Hirse für kranke Herzen

9. Oktober 2009, 18:34
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In seinen kunstvoll schmucklosen Erzählungen erzählt Yang Xianhui über das Lagerelend im monströsen Reich Mao Tse-tungs

Niemand, der nicht umfassend mit der Geografie von China vertraut ist, wird über die nordwestliche Provinz Gansu Vielsagendes - geschweige denn: Günstiges - zu berichten wissen. Die Steppe verschränkt sich in diesem Winkel der Welt mit der Wüste Gobi.

Die Tage sind sonnendurchflutet in Gansu; die Nächte umso froststarrender. Wer hier Pflanzen anbaut, schließt nach Sonnenuntergang Bekanntschaft mit den Wölfen. Diese gottverlassene Gegend war während der späten 1950er-Jahre Schauplatz eines jener himmelschreienden Verbrechen, die sich Mao Tse-tung zuschulden kommen ließ. Es war dieser nordwestliche Winkel im unüberschaubaren Reich die Mitte, der den furchtbarsten Gulags in Stalins unweit gelegenem Sowjetreich problemlos den Rang ablief.

Die Gründungsakte von Jiabiangou - so hieß das chinesische Todeslager in Gansu 1957 bis 1961 - ist ein übles, von Zynismus durchtränktes Pamphlet. Mao, ein rechter Schelm, hatte mit seiner Kampagne der "Hundert Blumen" einen furchtbaren Prozess vom Zaun gebrochen. Von nun an sollten die Bürgerkinder - Gebildete, die oft bloß über Umwege den Weg in die KPCh gefunden hatten - aus ihren Herzen keine Mördergrube machen müssen. Gefragt war: Kritik an den Auswüchsen einer Parteikultur, die gegen das Bauerntum - diejenigen, deren landwirtschaftliche Produkte erst das Überleben der Allgemeinheit ermöglichten - eine beispiellose Terrorherrschaft ausübten.

Die Folgen dieser Kampagne waren infam und mörderisch. Es gehört zu den unbedingten Vorzügen von Yang Xianhuis Erzählband Die Rechtsabweichler von Jiabiangou, das Gesicht des Schreckens auf nüchternem Papier niederzulegen.

Man kann es kaum anders sagen: Die Übersetzung von Yangs protokollarisch tonlosen Verzeichnungen des Lagerelends gehört zu den finsteren Höhepunkten einer Literatur, die durch Solschenyzin berühmt wurde - die aber erst durch die Werke von Warlam Schalamow und Andrej Sinjawski ihre eigene, nüchterne Würde zugesprochen erhielt. Wie freilich schreibt man über Hungerödeme? Über das Anschwellen von Intellektuellenbäuchen, deren Gedunsenheit durch Zwangsarbeit und Unterernährung ein wahrhaft monströses Bild abgibt?

Yang Xianhui (63) ist ein Künstler. Mehr noch: Seine Erzählungen sind ingeniös. Dieser Mann, der sich viele Jahre nach Schließung der Schandlager hartnäckig an die Fersen der Überlebenden heftete, um ihnen die Geheimnisse über die finstersten Auswüchse der Unmenschlichkeit zu entreißen, erinnert an Brecht.

Wie das nun? Bertolt Brecht - mit ihm viele Generationsgenossen der Weimarer Republik, wie Alfred Döblin oder Klabund - erkannten in der chinesischen Ästhetik der "beispielhaften" Rede ein willkommenes Modell für ihre je eigenen Illustrationsabsichten.

Die Liebe zur fernöstlichen Weisheitsrede mag mit der asiatischen Kultur der Verschriftlichung zu tun haben. Noch schwerer aber wiegt, zumal für uns Europäer: der zurückgenommene, auf die feine Wahrnehmung basaler, sozusagen "elementarer" Lebensäußerungen heruntergestimmte Ton.

In Yangs Texten herrscht die unaufgeregteste Anschaulichkeit: Wenn er über die Martyrien ehemaliger Lehrer, über Verwaltungsbeamte und deren Angehörige erzählt, ist von Essmengen die Rede; vom Hunger, der in den Eingeweiden haust, während der Wind über Erdhöhlen hinstreicht, die die Häftlinge mit den eigenen Fingernägeln in sandige Flussaufschüttungen gekratzt haben.

Man lernt die Phasen und Etappen des Hungertodes kennen. Eine Politik, die nur die schandbaren Wechselfälle einer außer Rand und Band geratenen Partei abbildet, hat in diesen Episoden des täglichen Überlebenskampfes zu schweigen.

Wer sind aber die Häftlinge? Mittlere Parteikader, die durch Mao den Ansporn erfahren hatten, an ihren Vorgesetzten - unter ihnen kapitale Wüstlinge und Verbrecher - Kritik zu üben. Die ihre Anklagepunkte an die Wände schrieben. Die daraufhin öffentlich Selbstkritik zu üben hatten. Die verladen und abtransportiert wurden, um Wüstenflecken in Gansu mit ihrer Hände "schöpferischer Arbeit" in blühende Gärten zu verwandeln; um Suppen mit Spelzen drin zu essen; um ganz allmählich zu verhungern. Ein Jahrhundertverbrechen, deren das 20. Jahrhundert so entsetzlich viele aufweist. Und doch gleicht auch kein anderes dem Schicksal der "Rechtsabweichler von Jiabiangou" .

Yang, der Chronist und Protokollant, macht sich die Schliche seiner "Helden" zu eigen. Er erzählt von anständigen Menschen, die wie die Raben zu stehlen anfangen. Die Kukuruzkolben unter den Augen der Bewacher stiebitzen, um die immer schmäler werdende Kost notdürftig aufzubessern.

Im Steinzeitkommunismus der "hundert Blumen" gelten einzelne Hirsekörner so viel wie Währungseinheiten. Wer die ihm zugestandene Ration nicht anderweitig aufzubessern weiß, der ist zum Tode verurteilt. Es gibt kaum Erschüttenderes zu lesen, als wenn Lagerinsassen, die es gewöhnt sind, Würmer zu verzehren und Riedgras zu kochen, über einen Neuankömmling zu berichten wissen: "Er ist zu heikel beim Essen! Er wird nicht lange überleben!"

In diesem Reich des Unrechts gibt es aber auch Momente einer uneingestandenen, einer keuschen Euphorie: Ein Hirsesack wird unter den Augen der Obrigkeit gestohlen. Ein Lagerflüchtling erreicht den rettenden Zug und verschafft sich, durch tausend Wirrnisse hindurch, einen Zugang zurück in die Heimat. Es gibt die Größe derjenigen, die mit einem stillen Seufzer nächtens hinüberscheiden. Ihre ausgemergelten Kameraden sind oft nicht mehr imstande, die Leichen überhaupt noch zu verscharren.

Und so erzählt die tiefste Erzählung in diesem bedrückenden, in seiner Tragweite nicht zu überschätzenden Band von der Frau eines Häftlings, die gekommen ist, ihm Essen und Wäsche zu bringen. Die, nach Eröffnung der Todesnachricht, nicht von der Stätte des Grauens weichen will, ehe sie den Leichnam ausgehändigt bekommen hat. Ein griechisches Schauspiel. Ein unglaubliches Buch. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)

Yang Xianhui, "Die Rechtsabweichler von Jiabiangou. Berichte aus einem Umerziehungslager" . Aus dem Chinesischen von Katrin Buchta. € 16,00 / 256 Seiten. Edition Suhrkamp 2591, Frankfurt/Main 2009

  • Yang Xianhui
    foto: suhrkamp

    Yang Xianhui

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