Da gab es viele, die einem solchen Ziel skeptisch gegenüberstanden, und viele, die dagegen waren. Aber das ändert nichts daran: Gekämpft haben sie für den Sieg des Nationalsozialismus über Europa, für das nationalsozialistische Deutschland als Weltmacht.

Das heißt, sie haben auf der falsche Seite gekämpft - sowohl von einem lokalen österreich-patriotischen Standpunkt aus betrachtet als auch von einem übergeordneten moralischen Standpunkt aus, vom Standpunkt des Weltgewissens sozusagen: Die Soldaten der Wehrmacht haben auf der falschen Seite gekämpft. Und sie haben verloren - zum Glück haben sie verloren. Gerade meine Generation (ich bin 1941 geboren) ist davon unmittelbar und am allermeisten betroffen: unsere Lebenschancen, unser Lebensglück basieren auf dieser Niederlage.

1945 und danach kamen also die Kriegsverlierer auf der falschen, der nationalsozialistischen Seite nach Hause. Viele verstehen sich nun als Verteidiger der Heimat, damit ihr Kriegseinsatz nachträglich noch irgendeinen positiven Sinn erfährt. Und sie stoßen daheim auf jene wenigen, die sich dem Nazikrieg verweigert haben, sei es, indem sie sich aus dem Krieg zurückgezogen haben, sei es, indem sie sogar die Front gewechselt haben auf die andere, die richtige Seite.

Für die Soldaten der Wehrmacht - und nicht nur für sie - ist dieses Verhalten der Deserteure wie das Verhalten aller Widerstandskämpfer schwer erträglich, weil es besagt: Man hätte sich auch anders entscheiden können. Es gab eine Wahl. Und es gibt eine Minderheit, die sich tatsächlich anders entschieden hat. Und das halten viele nicht aus. Daher rührt die Wut auf diejenigen, die sich getraut haben, unter Einsatz ihres Lebens eine richtige Entscheidung zu treffen.

Das ist ein schwerer menschlicher Konflikt, in den die Kriegsverlierer geraten waren, und als solcher schon begreifbar. Und das alles wäre auch nicht so verheerend geworden, hätte nicht die Politik seit 1945 durch viele Jahrzehnte in dieser Frage konsequent versagt. Am Anfang steht zwar die Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, eine verbalradikale Absage an den Nationalsozialismus (mit historischen Ungereimtheiten im Text), aber die österreichische Politik hat - sieht man von Bemühungen ganz am Anfang ab - keine ausreichend radikale Konsequenz aus dieser verbalradikalen Absage an den Nationalsozialismus gezogen. Eher im Gegenteil: das Buhlen der beiden Großparteien um die Nazistimmen beginnt früh.

Und natürlich ist auch das wieder verständlich, ist nicht einfach Verblendung und böser Wille. Vor der Ära des Nationalsozialismus gab es in Österreich drei Lager: das christlich-bürgerliche, das sozialdemokratische und das deutschnationale. Das christlich-bürgerliche und das sozialdemokratische Lager sind nach dem Krieg in annähernd früherer Stärke - und damit beide ungefähr gleich stark - wieder erstanden. Das deutschnationale hingegen war im Nationalsozialismus aufgegangen, war daher 1945 zertrümmert und moralisch restlos diskreditiert. Kümmerliche Restbestände fanden sich ab 1949 im VdU, aus dem später die FPÖ wurde. Die Mehrzahl der ehemaligen Nationalsozialisten hingegen wandte sich ÖVP oder SPÖ zu. Damit war klar: die Mehrheit im Parlament erhält, wer mehr Nazistimmen auf sich vereint. Und so kam, dass ÖVP und SPÖ bald wenig Hemmungen kannten im Kampf um diese Stimmen, nachdem die ehemaligen Nationalsozialisten ab 1949 wieder wählen durften. Und das war grundsätzlich richtig, weil eine funktionierende Demokratie ein Siebtel der Wahlbevölkerung nicht auf Dauer ausschließen kann. Eine verheerend schiefe Ebene also - aber Schritt für Schritt nachvollziehbar.

Der dreiste österreichische Opfermythos kam noch dazu. Dazu nur ein Satz: Ein Land, das in seinem Selbstverständnis in der Ära des Nationalsozialismus derart unschuldig gewesen ist, muss in seinem unerschütterlich guten Gewissen nachträglich keine Berührungsängste gegenüber nationalsozialistischen Restbeständen haben. Und hat auch keine.

Natürlich ist dieser Opfermythos längst zerbrochen, aber das geistige Klima, das er geschaffen hatte, ist keineswegs vorbei. Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft spüren wir immer noch ein gewisses Wabern des Nazigeistes durchs Land. Und er wabert bis ins Parlament hinein. Aus diesem Grunde betrachten wir es selbst heute noch als historischen Fortschritt, wenn die Republik nun endlich ihre eigene Unabhängigkeitserklärung vom April 1945 ernst nimmt und die Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg rehabilitiert und wenn sie nicht mehr auf Seiten der Wehrmacht steht. Natürlich ist es grotesk, dies als historischen Fortschritt betrachten zu müssen, aber das Land ist nun einmal, wie es ist.

Und so freuen wir uns dass das offizielle Österreich wieder etwas dazugelernt hat - trotz des Geiferns im rechtsradikalen Lager. Aber vor allem sind wir hier, um jenen zu danken, die den Mut gehabt haben, sich als Kriegsdienstverweigerer und als Deserteure aktiv gegen die Wehrmacht und ihre nationalsozialistischen Weltherrschaftspläne zu stellen. Und wir ehren das Andenken jener, die dafür ihr Leben geopfert haben.

Der Streit um die Rehabilitierung der Deserteure der NS-Wehrmacht ist nun zwar offiziell zugunsten der Opfer entschieden. Von einem geistigen Klimawandel in dieser Frage scheint das Land aber nach wie vor weit entfernt. (DER STANDARD-Printausgabe, 12. Pktober 2009)

Zur Person:

Peter Huemer ist Historiker und Publizist in Wien. Der Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung einer Gedenkrede für die Opfer der NS-Justiz, die der Autor am Sonntag zum Abschlus der Ausstellung "Was damals Recht war..." gehalten hat.

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