Sorge um Atomwaffen nach Angriff auf Armeezentrale

11. Oktober 2009, 23:23
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Zwanzig Tote nach Geiselbefreiung nach Taliban-Angriff - Regierung kündigt Offensive an

London/Islamabad - Der blutige Überfall mutmaßlicher Taliban-Kämpfer auf das scharf bewachte Hauptquartier der pakistanischen Armee in Rawalpindi nährt die Sorge, dass Atomwaffen in die Hände islamischer Extremisten geraten könnten. Der Vorfall zeige, dass Extremisten die Autorität des Staates zunehmend bedrohten, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton am Sonntag in London. Und, offensichtlich als Mahnung an die Führung in Islamabad: "Wir vertrauen der pakistanischen Regierung und der Kontrolle des Militärs über ihre Nuklearwaffen." Der britische Außenminister David Miliband nannte die Taliban eine "tödliche Bedrohung" für Pakistan.

Zwanzig Tote

Erst nach 22 Stunden konnten Elitesoldaten die Lage in Rawalpindi unter Kontrolle bringen. Mindestens 20 Menschen kamen ums Leben. Die Regierung kündigte an, sie werde jetzt umso entschlossener eine Offensive gegen Extremisten in den Stammesregionen von Süd-Waziristan einleiten.

Neun bewaffnete Männer drangen am Samstag durch das Haupttor in das militärische Hauptquartier in Rawalpindi ein, erschossen sechs Soldaten und verschanzten sich mit zahlreichen Geiseln. Sie hatten Armeeuniformen an und kamen in einem weißen Lieferwagen, der ein Kennzeichen der Armee gehabt haben soll. Der Militärexperte Kamran Bokhari sagte, all dies deute darauf hin, dass die Extremisten die Streitkräfte infiltriert haben könnten. Die Armee gerate offenbar zunehmend in die Defensive.

Am Sonntag stürmte ein Militärkommando das Gebäude, in dem sich die Angreifer verschanzt hielten. Neun Extremisten wurden erschossen, ihr Anführer wurde verhaftet. 42 Geiseln wurden befreit, doch kamen auch drei ums Leben. Auch zwei Elitesoldaten wurden bei der Befreiungsaktion getötet.

Der Angriff in der Garnisonsstadt Rawalpindi, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt, war der dritte schwere Anschlag innerhalb einer Woche. Am Freitag kamen bei einem Selbstmordanschlag auf einem Markt in Peshawar 49 Menschen ums Leben. Zuvor wurden bei einem Bombenanschlag auf das Büro des Welternährungsprogramms (WFP) fünf Menschen getötet.

Die Serie der Anschläge zerstörte die Hoffnung der pakistanischen Regierung, dass die Extremisten nach dem Tod des Taliban-Führers Baitullah Mehsud bei einem US-Angriff im August entscheidend geschwächt sein könnten. Dessen Nachfolger Hakimullah Mehsud hat kürzlich vor Journalisten in Süd-Waziristan angekündigt, dass die Taliban zu weiteren Angriffen auf Streitkräfte, Regierung und andere Ziele entschlossen seien.

Die USA drängen Pakistan, gegen die Extremisten in den Stammesgebieten vorzugehen. Nach drei erfolglosen Offensiven haben die Streitkräfte lange gezögert, eine neue Militäraktion zu starten. Es wird geschätzt, dass die Taliban und andere Gruppen etwa 10.000 Kämpfer in Süd-Waziristan unter Waffen haben.

Offensive steht bevor

Nach dem Überfall auf das Hauptquartier der pakistanischen Armee will die Regierung in Islamabad umgehend gegen die Extremisten in der nordwestlichen Unruheregion Süd-Waziristan losschlagen. "Wir werden kein Erbarmen mit ihnen haben, weil es unsere Absicht und unser Entschluss ist, sie loszuwerden. Es gibt für sie keinen Platz in Pakistan, das verspreche ich", sagte Innenminister Rehman Malik am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Armee hat nach früheren Angaben rund 28.000 Soldaten für die Offensive zusammengezogen. Ihnen stehen etwa 10.000 Taliban-Kämpfer gegenüber.

Die bereits seit langem geplante Offensive im Grenzgebiet zu Afghanistan stehe unmittelbar bevor, sagte er weiter. Die Regierung habe keine andere Wahl. Die Stämme aus der Region hätten den Militäreinsatz gefordert und der Armeechef habe die Ermächtigung erhalten, zu einem passenden Zeitpunkt anzugreifen. "Es wird nicht lange dauern, es wird so schnell wie möglich geschehen", sagte Malik weiter.

Spezialkommandos des pakistanischen Militärs hatten wenige Stunden zuvor eine Geiselnahme in ihrem Hauptquartier in Rawalpindi beendet und 39 Menschen aus der Hand von Extremisten befreit, die sich dort seit Samstag verschanzt hatten. Neun Menschen kamen dabei ums Leben. Der mutmaßliche Anführer der Angreifer wurde festgenommen.

 

Malik ging davon aus, dass Kämpfer der pakistanischen Taliban und der Al-Kaida hinter dem Angriff steckten. "Der Mann, der verhaftet wurde, heißt Usman. Er ist ein Mitglied der Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan, aber uns liegen Hinweise vor, dass er auch der Al-Kaida angehört", sagte der Minister, der anlässlich einer Interpol-Konferenz in Singapur weilte. Die Drahtzieher der Tat hätten vor zwei Monaten gemeinsam ein Haus bezogen. "Am Tag, an dem sie die Aktion ausführen mussten, verschwanden sie aus dem Haus."  (APA/AP)

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    Pakistanische Soldaten stürmten ihren eigenen Stützpunkt in Rawalpindi.

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    Soldaten gehen in Position nach dem Anschlag auf das Hauptquartier der Armee in Rawalpindi.

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