Wechselvoller Kulturaustausch

11. Oktober 2009, 18:26
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"Spot On Turkey Now" geriet im Wiener Konzerthaus zum Publikumserfolg

Wien - Der Sing-along-Prolog am Yppenplatz, wo vor einigen Tagen Weihnachtslieder auf Türkisch intoniert wurden, hatte offenbar Wirkung gezeigt. Wie schon im Vorjahr im Zuge von Spot On Jiddischkeit geriet am Wochenende im Wiener Konzerthaus auch der zweite saisoneröffnende Länderschwerpunkt zum Publikumserfolg.

Ob die Kreativität der Programmmacher mit den didaktischen Ambitionen Schritt halten konnte, darüber konnte man zumindest am ersten Tag von Spot On Turkey Now geteilter Meinung sein. Immerhin umschiffte man seitens des Konzerthauses die Kulturalismus-Falle, die die grüne Parlamentarierin Alev Korun im Begleitheft mit dem Bild beschrieb, dass "ein türkischer Künstler eben Saz spielt oder Bauchtanz macht" .

Das Programm bedeutete indessen großteils eine Zusammenfassung von Positionen, die auch in den letzten Jahren in Wien zu hören waren. Und nicht alle geladenen Musiker/innen zeigten sich von ihrer potentesten Seite. Jazzpianist Aydin Esen etwa, in guten Momenten ein genialer Tastenspontaneist, erzeugte an Flügel und drei Keyboards klanglich nicht immer geschmackssichere, rastlos sprudelnde Kaskaden, in denen Momente der Stille wahre Wunder gewirkt hätten.

Während das extravertierte Taksim-Trio mit Hüsnü Senlendirici (Klarinette), Ismail Tuncbilek (elektrische Baglama-Laute) und Aytac Dogan (Kanun/Zither) Volksmusik mit der Lässigkeit und der Dezibelstärke eines Instrumental-Rock-Trios zelebrierte, forschte Vladimir Ivanoffs Münchener Ensemble Sarband gemeinsam mit dem Concerto Köln nach historischen Vorläufern des osmanisch-okzidentalen Kulturaustauschs: Vor allem in der direkten Gegenüberstellung von Mozarts Deutschen Tänzen und den "geistlichen" , Derwisch-Musik integrierenden Walzer-Kompositionen Dede Efendis war dies ein hörenswerter historischer Beitrag.

Was die Geschichte über Joseph Marx und den 44-jährigen Hasan Ucarsu befinden wird, steht noch in den Sternen: Das Konzert von Attila Aldemir (Violine), Cag Ercag (Cello) und Hüseyin Sermet (Klavier) zeigte, dass es für eine mögliche Neuentdeckung der g-Moll-Triofantasie des österreichischen Spätromantikers wohl zu früh ist. Und dass das an Bartók angelehnte Ucarsu-Werk "no-times" , das im Schubertsaal seine Uraufführung erlebte, wohl nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Sängerin Aynur hingegen berückte erneut mit ihrer einmal tänzelnden, dann in bohrender Eindringlichkeit erschallenden Stimme. Derartige Highlights hätte Spot On Turkey Now einige mehr vertragen. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe 12.10.2009)

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