Zwischen Überwachern und Voyeuren

11. Oktober 2009, 18:21
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Die ausufernde erste Wiener Tanznacht des Tanzquartiers und des Brut-Theaters glich einem Marktplatz für die zeitgenössische heimische Choreografie

Wien - Diese Nacht hatte es in sich. Eine geballte Ladung an zeitgenössischem österreichischen Tanz bot das Tanzquartier Wien in Kooperation mit dem Brut-Theater am Samstag an zahlreichen Locations innerhalb des Museumsquartiers. Die Erstausgabe der Wiener Tanznacht ist der Auftakt für ein Format, das künftig jedes Jahr stattfinden soll: Im Herbst 2010 erobert dieses One-Night-Festival von Brut aus den gesamten Karlsplatz.

Was dem Wiener Publikum und den vielen angereisten in- und ausländischen Veranstaltern diesmal überzeugend präsentiert wurde, ist die erstaunliche Bandbreite der lokalen Choreografie. Vor allem der Wiener Tanzszene ist es in den vergangenen Jahren gelungen, sich von ihrer ästhetischen Enge zu befreien und die künstlerischen Möglichkeiten radikal zu erweitern.

Unter dem Titel Good Night & Good Luck boten die Choreografen Ausschnitte aus existierenden Arbeiten, Skizzen von Projekten, die gerade im Entstehen sind, oder auch eigens für den Anlass geschaffene Stücke. Zu den Highlights dieser Tanznacht zählten Magdalena Chowaniec, die mit ihrer Band das Covern von Musiknummern performte, und eine ekstatische Lärmband von Paul Wenninger, die das Sich-Aufreiben des Körpers über einer gewalttätige Klangmaschine darstellte.

Das unermüdliche, unauffällige Wirken der Überwachungsmaschinerie im Museumsquartier veranlasste die bildende Künstlerin Lilo Nein (mit Miriam Raggam) zu der so diskreten wie unheimlichen Performance sehen und aufgenommen werden. Neins Intervention bestand aus der Einladung an das Publikum, diese Überwachung zu beobachten und für die Kameras aktiv zu werden.

Zwischen diesen beiden Polen erwiesen sich viele Arbeiten als politisch aufgeladen. Barbara Kraus bot eine Vorschau auf ihr kommendes Stück Auf Teufel, komm raus!, in dem es ans Eingemachte unserer Vorstellungen von Gut und Böse geht. Frans Poelstra und Robert Steijn sowie die Gruppen Super Nase und Studio 5 rückten dem Repräsentationsgehabe in der Kunst provokant zu Leibe.

Das Politische am schweinischen Witz handelte die junge Choreografin Agata Maszkiewicz ab. Und die Gruppe Toxic Dreams boten einen Kurs unter Verzicht auf "artsy crap" rund um das Tanzen.

Mehr Unterhaltung

Im Tanz wird wieder vermehrt auf Unterhaltung gesetzt. Protagonist dieser Tendenz ist Superamas, die dem Entertainment gerne Fallgruben stellen. Ihr Talent für das Gestalten künstlerischer Lounges brachte das französisch-österreichische Kollektiv auch bei der Tanznacht wieder zur Geltung. In einer kleinen Show ließen Superamas drei Tänzerinnen in Affenkostümen auftreten. Nur die Go-go-Tänzerin zeigte Haut. Das ist es auch, was der typische Voyeur vom Tanz erwartet: appetitlich angerichtetes Jungfleisch.

Insgesamt waren die Themen der 27 Tanznacht-Künstler breit gestreut. Sie reichten bis zum Zitieren in der Kunst bei Oleg Soulimenkos Elegy for the Brave. Dislocation, wo Punk-Röhre Chowaniec als Tänzerin zu sehen war, und zum Thema Übersetzung bei Score von Nachwuchstalent Martina Ruhsam. Fazit: Die erste Wiener Tanznacht war recht gelungen, litt aber unter Überschneidungen vieler Präsentationen und daran, dass die Arbeiten letztlich wie in einem Supermarkt vorgeführt wurden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe 12.10.2009)

  • Welche Energien setzt die Idee des Beginnens frei? Oleg Soulimenko
arbeitet in "Elegy for the Brave. Dislocation" viel mit Zitaten aus der
Kunst.
    foto: michael loizenbauer

    Welche Energien setzt die Idee des Beginnens frei? Oleg Soulimenko arbeitet in "Elegy for the Brave. Dislocation" viel mit Zitaten aus der Kunst.

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