Jörg Haider: Endlich daheim

9. Oktober 2009, 18:56
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Ausschnitt aus "Ich war tot. Das Ende Robin Hoods, von ihm selbst erzählt", mitgeschrieben und nunmehr aus gegebenem Anlass einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht von Egyd Gstättner

Endlich, endlich war es nun doch so weit. Eines morgens wurde ich ohne jedes Trara abgeholt, in die Nachbarstadt verfrachtet und kremiert. Das war heiß. Aber jetzt war ich homogen, kompakt und wie aus einem Guss. Ich war leicht und passte in meine Urne. Ich kam heim. Spät, aber doch. Robin war wieder in den Wäldern. Die starke Marian redete jetzt mehr denn je, und zwar hauptsächlich mit der Superboulevardzeitung Sonne. Ihr Leben war eine ununterbrochene Abfolge von Beten, Kerzenanzünden und Interviewgeben. Wiederbeten. Wiederkerzenanzünden. Wiederinterviewgeben. Immer wieder beten. Immer wieder Kerzen anzünden. Immer wieder Interviewgeben. Einmal fuhr Maid Marian nach Rom zum Oberhaupt des absurden Vereins, überreichte dem Heiligen Vater ein Heiligenbildchen von mir und bezahlte für die Verlautbarung in der Nachrichtenagentur.

Meine letzte Ruhestätte, erzählte sie, habe sie ganz bewusst ausgewählt. Das Land konnte also diesbezüglich aufatmen. Für Marian gehörte ein Friedhof einfach in die Nähe einer Kapelle. Da war ich ganz ihrer Meinung. Nirgendwo anders konnte sie sich mein Grab in meinem 16 Hektar großen Erbtal besser vorstellen. Manchmal dachte ich trotzdem: Das ist ja völlig egal ...

Meine Trauerfeier wurde so würdig und besinnlich, wie Marian sie sich erhofft hatte. Na immerhin! Es war ein feierliches Begräbnis mit drei Priestern. Die gesamte Familie war da. Nach der Beerdigung hatten die Familie und die drei Priester noch lange im Haus weitergebetet, erzählte Marian der Superboulevardzeitung.

Noch war mein Kreuz provisorisch. Die starke Marian erzählte der Öffentlichkeit, sie setze sich in ihrer Trauerarbeit sehr intensiv mit der Suche nach dem richtigen Grabstein auseinander. Die würde noch eine gewisse Zeit brauchen. Eines wisse sie aber mit Bestimmtheit. Es würde ein bescheidenes Grab. Denn auch ich sei ein bescheidener Mensch gewesen. Ein bescheidener Porschefahrer. Ein bescheidener Waldbesitzer. Ein bescheidener Millionär. Auch bescheidene Menschen werden gern von drei Priestern beerdigt. Sicher ist sicher. Ich war ja auch sehr vorsichtig, erzählte die starke Marian der Superboulevardzeitung. Vielleicht wird noch ein bescheidenes Mausoleum daraus. Naja, war ja egal. Der Umbau meiner Person war voll im Gang. Bescheiden war ich rückwirkend geworden. Vorsichtig war ich gewesen. Diszipliniert. Gütig war ich. Maid Marian zwang den Saddam raus und den Dalai Lama rein. Jeder, der eine Kerze am Grab anzünden wolle, könne ins Erbtal kommen, ließ die starke Marian der Öffentlichkeit ausrichten. Die Umgebung rund um die Kapelle sei ein kraftbringender Ort. Hier ließen die Natur und der Wald sie alles spüren, was sie zu bieten hätten. Trotz des Kraftfeldes würde es aber noch viele Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre dauern, bis Marian ihre Trauer bewältigt habe. Zu groß sei der Verlust, der ihr am Schicksalstag zugestoßen sei.

Seit der Unfall passiert war, fühlte Marian sich, als würde sie auf der anderen Seite leben. Sie wusste nicht, womit das zusammenhing: Mit dem unfassbaren Verlust. Oder weil so viel weggebrochen war. Was für Wahlmöglichkeiten! Die Trauer war ein steiniger Weg für Marian, der sicher länger als ein Jahr dauern würde. Als sie mit dem Trauerinterview fertig war und es in Druck ging, setzte sich Maid Marian ins Kino und sah sich eine entzückende französische Komödie an. Tja. Was sollte sie machen? Das Leben ging weiter.

Die einfachen Menschen, die mich so geliebt hatten, kamen nach wie vor ohne Unterlass zur Unfallstelle und stellten Kerzen ab, aber auch Allerheiligenbouquets, Adventkränze, Christbäume mit Kugeln, Lametta, Girlanden. Die einfachen Menschen hatten mein Bild aus der Zeitung geschnitten, auf ein Din-A4-Blatt geklebt, in eine Klarsichthülle gesteckt und hier auf die Wand neben der Unfallstelle geheftet. Einer hatte unter mein Bild geschrieben: "Wir sind immer in deinem Herzen!" Das ist so, als schriebe einer: "Mir steht der Hals bis zum Wasser!" (Bei Lady Di hatte man noch geschrieben: "Du bist immer in unserem Herzen!" Vielleicht hatte man bei mir etwas verwechselt und nicht gar so lange darüber nachgedacht, wer in wessen Herzen sein kann, speziell nach dem, was passiert war. Aber als Gewählter darf man nicht wählerisch sein, als Robin muss man für seine Bande nehmen, wen man kriegen kann.)

Ein anderer hatte unter mein Bild geschrieben "Good look!" (Bei Lady Di hatte man noch geschrieben: "Good luck!" Aber in England tut man sich mit dem Englischen traditionell leichter. Und bei einem Toten wie mir ist es vielleicht wirklich sinnvoller, ihm "Good look" als "Good luck" zu wünschen). Im Angesicht des Todes ist alles lächerlich. Wieder ein anderer hatte mich mit einer anderen Märchenfigur verwechselt und um einen Baumstamm eine kleine Plastikpuppe des gestiefelten Katers gebunden.

Den dummen Buben hatte meine Bande mittlerweile abmontiert, was ihn aber nicht daran hinderte, der Superboulevardzeitung immer weiter Interviews zu geben. Sein Leben hatte neu begonnen, sagte er. Durch meinen Tod sei es entschleunigt worden. Er habe den Stein der Weisen gefunden, wie man auch in Zukunft Wahlen gewinnt, sei aber nicht mehr rund um die Uhr im Einsatz und nicht mehr Tag und Nacht für mich erreichbar. Politik mit mir bedeutete immer enorm hohes Tempo. Jetzt bestimme er sein Tempo selbst. Gewissen Dingen könne er sich jetzt intensiver widmen. Zum Beispiel sei er schon wieder in eine neue In-Disco gegangen. Junge Leute seien bei seinem Auftritt in Jubelstimmung gekommen, hätten Sprechchöre angestimmt und den Namen des dummen Buben skandiert. Das sei ein schönes Erlebnis gewesen, erzählte der dumme Bub der Superboulevardzeitung, da habe er gewusst, dass nicht alles vergebens gewesen sei. So ging also auch die ultima scena der Oper zu Ende.

Bei einem Volkslauf ließ Little John, vielen Dörflern in der Region auch als "der Holzhacker" bekannt, meine Turnschuhe neben die Laufstrecke stellen, kniete neben meinen Turnschuhen nieder, zündete neben meinen Turnschuhen eine Kerze an und ließ sich vor meinen Turnschuhen kniend und neben meinen Turnschuhen eine Kerze anzündend vom Reporter der Sonne photographieren. Von nun an sollte er nicht mehr Holzhacker heißen, sondern Der mit dem Turnschuh trauert. (Egyd Gstättner, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.10.2009)

 

Zur Person:

Egyd Gstättner (47), Schriftsteller und Essayst, lebt in Klagenfurt; zuletzt erschien "Der Untergang des Morgenlands" (Picus).

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