Reicht Messen und Wiegen?

11. Oktober 2009, 21:22
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Die meisten schulärztlichen Reihenuntersuchungen haben laut einer Kremser Studie keinen erwiesenen Nutzen

Bei Kindern und Jugendlichen sind weniger Reihenuntersuchungen gerechtfertigt, als die meisten Schulärzte durchführen. Nur die Messung der Größe und des Gewichts ist erwiesenermaßen sinnvoll. Für andere schulärztliche Untersuchungen ohne begründeten Verdacht ist die medizinische Evidenz entweder widersprüchlich, nicht ausreichend oder aber belegt, dass sie mehr Schaden anrichten, als Nutzen bringen, geht aus einer aktuellen Kremser Studie über Reihenuntersuchungen im Schulalter hervor.

In Österreich sehen die meisten Schüler ihren Schularzt nur zu Beginn des Schuljahrs. Vorgaben über Früherkennungsuntersuchungen gibt es nicht. Jeder Schularzt entscheidet selbst. "Das Fehlen von evidenzbasierten Empfehlungen und die uneinheitliche Vorgehensweise von Schulärzten birgt ein hohes Potenzial für Über- und Unterbehandlung", schreiben Angela Kaminski und Gerald Gartlehner vom Department für evidenzbasierte Medizin der Donau-Uni Krems.

Früherkennung

Im Auftrag des Hauptverbands der Sozialversicherungen haben sie ausgewertet, welche Schuluntersuchungen international als medizinisch sinnvoll gelten. Reihenuntersuchungen, die im Vorschulalter angezeigt sind, sind bei Schülern nicht unbedingt begründet. Das Screening des Wachstums ist es gerade noch bei der Einschulung. Schlechtes Sehen oder Hören sollte dagegen früh auffallen.

Früherkennung ist prinzipiell nur gerechtfertigt, wenn erkannte Erkrankungen oder Risikofaktoren wirksame Behandlungen nach sich ziehen können. So geht die Ermittlung übergewichtiger Kinder in Ordnung, weil durch Bewegung und eine Umstellung der Ernährung Abhilfe möglich ist. Von wiederkehrenden Blutdruckmessungen bei Kindern und Jugendlichen wird dagegen abgeraten, weil diese Reihenuntersuchung in dieser Altersgruppe zu viele falsche Resultate nach sich zieht.

Eine Reihenuntersuchung auf Skoliose, also eine Seitverkrümmung der Wirbelsäule, fördert typischerweise Fälle zutage, die keine Behandlung benötigen. Kinder, die einer Therapie bedürfen, fallen gewöhnlich vorher auf. Fast das Gleiche gilt für Harnwegsinfektionen. Im Screening entdeckte Fälle werden oft mittels Antibiotika behandelt, ohne dass es je zu Symptomen gekommen wäre. Sämtliche Schüler auf Störungen der Sprach-, Bewegungs- oder Verhaltensentwicklung zu testen lässt sich aufgrund der Studienlage auch nicht empfehlen.

Dass es keine Evidenz gibt für die Erkennung von Schülern, die nicht nur als übergewichtig, sondern als fettsüchtig einzustufen sind, hat Kaminski und Gartlehner selbst überrascht. Doch die Wirksamkeit der angezeigten Interventionen wie Diät und Verhaltenstherapie ist bisher nicht ausreichend belegt. Diskriminierend wirkt diese Diagnose aber in jedem Fall.

Der praktische Nutzen der Reihenuntersuchung komme in der evidenzbasierten Betrachtung zu kurz, kritisiert Gudrun Weber. Die Wiener Schulärztin und Schulärztereferentin der Österreichischen Ärztekammer sieht die Reihenuntersuchung als "Umwegvorsorge: Sie ist unser einziger Zugang zu den Kindern und ihr einziger Arztkontakt ohne Eltern. Nur darüber können wir Vertrauen aufbauen, damit sie auch mit anderen Problemen zu uns kommen." (stlö, DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2009)

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