Gorbatschow dachte über Übernahme der Stasi nach

10. Oktober 2009, 17:22
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Gorbatschow hätte mit dem Gedanken gespielt die Auslandsspionage der Stasi sowie das gesamte IM-Netz vom KGB übernehmen zu lassen

Hamburg - Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow hat einem Bericht des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zufolge 1990 mit dem Gedanken gespielt, die Auslandsspionage der Stasi sowie das gesamte IM-Netz vom KGB übernehmen zu lassen. Wie der "Spiegel" am Samstag berichtete, geht dies aus umfangreichen Aktenbeständen des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) zum Mauerfall hervor, die der BND auf Antrag des Magazins freigegeben habe. Demnach habe DDR-Regierungschef Hans Modrow Gorbatschow ein entsprechendes Angebot gemacht.

Modrow habe laut BND damit geworben, das Agenten- und Informantennetz der Stasi erfasse "weitestgehend das Parteien- und Oppositionsspektrum in der DDR", schreibt das Magazin unter Berufung auf die Unterlagen. Modrow bestreite die Darstellung des BND: "Nichts von dem ist wahr", zitiert ihn der "Spiegel".

Aus den BND-Unterlagen gehe zudem hervor, dass Gorbatschow offenbar schon 1988 gegenüber SED-Generalsekretär Erich Honecker erklärt habe, "unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei beziehungsweise Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen". Demnach hat der Kreml-Chef bereits vor dem Mauerfall die sowjetische Bestandsgarantie für die DDR widerrufen.

Aus dem Politbüro der SED habe der Dienst viel Kurioses berichtet, schreibt der "Spiegel". So habe er zwei Tage vor dem Mauerfall ans Kanzleramt gemeldet, der bereits gestürzte Honecker habe sich in den Westen abgesetzt. Er sei zuerst zu seiner Schwester ins Saarland und dann in die Schweiz weitergereist. In Wahrheit sei Honecker noch in Wandlitz gesessen. Hinter der Grenzöffnung am 9. November 1989 habe der BND einen vermeintlich klugen Schachzug von Honecker-Nachfolger Egon Krenz vermutet.

"Charakter und Ambitionen"

Gorbatschow hat trotz politischer Differenzen DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker persönlich geschätzt. In einem Interview mit der deutschen Zeitung "Bild am Sonntag" sagte Gorbatschow: "Honecker war ein ernsthafter Politiker, er hatte Charakter und Ambitionen." Honecker habe sicher Fehler gemacht, aber er wollte seinem Land dienen. "Er war ein richtiger Deutscher, einer, der im Krieg gegen Hitler gekämpft hatte", sagte Gorbatschow.

Gleichzeitig kritisierte Gorbatschow die starre Haltung Honeckers zur Zeit der politischen Reformen in Osteuropa. "Als ich seinerzeit im Kreis der Staats- und Regierungschefs des Warschauer Pakts über die Perestroika (Umgestaltung) gesprochen habe, sagte Honecker: Wir haben unsere Perestroika bereits hinter uns. Er meinte damit die Veränderungen, die er nach der Ablösung Walter Ulbrichts eingeleitet hatte."

Über die wirtschaftliche Lage der DDR in den Tagen ihres 40-jährigen Bestehens im Oktober 1989 sagte Gorbatschow: "Das war ja im Vergleich zu den anderen Mitgliedern des Warschauer Vertrags kein rückständiges Land. Und wenn die DDR damals einen Reformkurs eingeschlagen hätte, wären die Ergebnisse noch besser gewesen. Aber Honecker (1912-94) hat diesen Augenblick verpasst." Auf die Frage, ob die DDR überlebt hätte, wenn Honecker rechtzeitig Reformen eingeleitet hätte, antwortete Gorbatschow: "Die Wiedervereinigung hätte es irgendwann trotzdem gegeben, wenn auch in anderer Form." (APA/AP)

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