Das Problem mit den Relationen

9. Oktober 2009, 19:06
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Der Journalist und Autor Christian Y. Schmidt, mit einer Chinesin verheiratet, lebt seit fünf Jahren in Peking

Mit Stefan Gmünder sprach er über sein neues Buch "Bliefe von dlüben" , Zensur und "Panda-Sex".

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Standard: Sie schreiben in Ihrem Buch, ein China-Jahr entspreche drei deutschen Jahren.

Schmidt: Ja, wahrscheinlich sogar fünf. Es ist unglaublich, wie sich zum Beispiel Peking verändert. Es kann passieren, dass man einen Monat weg ist und plötzlich ganz anders in die Stadt hineinfährt, weil wieder einmal eine neue Stadtautobahn fertiggestellt wurde, wobei Peking auch wegen der Olympischen Spiele ein Sonderfall ist, man hat hier wie wahnsinnig gebaut.

Standard: Diese Geschwindigkeit muss nicht nur positiv sein.

Schmidt: Man weiß tatsächlich nicht, wohin sich das alles entwickelt - und über das Pionierstadium ist das Land schon lange hinaus. Wer nach China geht und denkt, man warte dort auf ihn, hat sich getäuscht. Der Aufbruch begann schon Mitte der 90er-Jahre, als viele internationale Unternehmen nach China kamen. Der zweitgrößte Ikea, nach Stockholm, steht in Peking. Damals ging es auch mit dem Nachtleben in Peking los. 1995 entstand das erste größere Barviertel, deren es mittlerweile fünf oder sechs gibt. Am Houhai-See, einstmals ein ruhiger und beschaulicher Ort mitten in der Stadt, wurde 2001 die erste Bar eröffnet. Heute ist dort ein riesiges Krawallviertel für in- und ausländische Touristen mit hundert Bars und Restaurants entstanden ...

Standard: ... ein Vergnügen, das für die Chinesen erschwinglich ist?

Schmidt: Die Gruppe, die sich das leisten kann, der Mittelstand, den man auf 400 Millionen Menschen schätzt, ist relativ groß. Diese Gesellschaftsschicht denkt wesentlich positiver über China, als man im Westen annimmt. Andererseits gibt es die Wanderarbeiter und Bauern, welche auf der einen Seite den wachsenden Wohlstand, auf der anderen Seite eine massive Korruption sehen.

Grundsätzlich halten die meisten Chinesen die Korruption für das vordringlichste Problem. Sie sehen, dass sich lokale Kader wie Fürsten aufführen und - gerade in den Provinzstädten - eine Verquickung zwischen Polizei und Wirtschaft besteht. Sie sehen, dass Menschen übervorteilt werden, dass es Enteignungen ohne anständige Entschädigung gibt usw. Teilweise werden diese Probleme in der chinesischen Presse diskutiert. Auch im Internet versucht man, diese Dinge zu thematisieren, wobei die staatliche Zensur immer wieder eingreift. Allerdings können die Blogs gar nicht so schnell gelöscht werden, wie sich die darin enthaltenen Informationen verbreiten. In diesem Februar ist in einem Gefängnis in der Provinz Yunnan ein Insasse von der Wachmannschaft totgeschlagen worden. Im Internet wurden weitere Fälle bekanntgemacht, schließlich waren die Behörden gezwungen, die Verantwortlichen zu bestrafen.

Standard: Apropos Internet: Es soll eine Software geben, mit der auch gesperrte Internetseiten aufgerufen werden können.

Schmidt: Ja, aber der breiten Masse, die im Internetcafé surft, steht sie nicht zur Verfügung. Wer zu Hause einen PC hat, kann sich diese Proxyserver-Software allerdings herunterladen. Deutschsprachige Seiten sind kaum gesperrt, es kam vielleicht zweimal vor, dass ein Spiegel-Online-Beitrag gesperrt war, wobei der Online-Spiegel insgesamt sehr regierungskritisch eingestellt ist.

Bei der BBC sieht es anders aus, ihre Seiten sind immer wieder gesperrt - und seit den Unruhen in Xinjiang ist Youtube nicht abrufbar. Genau wie die Seiten auf Wikipedia. Bis zum vergangenen Jahr war Wikipedia komplett gesperrt, jetzt sind nur mehr einzelne Artikel nicht aufrufbar. Manchmal ist der deutsche oder englische Artikel lesbar, beispielsweise über den Dalai Lama, und der chinesische ist gesperrt. Allerdings gibt es mittlerweile viele Chinesen, die in den USA oder Europa studiert haben, natürlich kommt auch auf diesem Weg viel Information ins Land.

Ich kenne einige Chinesen, die in Deutschland leben und beileibe keine Anhänger der Partei sind, die sagen, einen größeren Gefallen als die China-Berichterstattung im Westen könne man der chinesischen Regierung gar nicht machen. Oft lassen sich leicht Fehler in den Berichten nachweisen, was letztlich der Regierung nützt.

Standard: Es wird heftig diskutiert, welche Autoren nach Frankfurt reisen dürfen und welche nicht.

Schmidt: Einerseits gibt es eine große offizielle Delegation, die vom chinesischen Schriftstellerverband gestellt wird, also letztlich vom Staat. Diesen Autoren werden die Reise und der Aufenthalt in Frankfurt bezahlt. Da hat man ein relativ breites Spektrum genommen, unter anderem auch junge Pop-Autoren. Es gibt aber auch Schriftsteller wie Yan Lianke, der nicht zu dieser offiziellen Delegation gehört, was nicht heißt, dass er nicht ausreisen darf. Es bedeutet hingegen, dass er sich alles selber finanzieren oder sich von seinem deutschen Verlag einladen lassen muss. Es gibt jetzt einen neuen Fall, über den ich noch keine Details weiß. Liao Yiwu, der eigentlich in Berlin auf einer Podiumsdiskussion hätte sein sollen und, wie ich las, keine Ausreisegenehmigung bekommen hat. Das ist das erste Mal, dass ich so etwas höre. Das Problem der Autorin Dai Qing, um die es einen Skandal gab, war zunächst, möglichst schnell eine Einladung zu bekommen, um überhaupt nach Deutschland einreisen zu dürfen. Die offizielle chinesische Seite wollte sie bei der Buchmesse nicht dabeihaben. Dai Qing entschloss sich dann, auf eigene Faust hinzufahren, hatte aber das Problem, dass sie zwar reisen durfte, aber eben keine Einladung aus Deutschland hatte. Und wer keine Einladung aus Deutschland hat, kommt nicht nach Deutschland rein. Nachdem der Fall durch die Presse gegangen war, ist dann relativ unbürokratisch von der deutschen Botschaft in China reagiert worden, worauf sie nach Deutschland fliegen konnte. Dort kam es dann bei einem Symposium im Vorfeld der Messe zu einem Eklat, weil sie und ein anderer unliebsamer Autor, Bei Ling, auf Vorschlag der Organisatoren aufs Podium gebeten wurden und daraufhin die chinesische Delegation den Saal verließ. Ich kenne eine Menge Fälle von Menschen, die nicht so populär sind und nach Deutschland kommen möchten und es nicht können, weil ihnen auf der Botschaft in Peking das Visum verweigert wird. Worüber in diesem Zusammenhang nur selten geredet wird, ist, dass eben sehr strikte Vorschriften für die Einreise nach Schengenland bestehen und es diverse Fälle gibt, in denen ohne Begründung die Einreise nach Europa verweigert wird.

Standard: Stichwort Popliteratur. Hier im Westen werden ja junge Damen wie Wie Hui und ihr Roman "Shanghai Baby" oder Mian Mian mit ihrem Buch "Panda-Sex" recht gut vermarktet.

Schmidt: Ja, natürlich gehen gerade diese Bücher über junge Chinesinnen, die rumvögeln und Drogen nehmen, vor allem im Westen gut. Wei Hui verkaufte zunächst in China dreißig- oder vierzigtausend Exemplare, bis die Zensurbehörde sagte: "So, jetzt ist es genug." Und bei Mian Mian war es ähnlich, wobei das neue Buch wieder zu kaufen ist. Im staatlichen Buchhandel für fremdsprachige Literatur kann man diese Bücher auf Englisch kaufen - mit dem Verweis auf dem Buchcover "banned in China" . Hauptsächlich geht es der Regierung darum, dass diese Bücher nicht auf Chinesisch weitervertrieben werden, wobei sie weiß, dass sie sich im Untergrund dann doppelt so gut verkaufen.

Oft ist es auch so, dass Literatur, die in Blogs entstand, gedruckt wird. Der bekannteste Blog-Autor ist im Moment Han Han, Anfang dreißig und gleichzeitig Rennfahrer. Immer wieder geht er die Regierung spöttisch und ironisch an, er weiß aber immer, wo er stoppen muss. Beispielsweise kann man nicht schreiben, Falun Gong sei toll, oder Tibet sollte selbstständig sein. Da sind die Grenzen, innerhalb deren aber viel publizierbar ist.

Standard: Das Mann-Frau-Verhältnis in China beschreiben sie als ziemlich entspannt.

Schmidt: Es gibt in China viele Frauen, die geschäftlich immens erfolgreich sind. Es gibt zahlreiche Millionärinnen, und manchmal hat man tatsächlich den Eindruck, die Chinesinnen hätten den Männern das Heft aus der Hand genommen. Das ist ein Verdienst der vielgescholtenen Mao-Ära, in der alle gleich behandelt wurden, die gleiche Arbeit leisten mussten, auch die gleiche Schwerarbeit.

Es gibt sehr viel an der chinesischen Gesellschaft zu kritisieren, Menschenrechte werden verletzt und demokratische Rechte missachtet, aber wenn von den Drittweltgesellschaften eine Gesellschaft der westlichen am nächsten ist, dann ist es die chinesische. Auf der anderen Seite haben wir Indien, das formal zwar eine Demokratie ist, de facto regiert aber immer noch das Kastenwesen. Schaut man sich dann noch theokratische Gesellschaften oder die Programme fundamentalistischer Islamisten an, muss man sagen, dass es genug Gründe gibt, China zu kritisieren, man sollte aber die Relationen beachten.

(ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.09.2009)

Zur Person:
Christian Y. Schmidt, geboren 1956 in Bielefeld, war lange Jahre Redakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic" und schrieb u. a. für die "SZ" , die "Zeit" und die "FAZ" . Seit 2005 lebt er mehr in Peking, weniger in Ostberlin.

Hinweis:
Christian Y. Schmidt, "Bliefe von dlüben". € 15,30 / 224 Seiten. Rowohlt Berlin, Berlin 2009

  • Wer nach China geht und glaubt, man warte dort auf ihn, hat sich getäuscht: Christian Y. Schmidt.
    foto: yingxin gong

    Wer nach China geht und glaubt, man warte dort auf ihn, hat sich getäuscht: Christian Y. Schmidt.

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