"Kukident" als Maß für die Metaller

9. Oktober 2009, 22:22
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Weil die Benya-Formel mangels Inflation nicht anwendbar ist, orientieren sich die Arbeitnehmer­vertreter an den Pensionisten

Weil die Benya-Formel mangels Inflation in der heurigen Herbstlohnrunde nicht anwendbar ist, orientieren sich die Arbeitnehmervertreter an den Pensionisten. Ein Abschluss unter 1,9 Prozent gilt als Niederlage.

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Wien - Entschlossen, den Sack rasch zuzumachen und einen Abschluss für die 170.000 Metallarbeiter und Industrieangestellten mitzunehmen, waren die Arbeitnehmerverhandler Rainer Wimmer (Gewerkschaft Metall) und Karl Proyer (Privatangestellte) am Freitagnachmittag in die erste echte Verhandlungsrunde gegangen.

Daraus wurde aber nichts. Denn die Arbeitgeber rund um Leitz-Chef Hermann Hauslauer und Christoph Hinteregger (Doppelmayr) wollten für die angebotenen Prozente Lockerungen und Verbilligungen bei der Arbeitszeit. Konkret längere Durchrechnungszeiten, um Überstundenzuschläge zu minimieren. Damit war es Essig mit der Klarstellung zu Beginn der Verhandlungen, dass man "über den Entfall von Zuschlägen nicht einmal reden werde".

Damit war die gute Laune und mit ihr der Optimismus auf eine rasche Einigung weg. Diverse Konjunkturumfragen der Wirtschaftsforscher, wonach es nicht nur in der Stahlindustrie, sondern auch bei den Verarbeitern aufwärts geht - zwar langsam, aber stetig und nur dank teurer Kurzarbeit und Bildungskarenz für tausende Beschäftigte - vermochten daran auch nichts zu ändern. Nach Schweinsbraten mit Sauerkraut und Knödel war die Luft raus. Weiter verhandelt wird am 16. Oktober.

"Eine KV-Erhöhung genügt nicht, es muss eine Ist-Erhöhung kommen" , beharrte Proyer im Gespräch mit dem Standard. Bei der orientiert man sich - mangels Inflation - erstmals nicht an der traditionellen "Benya-Formel" , also Teuerungsabgeltung plus Produktivitätsfortschritt.

Nein, diesmal wollten es sich die Arbeitnehmer einfacher machen. "So knieweich, wie diese Bundesregierung ist, ist es wahrscheinlich, dass die Pensionisten etwas bekommen. Das ist ein Richtwert für die Unterkante" , sagt einer aus dem vielköpfigen Verhandlungsteam. Heißt auf gut Deutsch: Plus 1,9 Prozent bei den KV-Löhnen, um die von den Pensionistenvertretern gelegte Latte nicht zu unterbieten. Fraglich ist, ob die Senioren den Metallern tatsächlich eine gute Orientierung sind, denn heuer steht keine Wahl an, bei der die "Generation Ruhestand" bei der Stange gehalten werden muss.

Gegen eine Nulllohnrunde hatten sich selbst die Arbeitgeber im Vorfeld der Verhandlungen ausgesprochen. Im Vorjahr gab es nach vier zähen Verhandlungsrunden ein Plus von 3,9 Prozent. Allerdings lag die Inflationsrate damals bei 3,2 Prozent, heuer werden 1,5 Prozent Teuerung vorausgesagt. Da das Wirtschaftsjahr der Metaller traditionell von September bis August läuft, wirkt die höhere Inflation im Schlussquartal 2008 nach.

Was die Arbeitgeber freilich kaltlässt - sie kämpfen mit der Krise, die Leitbetrieben wie Voestalpine und Böhler arg zusetzte. Daher drängen Haslauer und Co auf Mäßigung, es gebe nichts zu verteilen. Sie würden am liebsten nur KV-Löhne und Gehälter verhandeln, die Ist-Lohnerhöhungen hingegen mit Einmalzahlungen einfangen und deren Höhe an das Betriebsergebnis (Ebit) jedes einzelnen Unternehmens koppeln. Davon halten die Betriebsräte nichts. Allein die Metallindustrie sei heuer über AMS-Aktionen wie Kurzarbeit, Karenzen, Bildungskarenz und Regionalförderungen bereits mit 550 Millionen Euro gefördert worden. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.10.2009)

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    Wenn es dem Lohnabschluss nützt, nehmen die Metaller sogar an den Senioren maß.

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    grafik: der standard
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