Laufsteg mit geringer Fallhöhe

9. Oktober 2009, 17:15
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Sherry Hormanns Film "Wüstenblume" über Model Waris Dirie riskiert recht wenig

Wien - Die Kontraste in Waris Diries Biografie sind von einer Bildmächtigkeit, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihr Leben zu einem Film verarbeitet würde. Von der Geschichte des Nomadenmädchens, das im Alter von 13 Jahren verheiratet werden sollte und die Flucht ergriff, in London als Putzfrau arbeitete, bis sie vom Modefotografen Terence Donovan entdeckt wurde, zum Topmodel aufstieg und sich dann noch als UN-Kämpferin gegen Genitalverstümmelungen engagierte, wurde oft behauptet, dass sie wie ein Märchen klinge. Dirie selbst hat diese romantisierende Lesart verwundert zur Kenntnis genommen.

Wüstenblume, das Biopic der deutsch-amerikanischen Regisseurin Sherry Hormann, beruht zwar auf der Autobiografie Diries, weicht den Abgründen und Fallhöhen ihres Lebens allerdings mit den Strategien eines routinierten, gut geschmierten Feel-Good-Movies aus, das sein Publikum ein klein wenig betroffen machen, vor allem unterhalten will.

Der Hauptakzent des Films liegt auf den "Lehrjahren" der gebürtigen Somalierin in London - und hier kommt wieder eine Prise Aschenputtel ins Spiel -, wo sie sich durch eine glückliche Verkettung von Zufällen vom Dasein einer Obdachlosen zur Modeprinzessin wandelt.

Hormann erzählt von diesem erstaunlichen Karrieresprung mit lockerer Hand, indem sie der einigermaßen unbekümmerten Dirie (Liya Kebede) die mit ihrem Leben hadernde Freundin Marilyn (Sally Hawkins aus Happy-Go-Lucky) als komischen Gegenpart zur Seite stellt; der berühmte Fotograf (Mike-Leigh-Darsteller Timothy Spall) ist ein durch und durch liebenswürdiger Kauz, dessen Hingabe Dirie wie ein Geschenk des Himmels zufällt.

Die unerfreulicheren Seiten ihrer Existenz, etwa die Scheinehe mit einem jungen Mann, der sie immer mehr als seinen Besitz ansieht, werden in Wüstenblume entweder wieder rasch auf die Seite gedrängt; oder, wie im Fall der launigen Agenturchefin Lucinda (Juliet Stevenson), als überzeichnete Kuriosität im Stil von Der Teufel trägt Prada präsentiert. Diries Vergangenheit in Somalia webt der Film ausschnitthaft als Rückblenden ein - für die Unebenheiten, die daraus entstehen müssten, bringt er jedoch keine Sensibilität auf.

Wie in dem Model die Bereitschaft wächst, ihr Selbstbild als beschnittene Frau zum öffentlichen Thema zu machen, muss so auch weitgehend unerklärt bleiben. Dafür drückt uns Hormann die Urszene der qualvollen Tortur des dreijährigen Mädchens aufs Aug' - als würde dieses Bild irgendetwas hinzufügen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)

  • Catwalkprobe im schäbigen Hotelflur: Waris Dirie (Liya Kebede) in "Wüsten-blume", kurz vorm Durchbruch.
    foto: filmladen

    Catwalkprobe im schäbigen Hotelflur: Waris Dirie (Liya Kebede) in "Wüsten-blume", kurz vorm Durchbruch.

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