Hamster und Haider

9. Oktober 2009, 19:26
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Wie sich die "Wiener Zeitung" ohne Andreas Unterberger gestalten könnte, wird die unter seiner Redaktionsleitung geschrumpfte Leserschaft in absehbarer Zeit merken

Wie sich die "Wiener Zeitung" ohne Andreas Unterberger gestalten könnte, wird die unter seiner Redaktionsleitung geschrumpfte Leserschaft in absehbarer Zeit merken. Schon jetzt hingegen stellt das Blatt der Republik nicht unter den Scheffel, was es an seinen beiden Redakteuren namens Baumgartner hat. Neulich schlugen sie in derselben Nummer so richtig herzhaft zu, der eine auf die Grünen, der andere auf einen international bekannten Feigling.

Manche Meldungen lassen bei Beobachtern Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Wiener Lokalpolitik aufkommen. So bei dem Beobachter Baumgartner Bernhard: "Grüne wollen Wiens Hamster retten", lautete eine davon am Freitag. Die possierlichen Nager, die sich in jedem dritten Kinderzimmer finden seien - wie die Grünen glauben - in Wien gefährdet.

Nun ist bekannt, dass die Grünen zu Überängstlichkeit neigen, wenn es um Bedrohungen aller Art geht. Dass sie aber auch schon die possierlichen Nager, die sich in jedem dritten Kinderzimmer finden, einer dem seinerzeitigen Waldsterben mindestens ebenbürtigen Gefahr ausgesetzt sehen, musste einen Redakteur pflichtgemäß in Rage bringen, dessen Chef die Grünen annähernd so hasst wie die als linksradikal bekannte Caritas.

Man weiß auch um die Tendenz der Grünen, Gefahren ein wenig aufzubauschen. Aber dass sie zur Rettung der possierlichen Nager, die sich in jedem dritten Kinderzimmer finden, nicht nur einen großflächigen Baustopp verlangen, sondern auch eine großangelegte stadtweite Hamster-Zählung, weil man nur so feststellen könne, ob ein Bau Hamster-verträglich sei, geht wirklich zu weit. Da wäre es doch viel einfacher, die Kinderzimmer zu zählen und durch drei zu dividieren, und das umso eher, als Baumgartner Bernhard argwöhnte, man könnte bei der Aktion doch auch gleich Scharen von arbeitslosen Biologiestudenten in höheren Semestern mit Lohn und Brot versorgen. Manche Meldungen lassen bei Beobachtern Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Schreibern aufkommen, die mit Gewalt Goldhamster und Hamster durcheinanderbringen müssen, nur um den unernsten Grünen eins auszuwischen. Aber an geschmackvoller Ironie fehlt es nicht. Und die Hamster im Kinderzimmer? Für die kommt eine Meldepflicht mit mehrstufigem Aufenthaltsverfahren.

Glücklich preisen können sich amerikanische und Schweizer Justiz, ihnen hat Baumgartner Edwin seinen starken Arm geliehen. Wenn dem einer unterkommt, der vor mehr als dreißig Jahren vor seiner Verantwortung feige davongelaufen ist, dann kennt er keine Gnade, droht doch die schreckliche Gefahr, es könnten sich alle freigeistigen Gutmenschenenergien für Roman Polanski mobilisieren und gegen die USA und gegen die Schweiz protestieren!

Da ist Baumgartner Edwin vor! Seine ganze Rubrik Theaterdonner musste herhalten, damit er sich vom Kothurn einer voyeuristischen Moral in der Rolle des Richters über Polanski und vorbeugend auch gleich über eventuelle freigeistige Gutmenschen produzieren konnte. Da kennt er nix. Vergewaltigung ist sowohl in den USA als auch in Europa ein Offizialdelikt. Es wird vom Staat verfolgt, unabhängig davon, welche Position das Opfer bezieht. Und von Baumgartner Edwin. Oder sollen wir den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz lieber gleich zu Grabe tragen? Die Frage musste aus einem der "Wiener Zeitung" so eng am Herzen liegenden Anlass einfach gestellt werden.

Diese Woche gingen die Haider-Devotionalien an die Familie Dichand. Jörgis Mutter hat gebrochen, nämlich erstmals ihr Schweigen. Das Outcoming - Eine Frau leidet im Stillen - wurde von einem Autorenpaar Zeppelzauer protokolliert und fand sich nacherzählt von einem Oswald Hicker am selben Donnerstag in "Krone" und Ableger "Heute".

Überraschend in der "Krone": Lebensmensch. Wenn dieser Begriff für Jörg Haider je eine Bedeutung hatte, dann im Bezug auf eine Frau - seine Mutter Dorothea. Bei ihr fand er Ruhe, durfte einfach Jörg sein. Wenn's der Petzner nur aushält! Versprochen wurden Erinnerungen an die guten Seiten, wie sie nur einer Mutter zustehen. Aber es sind Bilder einer Kindheit, eines Lebens, die ein Schlüssel zum Rätsel Jörg Haider sind.

"Heute" entschlüsselte mühelos den Menschen hinter dem Politiker: Jörg ist mit zwei Jahren das erste Mal auf Skiern gestanden. Es hat ihn gleich hingeschmissen, das hat ihn wahnsinnig geärgert. Jörg war sehr ehrgeizig, hat geglaubt: "Jetzt stelle ich mich auf Ski und dann fahre ich schon." Heißer Stoff für eine "Heute"-Serie. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 10./11.11.2009)

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