"Wir produzieren keine Eintagsfliegen"

12. Oktober 2009, 11:41
posten

Annemarie Türk, Sponsoring-Verantwortliche bei Kulturkontakt Austria, über Kunst in der Krise und was Ost- und Südosteuropa österreichischen Künstlern bringt

Unternehmen werden Kunst und Kultur trotz Krise weiter finanziell unterstützen, sagt Annemarie Türk, Leiterin des Bereichs Sponsoring der österreichischen Institution für Kulturvermittlung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, Kulturkontakt Austria. Jedoch seien auch "die Künstler aufgefordert, sich insofern auf Veränderungen einzustellen als einfach ihre Angebote an die Unternehmen überlegter sein müssen", sagt Türk. Über den Mangel an Übersetzern für manche südosteuropäische Sprachen und die Notwendigkeit der Kulturkontakt-Galerie Artpoint sprach sie mit Marijana Miljkovic

derStandard.at: Wie betreibt man Kunstsponsoring in der Krise?

Türk: Die Firmen, die Kunst gesponsert haben und nicht in allzu großen Schwierigkeiten stecken, also Leute entlassen müssen, denken nicht daran, damit aufzuhören. Allerdings überdenkt man den Aufwand rund um das Sponsoring. Man wird zum Beispiel bei den zusätzlichen Aufwendungen, wie etwa Büffetts und dem gesellschaftlichen Drumherum sparsamer. Die Künstler sind aufgefordert, sich insofern auf Veränderungen einzustellen als einfach ihre Angebote an die Unternehmen überlegter sein müssen.

derStandard.at: Was meinen Sie mit "Angebote von Künstlern an Unternehmen"?

Türk: Kunstsponsoring ist eine geschäftliche Beziehung zwischen Unternehmen und Künstler oder Kunstinstitution. Das heißt, die Firma erwartet sich ein Angebot des Künstlers, das nicht nur darin besteht, das Logo des Sponsors aufs Inserat oder Programmheft zu drucken, sondern, dass man sich überlegt, wie man eine solche Zusammenarbeit gestalten kann. Da gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten: Die Firmen zu Premieren einladen, Führungen anbieten, was auch immer. Wenn die Firmen sehen, dass die Künstler nicht nur mit dem Wunsch nach zusätzlichen Mitteln kommen, dann sind sie auch in Zeiten der Krise ansprechbar.

derStandard.at: In einem Interview hat der Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder beklagt, dass die Sponsoren abspringen. Hat es eine staatliche Institution wie Kulturkontakt Austria in Krisenzeiten leichter?

Türk: Sponsoring und unsere eigene Finanzierung sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Der Sponsoring-Bereich bei Kulturkontakt versteht sich als Mittler zwischen Kunstschaffenden und privaten Unternehmen. Wir beraten und suchen Sponsoren für Projekte, nicht für uns selber. Wir haben zwar auch Kooperationen, aber das sind keine gesponserten Projekte, sondern Partnerschaftsprojekte, wie etwa der Bank Austria Literaris oder der Henkel Art Award, Projekte, die nun schon acht, neun Jahre laufen. Die Sponsoren der Albertina spielen in einer anderen Liga als die der meisten österreichischen Kulturveranstalter. Da geht es um Beträge, wo's durchaus sein kann, dass sich die eine oder andere Firma überlegen muss, so große Beträge in den Kulturbereich zu investieren. Bei den kleinen und durchschnittlichen Beträgen sehe ich nicht mehr Schwierigkeiten als zuvor. Wobei ich meine Zweifel habe, ob der Rückgang an Sponsoren wirklich nur der Krise zuzuschreiben ist.

derStandard.at: Bei Kulturkontakt werden Künstler aus Ost- und Südost-Europa gefördert. Warum ausgerechnet diese Länder?

Türk: Dieser Arbeitsauftrag mit Ost- und Südost-Europa ist vor 20 Jahren entstanden, als die damalige Kulturministerin acht Minister aus den neuen Demokratien zu einer Konferenz in die Wiener Hofburg eingeladen hat. Das Ergebnis war die Gründung eines Fonds, den man in Folge in den bestehenden Verein Kulturkontakt implementiert hat, mit dem man die kulturellen Beziehungen mit diesen Ländern auf neue Beine stellen wollte. Bis dahin war ja keine individuelle Zusammenarbeit möglich. Das lief über staatliche Institutionen und war sehr oft zensuriert. Direkte Künstlerkontakte gab es nicht. Am Anfang ging es auch darum, neue Initiativen in den Ländern zu unterstützen. Die Länder hatten in der Umbruchsituation nicht wirklich Geld für neue kulturpolitische Maßnahmen. Da wollte Österreich als ein Nachbarland, das mit diesem Raum aufs Engste verbunden war, einen Beitrag leisten.

derStandard.at: Sie holen im Rahmen des Artist in Residence-Programme nicht nur bildende Künstler, sondern im Rahmen des Writers in Residence-Programme auch Schriftsteller nach Österreich. Stoßen Sie auf Sprachbarrieren?

Türk: Die Sprachbarrieren sind in jeder Kunstsparte ein Problem. Ich erinnere mich gut an ein Projekt, das den Titel hatte: "An Artist who doesn't speak English is not an Artist." Das ist eine ziemlich heftige Ansage, die so falsch nicht ist. International reüssieren können auch im bildenden Bereich vor allem jene Künstler, die einer Fremdsrache mächtig sind, weil das westliche Europa nicht sehr sprachgewandt ist. Man kann zwar eine zweite Fremdsprache, aber sicherlich keine osteuropäische. Wir merken immer wieder: Jene, die Englisch können, haben es leichter als jene, die nicht Englisch sprechen. In der Literatur ist es noch einmal anders, weil die Werke uns nur erschlossen werden können, wenn gute Übersetzungen vorliegen. Deswegen haben wir auch immer auf die Förderung von ÜbersetzerInnen Wert gelegt. Das Writers in Residence Programm ist daher nicht nur für SchrifstellerInnen gedacht, sondern auch für Übersetzer, die an konkreten Projekten arbeiten.

derStandard.at: Wie groß ist der Mangel an Übersetzern?

Türk: Wir haben für einige osteuropäische Sprachen kaum ÜbersetzerInnen. Für Albanisch gab es bisher zwei Übersetzer in Deutschland. Jetzt haben wir mit der österreichischen Schriftstellerin Andrea Grill endlich Nachwuchs. Sie hat einige Zeit in Albanien gelebt, ist offensichtlich ein unglaubliches sprachliches Talent und sie reüssiert zunehmend mit Übersetzungen albanischer Autoren. Wir werden eines davon, von Mimosa Ahmeti, auf der Buchmesse präsentieren. Bei den baltischen Sprachen sieht es unwahrscheinlich triste aus. Da muss sicherlich mehr getan werden als Kulturkontakt leisten kann.

derStandard.at: Kritik an Kulturkontakt wurde laut, weil die Institution einen eigenen Ausstellungsraum hat und die Künstler nicht an Galerien und andere Einrichtungen vermittelt. Wie reagieren Sie auf diese Vorwürfe?

Türk: Wir haben mit einem eigenen Ausstellungsprogramm begonnen, da Künstler und Künstlerinnen aus Ost- und Südosteuropa nur schwer und langsam Eingang in die verschiedenen Ausstellungsprogramme von Kunstvereinen und Galerien fanden. Also haben wir aus der Not eine Tugend gemacht, wollen aber den Galeristen in keiner Weise Konkurrenz machen, – wir betreiben keine kommerzielle Galerie. Wir verstehen diese Ausstellungstätigkeit vielmehr als einen Schauraum für ost- und südosteuropäische KünstlerInnen. Viele der Künstler, die hier zum ersten Mal gezeigt werden, finde ich Jahre später in Katalogen einiger Galerien und Ausstellungshäuser. Damit ist unsere Aufgabe erfüllt und wir freuen uns mit den KünstlerInnen über diese Erfolge.

derStandard.at: Ist die Galerie Artpoint das einzige, was Sie für die Künstler tun?

Türk: Wir haben seit einigen Jahren mit der Bank Autria eine Kooperation, – nicht nur im Literaturbereich, sondern auch im Bereich der bildenden Kunst: im BA Kunstforum machen wir einmal im Jahr in enger Zusammenarbeit eine Ausstellung, die auch mit einer Katalogproduktoin begleitet wird. Die nächste Ausstellung wird am 29. Oktober eröffnet – Olga Chernysheva „Inner Dialog". 2009 wird in Zusammenarbeit mit dem BMeiA, beziehungsweise. den einzelnen Kulturforen eine Ausstellungreihe organisiert. In Prag, Bratislava, Bukarest, Warschau, Rijeka und Belgrad werden ehemalige Artists-in-Residence eingeladen, um die einmal geknüpften Kontakte wieder zu beleben und auch um zu sehen, wie sich die KünstlerInnen seit Ihrem Aufenthalt in Wien entwickelt haben. Wir sind auch auf der Buch Wien mit einem eigenen Stand und vielen Lesungen und Buchpräsentationen präsent.

derStandard.at: Nach dieser Aufzählung erübrigt sich wohl die Frage nach der Nachhaltigkeit der Residence-Programme...

Türk:Ein Grundkonzept unserer Arbeit war von Beginn an, dass wir es nicht bei der einen Begegnung während ihrer Residency in Österreich belassen. Mit den meisten KünstleInnen arbeiten wir weiter zusammen, verfolgen ihre Entwicklung und haben auf anderen Ebenen wieder mit ihnen zu tun. Das sind keine Eintagsfliegen, die wir da produzieren. Das haben wir von Beginn an bewusst so gehalten.

derStandard.at: Was bringt Kulturkontakt Austria den österreichischen Künstlern?

Türk: Unsere Programme sind eines sicher nicht, – eine Einbahnstraße, denn die Künstler, die hierherkommen, knüpfen hier sehr viele Kontakte zu österreichischen Künstlern. Wir bemerken seitdem eine sehr starke Einladungspolitik von österreichischen Künstlern nach Ost- und Südosteuropa. So haben wir immer auch die Einladungspolitik österreichischer Festivals wie z.B. der Diagonale, Crossing Europe, um nur einige zu nennen, sehr unterstützt. Die Filmkritiker und Festivalveranstalter aus Osteuropa sind nach Österreich gekommen und haben gesehen, dass auch in Österreich Spannendes im Filmbereich passiert und haben die Filme dann vermehrt bei sich zu Hause gezeigt. Ohne diese Einladungen hätten sie das nicht kennenlernen können. Man muss ihnen diese Möglichkeit geben und das zieht erfreuliche Folgen nach sich. Die Präsenz des österreichischen Films in Ost- und Südosteuropa hat sich schlagartig erhöht.
(Marijana Miljkovic, derStandard.at, Oktober 2009)

Zur Person:
Annemarie Türk, 1953 in Klagenfurt geboren, ist Bereichsleiterin Kulturförderung und Sponsoring bei KulturKontakt Austria

  • "Wir haben für einige osteuropäische Sprachen kaum ÜbersetzerInnen. Bei den baltischen Sprachen sieht es unwahrscheinlich triste aus. Da
muss sicherlich mehr getan werden als Kulturkontakt leisten kann."
    foto: privat

    "Wir haben für einige osteuropäische Sprachen kaum ÜbersetzerInnen. Bei den baltischen Sprachen sieht es unwahrscheinlich triste aus. Da muss sicherlich mehr getan werden als Kulturkontakt leisten kann."

Share if you care.