Zwanzig Tote nach Geiselbefreiung nach Taliban-Angriff - Regierung kündigt Offensive an
London/Islamabad - Der blutige Überfall mutmaßlicher Taliban-Kämpfer auf das scharf bewachte Hauptquartier der pakistanischen Armee in Rawalpindi nährt die Sorge, dass Atomwaffen in die Hände islamischer Extremisten geraten könnten. Der Vorfall zeige, dass Extremisten die Autorität des Staates zunehmend bedrohten, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton am Sonntag in London. Und, offensichtlich als Mahnung an die Führung in Islamabad: "Wir vertrauen der pakistanischen Regierung und der Kontrolle des Militärs über ihre Nuklearwaffen." Der britische Außenminister David Miliband nannte die Taliban eine "tödliche Bedrohung" für Pakistan.
Zwanzig Tote
Erst nach 22 Stunden konnten
Elitesoldaten die Lage in Rawalpindi unter Kontrolle bringen. Mindestens 20 Menschen kamen ums
Leben. Die Regierung kündigte an, sie werde jetzt umso entschlossener eine
Offensive gegen Extremisten in den Stammesregionen von Süd-Waziristan einleiten.
Neun bewaffnete Männer drangen am Samstag durch das Haupttor in das
militärische Hauptquartier in Rawalpindi ein, erschossen sechs Soldaten und
verschanzten sich mit zahlreichen Geiseln. Sie hatten Armeeuniformen an und
kamen in einem weißen Lieferwagen, der ein Kennzeichen der Armee gehabt haben
soll. Der Militärexperte Kamran Bokhari sagte, all dies deute darauf hin, dass
die Extremisten die Streitkräfte infiltriert haben könnten. Die Armee gerate
offenbar zunehmend in die Defensive.
Am Sonntag stürmte ein Militärkommando das Gebäude, in dem sich die Angreifer
verschanzt hielten. Neun Extremisten wurden erschossen, ihr Anführer wurde
verhaftet. 42 Geiseln wurden befreit, doch kamen auch drei ums Leben. Auch zwei
Elitesoldaten wurden bei der Befreiungsaktion getötet.
Der Angriff in der Garnisonsstadt Rawalpindi, nur wenige Kilometer von der
Hauptstadt Islamabad entfernt, war der dritte schwere Anschlag innerhalb einer
Woche. Am Freitag kamen bei einem Selbstmordanschlag auf einem Markt in Peshawar
49 Menschen ums Leben. Zuvor wurden bei einem Bombenanschlag auf das Büro des
Welternährungsprogramms (WFP) fünf Menschen getötet.
Die Serie der Anschläge zerstörte die Hoffnung der pakistanischen Regierung, dass die Extremisten nach dem
Tod des Taliban-Führers Baitullah Mehsud bei einem US-Angriff im August
entscheidend geschwächt sein könnten. Dessen Nachfolger Hakimullah Mehsud hat
kürzlich vor Journalisten in Süd-Waziristan angekündigt, dass die Taliban zu
weiteren Angriffen auf Streitkräfte, Regierung und andere Ziele entschlossen
seien.
Die USA drängen Pakistan, gegen die Extremisten
in den Stammesgebieten vorzugehen. Nach drei erfolglosen Offensiven haben die
Streitkräfte lange gezögert, eine neue Militäraktion zu starten. Es wird
geschätzt, dass die Taliban und andere Gruppen etwa 10.000 Kämpfer in
Süd-Waziristan unter Waffen haben.
Offensive steht bevor
Nach dem Überfall auf das Hauptquartier der pakistanischen Armee will die Regierung in Islamabad
umgehend gegen die Extremisten in der nordwestlichen Unruheregion Süd-Waziristan
losschlagen. "Wir werden kein Erbarmen mit ihnen haben, weil es unsere Absicht
und unser Entschluss ist, sie loszuwerden. Es gibt für sie keinen Platz in Pakistan, das verspreche ich", sagte Innenminister
Rehman Malik am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Armee hat nach
früheren Angaben rund 28.000 Soldaten für die Offensive zusammengezogen. Ihnen
stehen etwa 10.000 Taliban-Kämpfer gegenüber.
Die bereits seit langem geplante Offensive im Grenzgebiet zu Afghanistan
stehe unmittelbar bevor, sagte er weiter. Die Regierung habe keine andere Wahl.
Die Stämme aus der Region hätten den Militäreinsatz gefordert und der Armeechef
habe die Ermächtigung erhalten, zu einem passenden Zeitpunkt anzugreifen. "Es
wird nicht lange dauern, es wird so schnell wie möglich geschehen", sagte Malik
weiter.
Spezialkommandos des pakistanischen Militärs
hatten wenige Stunden zuvor eine Geiselnahme in ihrem Hauptquartier in
Rawalpindi beendet und 39 Menschen aus der Hand von Extremisten befreit, die
sich dort seit Samstag verschanzt hatten. Neun Menschen kamen dabei ums Leben.
Der mutmaßliche Anführer der Angreifer wurde festgenommen.
Malik ging davon aus, dass Kämpfer der pakistanischen Taliban und der Al-Kaida hinter dem
Angriff steckten. "Der Mann, der verhaftet wurde, heißt Usman. Er ist ein
Mitglied der Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan,
aber uns liegen Hinweise vor, dass er auch der Al-Kaida angehört", sagte der
Minister, der anlässlich einer Interpol-Konferenz in Singapur weilte. Die
Drahtzieher der Tat hätten vor zwei Monaten gemeinsam ein Haus bezogen. "Am Tag,
an dem sie die Aktion ausführen mussten, verschwanden sie aus dem Haus." (APA/AP)