"Nora"

Bilderstürmer im Puppenheim

9. Oktober 2009, 18:00
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    foto: linz 09

    Theaterchef Airan Berg setzte das norwegische Künstlerduo Vegarf Vinge und Ida Müller mit ihrer Dekonstruktion von Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim an den Beginn des Figurentheaterfestivals "Doppelgänger"

Auftakt des Linz-09-Festivals "Doppelgänger" - Ein Auftakt, bei dem Ausdauer gefragt war: Viereinhalb Stunden Spieldauer haben es einfach in sich

Linz - Am Anfang gleich einmal etwas Exorbitantes, mag sich Airan Berg gedacht haben. Und so setzte der Theaterchef des Kulturhauptstadtjahres Linz 09 das norwegische Künstlerduo Vegarf Vinge und Ida Müller mit ihrer Dekonstruktion von Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim an den Beginn des Figurentheaterfestivals "Doppelgänger" . Ein Auftakt, bei dem Ausdauer gefragt war: Viereinhalb Stunden Spieldauer haben es einfach in sich.

Zunächst scheint alles eitel Wonne im Hause Helmer, das auf der Bühne als Wohnungspanorama aufgebaut ist. In einer detailreich und knallig bemalten Karton- und Papierkulisse wird die tägliche Routine abgespult, inmitten der zweidimensionalen Ausstattung lauert der perspektivenlose Alltag. Die Darsteller der Helmers gehen darin als maskierte Puppen wie ferngesteuert ihrer Wege. Belebt wird die Szenerie jedoch durch eine ausgeklügelte Geräuschkulisse: Auf dem Teppich aus klassischer Musik, die in Endlosschleifen (Mozartrequiem, Mahler etc.) daherkommt, wird jeder getane Schritt von einem Sound-Effekt begleitet, die Klospülung, der Kühlschrank - alles hat seine eigene Signatur.

Ibsens Stückverlauf wird zunächst zwei Stunden lang nur inhaltlich referiert, so wie auch nur einzelne Phrasen aus der Vorlage zitiert werden. Der Fokus liegt ganz auf einer atmosphärischen Verdichtung von gesellschaftlichen Zwängen und häuslicher Unterdrückung, die vor allem über die sexuelle Komponente kommuniziert werden. Während Nora brav Bürokram verrichtet, onaniert Torvald daneben zum aufgeschlagenen Pornoheft. Unter Einsatz von allerlei Körperflüssigkeiten wird schließlich auch immer mehr gekotzt, geprügelt und gemordet. So lange, bis nur mehr das Baby Bob als einziger Überlebender übrigbleibt.

Ibsen-Rezeption zerlegt

Der kleinste Helmer holt schließlich zum veritablen Bildersturm aus. Tobend demoliert er die gesamte Bühnenausstattung. Mit der Kulisse wird zugleich auch die bürgerliche Ibsen-Rezeption zerlegt. Es folgt eine schier endlose Performance, in der kultisch dem Penis gehuldigt, Sekundärliteratur zersägt und Nora zur norwegischen Musterfrau hochgepeitscht wird. Damit manövriert man die zuvor angestaute Energie allerdings gehörig in die Sackgasse, aus der nur mehr eine skurrile Mondfahrt mit Elvis und Eisbär den Ausstieg ermöglicht. Das im Saal verbliebene Zuschauergrüppchen spendet dem angestrengten Treiben am Ende etwas matt Applaus.

Besser kanalisierte Spannung verspricht jedenfalls das restliche "Doppelgänger" -Programm, das Freitagabend mit der Kafka-Paraphrase CPU - Der Prozess seine Fortsetzung fand. (Wolfgang Schmutz, DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)

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