Eine Szene für Borat

9. Oktober 2009, 18:51
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Die Wiener Staatsanwaltschaft erhob Anklage - und erlitt im Landesgericht eine empfindliche Schlappe

Die Suppe ist ausgesprochen dünn. So dünn, dass man in ihr mit einem Haarsieb auf Nudelfang gehen muss. Drei Männer sprechen in Wien den ehemaligen Chef des kasachischen Geheimdienstes KNB an, "laden ihn ein", in seine Heimat zurückzukehren - als der sich jedoch weigert, tauschen die "Kidnapper" bereitwillig Handynummern aus, und das "Opfer" spaziert davon. Wenn das ein ernsthafter kasachischer Entführungsversuch war, könnte Sacha Baron Cohen diese Szene gleich für eine Fortsetzung seines Borat-Filmes aufnehmen.

Trotzdem erhob die Wiener Staatsanwaltschaft Anklage - und erlitt im Landesgericht eine empfindliche Schlappe. Der mutmaßliche Organisator des angeblichen Entführungsversuches wurde mitten im Verfahren enthaftet. Auch, wenn Richter Thomas Schrammel ausdrücklich betonte, dass der Senat damit nicht dem Wahrspruch der Geschworenen vorgreife: Dass mitten im Beweisverfahren verkündet wird, bei den entscheidenden Anklagepunkten liege kein "dringender Tatverdacht" vor, kommt ausgesprochen selten vor.

Und das, nachdem der Angeklagte ein Jahr lang in Untersuchungshaft saß. Und noch dazu in einem derart delikaten Verfahren, bei dem auch die ehemaligen SPÖ-Politiker Anton Gaal und Karl Blecha wegen ihrer Kontakte zum Angeklagten als Zeugen aussagen mussten.

So gesehen sind in diesem Fall die österreichischen Behörden mit dem kasachischen Geheimdienst durchaus auf Augenhöhe. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.10.2009)

 

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