Von Elektronen und Lügen

9. Oktober 2009, 19:04
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An Linus Reichlins spezielle Art von Krimis muss man sich erst gewöhnen

Seinem seltsamen Personal - ein belgischer Polizeibeamter außer Dienst mit einem Faible für Quantenphysik und eine blinde Frau als Geliebte - ist mit rationalen Maßstäben schwer beizukommen. Hannes Jensen, nach seinem Abenteuer in Mexiko (Die Sehnsucht der Atome) zurück in Europa, begegnet in Brügge einem merkwürdigen Hellseher, der ihn vor einer unbekannten Frau warnt. Es folgt ein missglücktes Privatseminar mit Jensens Physikprofessor auf einem abgelegenen Bauernhof in Island, wo Jensen prompt der Frau begegnet, vor der ihn der Wahrsager gewarnt hat. Ihre flüchtige sexuelle Begegnung hat Folgen.

Denn diese Dame besteht nur aus Rachsucht, und ausgerechnet als sich Jensen und seine Freundin Annick einander annähern, weil sie überraschenderweise schwanger geworden ist, droht diese Furie, Jensens spätes Glück zu zerstören. Es kommt zu unglaublichen Verwicklungen, in die Jensen eher passiv hineinschlittert und sich vor lauter Zufällen nicht mehr auskennt. Wenn man es schafft, Reichlin in sein fantastisches Universum zu folgen, ist sein zweiter Krimi amüsanter Lesestoff. Schließlich geschieht es nicht oft, dass ein Ex-Kommissar im Stau festsitzend über die wundersamen Parallelen zwischen Elektronen, die danach streben, den Zustand der niedrigsten Energie zu erlangen, und der Wahrheit, die auch nichts anderes ist als ebendieser Zustand, nachzusinnen. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)

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www.krimiblog.at

Linus Reichlin, "Der Assistent der Sterne". € 20,60 / 380 Seiten. Galiani, Berlin 2009

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