"Viele haben Angst, dass es karriereschädlich ist"

13. Oktober 2009, 10:30
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Psychiater Werner Kissling im Interview über psychische Krankheiten am Arbeitsplatz und wie Unternehmen ihre Mitarbeiter aus der Psychofalle führen können

"Es geht um die Vermittlung, dass es keine Randgruppe ist, die man ausgrenzen kann." Werner Kissling, Leiter des Centrums für Disease Management in München, hat mit der Psychiatrischen Klinik ein Schulungsprogramm ins Leben gerufen, das das Thema "Psychische Störungen" in der Arbeitswelt enttabuisieren soll. Im Interview mit derStandard.at spricht er über Symptome, Stressoren und wie Firmen die Spirale durchbrechen könnten. Die Fragen stellte Oliver Mark.

derStandard.at: Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Die Krankenstandstage nehmen zu. Wie akut ist das Problem?

Kissling: Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen haben als einzige Krankheitsgruppe in den letzten Jahren zugenommen. Alle anderen sind zurückgegangen. Deshalb hat das für Unternehmen eine zunehmende Bedeutung. Knapp zehn Prozent aller Krankenstandstage entfallen in Deutschland auf dieses Krankheitsbild.

derStandard.at: Existiert bei Unternehmen ein ausreichendes Bewusstsein dafür?

Kissling: Das verhält sich so wie vor zehn, 15 Jahren mit dem Suchtproblem. Es existiert zwar zum Teil das Bewusstsein, aber im Konkreten wissen viele Unternehmen nicht, wie sie agieren sollen, wenn ihre Mitarbeiter psychische Störungen haben. Arbeitsleistung und Teamfähigkeit können nachlassen. Mitarbeiter mit Personalverantwortung können mit diesem tabuisierten Thema nicht richtig umgehen. Da bieten wir eine Hilfestellung an. Ganz wichtig ist, dass man als Vorgesetzter nicht selbst diagnostiziert oder behandelt, sondern dem Mitarbeiter rasch die adäquate Hilfe sucht.

derStandard.at: In Bezug auf die Mitarbeiter: was sind die Indizien, die auf eine psychische Erkrankung hindeuten?

Kissling: Das hängt sehr von der Erkrankung ab. Vorboten eines Burnout-Syndroms können etwa sein, dass jemand länger als die anderen im Büro bleibt oder wenn er Arbeit mit nach Hause nimmt. Hier muss man sensibilisieren. Ein anderes Zeichen ist, wenn sich jemand nicht mehr an der Kommunikation beteiligt. Als Grundregel gilt: Wenn sich jemand ohne erkennbaren Grund plötzlich verändert. Da muss man immer an eine psychische Störung denken.

derStandard.at: Welche Kriterien sollte man als Maßstab nehmen?

Kissling: Der Ausgangspunkt ist immer die Arbeitsleistung. Es ist sehr wichtig, nicht selbst zu explorieren und etwa zu sagen: "Ok, deine schwere Kindheit ist schuld." Den Betroffenen kann man mit seiner Leistung konfrontieren, wenn die zum Beispiel zurückgeht. Man sollte natürlich nicht alles zum psychischen Problem hochstilisieren. Es können ja auch andere Ursachen wie ein Todesfall in der Familie oder eine Trennungsgeschichte im Spiel sein. Wichtig ist es, dass Tabuisierte zu thematisieren und die Betroffenen so früh wie möglich zu einer Behandlung zu motivieren.

derStandard.at: Was sind die häufigsten Erkrankungen?

Kissling: Das sind Depressionen und Angststörungen. Das sind aber nicht die Spektakulärsten. Erst letzte Woche waren wir in einem Betrieb, wo die Chefsekretärin eine Manie entwickelt hat. Die Hyperaktivität hat dazu geführt, dass sie die ganze Abteilung lahm gelegt hat, weil sich auch niemand mit ihr anlegen wollte, da das so eine zentrale Stelle im Unternehmen ist. In solchen Fällen ist das Problem gar nicht leicht zu lösen, weil es bei den betroffenen Mitarbeitern keine Krankeneinsicht gibt.

derStandard.at: Wie sollte man als Arbeitskollege auf der gleichen Hierarchieebene agieren? Es offen zur Sprache bringen oder zum Vorgesetzten gehen, wenn man Verdacht schöpft?

Kissling: Es ist immer eine Gratwanderung und wir raten zuerst, nicht zu sehr ins Private zu gehen. Zuerst sollte die Arbeitsebene angesprochen werden. Ein gleichgestellter Kollege findet oft leichter Zugang, weil sich der Betroffene ihm gegenüber vielleicht eher öffnet. Beim Vorgesetzten haben viele Angst, dass das dann karriereschädlich ist. Wir haben auch viele Betriebsärzte geschult und gemerkt, dass die Probleme oft gar nicht beim Betriebsarzt landen, weil die Betroffenen Panik haben, dass psychiatrische Störungen ein Kündigungsgrund sein können, wenn das publik wird. Deshalb ist es noch wichtiger, dass sich die Vorgesetzten damit auskennen. Psychische Probleme werden aufgrund von vermeintlichen Karrierenachteilen oft jahrelang nicht behandelt.

derStandard.at: Ist Druck von Seiten des Unternehmens ein legitimes Mittel?

Kissling: Es ist schon gut, wenn der Vorgesetzte den Betroffenen Auflagen macht und sagt: „Wenn Sie hier weiter arbeiten wollen, müssen Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Diese Leistungseinbußen oder dieses Konfliktpotenzial, das wir bei Ihnen in letzter Zeit beobachtet haben, können wir nicht länger tolerieren." Da es sich um verdrängte, tabuisierte Erkrankungen handelt, wird der Betroffene immer wieder mal sagen: "Mir fehlt doch eigentlich nichts." Hier muss man halt darauf drängen, was letztendlich auch im Interesse des Mitarbeiters ist. Eine psychische Störung, die erst mit einem Jahr Verzögerung behandelt wird, bekommt man auch schlechter weg.

derStandard.at: Ist bei Unternehmen überhaupt die Bereitschaft vorhanden, Mitarbeitern Hilfe zukommen zu lassen?

Kissling: Bei vielen Unternehmen fehlt es nicht am guten Willen sondern am Know-How, was dann in Fehlern resultiert. Ein Hauptfehler ist der Versuch, selber therapieren zu wollen und hier Mitarbeitern Ratschläge wie „Fahr halt mal in Urlaub" zu geben. Damit ist es natürlich nicht getan. Die prinzipielle Bereitschaft ist bei Betrieben da. Das zeigt auch die Resonanz auf unser Kursangebot. Das Thema brennt unter den Nägeln.

derStandard.at: Vom Chef bis zum Betriebsrat? Wer soll im Unternehmen in den Maßnahmenkatalog involviert sein?

Kissling: Das wäre wünschenswert, ist aber nicht realistisch. Wenn Sie solche Maßnahmen der obersten Führungsebene vorschlagen, hören Sie fast immer den Satz: "Was sollen wir denn noch alles machen?" In Zeiten der Wirtschaftskrise haben die so viele Dinge um die Ohren, die zumindest aus ihrer Sicht prioritär sind. Wir denken eher an Mitarbeiter, die Personalverantwortung haben. Die wichtigsten zwei Zielgruppen für Schulungen sind Leute in Personalabteilungen und Betriebsärzte. Idealerweise werden auch Betriebsräte einbezogen. Viele Betroffene - zum Beispiel im Bereich Mobbing - gehen zuerst zum Betriebsrat, um sich Rat zu holen. Da ist es natürlich sehr hilfreich, wenn die bescheid wissen.

derStandard.at: Führungskräfte werden ja auch selbst oft betroffen sein?

Kissling: Die gehören natürlich zu einer sehr gefährdeten Zielgruppe. Gerade in puncto Stress und Burnout, weil sie noch unter einem höheren Leistungsdruck stehen. Ganz oben in der Hierarchie ist es noch schwieriger, sich zu einer psychischen Störung zu bekennen. Ich hab noch keine Führungskraft getroffen, die gesagt hat, sie leider unter einer Depression. Das „Höchste" ist, ein Burnout zuzugeben, weil das nicht in diesem Maße das Stigma einer psychischen Krankheit hat und eher sozial akzeptiert ist.

derStandard.at: Wie sollen die konkreten Schritte bei Problemen aussehen? Der Hilfesuchende soll gleich die Adresse und Telefonnummer eines Arztes erhalten?

Kissling: Der erste Ansprechpartner ist immer der Betriebsarzt, wenn es ein größerer Betrieb ist. Wir versuchen den Betriebsärzten zu helfen, indem wir ihnen die Adressen von psychiatrischen Diensten oder Psychotherapeuten in der Gegend geben. Der Regelfall wäre, dass der Vorgesetzte mit dem Mitarbeiter in einfühlsamer Weise über seine nachlassende Arbeitsleistung oder das Konfliktpotenzial spricht und ihm klarmacht, dass er rasch Hilfe suchen soll und das auch von ihm erwartet.

derStandard.at: Beispiel Burnout: Sollten Leute, die sich in Behandlung begeben, komplett aus dem Arbeitsprozess ausgegliedert werden oder ist das sogar kontraproduktiv?

Kissling: Es kommt auf den Schwergrad an. Wenn es ein beginnendes Burnout ist, dann reicht es oft, einfach Entspannungskurse zu belegen, um seine Work-Life-Balance wieder in Ordnung zu bringen. Als Vorgesetzter muss man dann darauf bestehen, dass der Betroffene pünktlich zum Arbeitsschluss heimgeht. Das kann eine ganz unspektakuläre Frühintervention sein. Aber bei Depressionen, Angststörungen oder Psychosen kann es im Interesse des Unternehmens sein, dass einer einmal für vier Wochen komplett aussteigt und vielleicht auch eine stationäre Behandlung macht.

derStandard.at: Teil des Programms ist es ja auch, psychisch Kranken bei der Wiedereingliederung in den Betrieb zu helfen. Wie funktioniert das?

Kissling: Es gibt meistens "Case-Manager", also Sozialpädagogen, die diesen Prozess begleiten. Es gilt, mit dem Patienten einen Fahrplan zu erarbeiten. Der Hauptfehler ist, dass die Leute oft zu schnell wieder in den normalen Arbeitsalltag integriert werden wollen. Zum Beispiel weil sie die Schwere der Krankheit unterschätzen oder weil sie das Gefühl haben, das Unternehmen erwartet das. Das ist nicht im Sinne des Betriebes, weil diese Mitarbeiter dann oft nach einigen Wochen wieder ausfallen. Man kann da durchaus auch bis zu zwei Monate brauchen, um die volle Wiedereingliederung zu erreichen. Zumal auch, zumindest in Deutschland, die Krankenkassen die vollen Kosten für diesen Prozess übernehmen.

derStandard.at: Was sollte man als Firma präventiv machen, um Mitarbeiter zu schützen?

Kissling: Das Ziel sollte es sein, diese Krankheitsgruppe innerhalb des Unternehmens zu destigmatisieren. Ideal wäre es, psychische Erkrankungen genauso wie etwa Kopf- oder Kreuzschmerzen oder Diabetes zu einer "normalen" Krankheit zu machen, über die man auch offen sprechen kann. Die meisten Störungen bekommt man in den Griff. Es gibt die Möglichkeit, dass man Mitarbeiter mit Broschüren informiert oder das in Newslettern thematisiert, wo auch Zahlen genannt werden. Zum Beispiel, dass im Laufe eines Lebens jeder dritte Deutsche oder Österreicher mal psychisch krank wird.

derStandard.at: Nach dem Motto: Es kann jeden treffen.

Kissling: Es geht um die Vermittlung, dass es keine Randgruppe ist, die man ausgrenzen kann. So fällt es Betroffenen leichter, sich Vorgesetzten oder Betriebsärzten anzuvertrauen. Natürlich könnten größere Betriebe potenziell krank machende Prozess wie Umstrukturierungen, Arbeitsverdichtung oder Entlassungen nicht wie ein Damoklesschwert bis zum letzten Tag über den Leuten hängen lassen, sondern das offen und fair zu kommunizieren. Aber das ist leichter gesagt als getan.

derStandard.at: Gibt es Zahlen, die den kausalen Zusammenhang zwischen der Situation am Arbeitsplatz und psychischen Erkrankungen belegen?

Kissling: Alle Untersuchungen zeigen, dass Stress viele Krankheiten wie Depressionen, Psychosen, Angsterkrankungen und natürlich Burnouts auslösen kann. Probleme am Arbeitsplatz, drohende Entlassungen, Mobbing etc. sind natürlich riesige Stressoren, die in Erkrankungen resultieren.

derStandard.at: Nach einer Serie von Selbstmorden in mehreren Firmen in Frankreich zwingt die französische Regierung nun die Konzerne, mit den Gewerkschaften Abkommen gegen psychosozialen Stress am Arbeitsplatz zu schließen. Ist so was hierzulande auch denkbar?

Kissling: Stress ist einer der wichtigsten Auslösefaktoren für psychische Störungen und damit auch ein wichtiger Auslöser für Suizide. Und niemand kann bestreiten, dass in Zeiten der Globalisierung, der Umstrukturierung und der Wirtschaftskrise der Stress am Arbeitsplatz zugenommen hat. Aber kaum eine Firma hat bis jetzt adäquat auf diese Entwicklung reagiert. Viele Firmen bieten ihren Mitarbeitern regelmäßige Untersuchungen beim Betriebsarzt an, das immer noch tabuisierte Thema psychischer Störungen wird dabei aber immer vergessen. Damit verletzen sie nicht nur ihre Fürsorgepflicht sondern sie verlieren auch viel Geld: Psychische Störungen sind die einzige Krankheitsgruppe, bei der die Fehltage seit Jahren kontinuierlich ansteigen.

derStandard.at: Was können Firmen tun?

Kissling: Die Topmanager sollten nicht warten, bis sie - wie jetzt in Frankreich - wegen Verletzung ihrer Fürsorgepflicht gekündigt werden oder bis sie vom Staat zu Präventionsmaßnahmen gezwungen werden. Sie sollten - auch im ökonomischen Interesse der Firma - präventiv handeln und ihren Mitarbeitern entsprechende vorbeugende Maßnahmen und Beratungsmöglichkeiten anbieten.

Insbesondere Mitarbeiter der Personalabteilung, Betriebsräte oder Betriebsärzte brauchen dringend eine Schulung, wie sie mit diesem Problem umgehen sollen. In Deutschland wächst das Interesse an diesem Thema rapide: Wir haben unser Präventionsprogramm letzte Woche auf einer Veranstaltung in München vorgestellt und Vertreter von 200 Firmen sind gekommen. Die Firmen wollen anscheinend etwas unternehmen, damit nicht das Gleiche passiert wie jetzt in Frankreich. (derStandard.at, 13.10.2009)

Zur Person:

Werner Kissling ist Leiter des Centrums für Disease Management und Leitender Oberarzt der Psychiatrische Klinik der Technischen Universität München.

Zum Thema:

Schulungsprogramm: Chefs als Stopschilder für ihre Mitarbeiter

  • Werner Kissling.

    Werner Kissling.

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