"Glaube nicht, dass wir lange auf eine Rektorin warten"

15. Oktober 2009, 15:51
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Richard Gamauf, Vorsitzender des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen an der Uni Wien, spricht über die neue Frauenquote an den Unis

Die Unis sollen vormachen, wie es geht. Während es das Parlament bis dato noch nicht geschafft hat, für sich eine Frauenquote festzusetzen, sind alle österreichischen Universitäten seit erstem Oktober dazu verpflichtet, mindestens 40 Prozent Frauen in ihren Gremien sitzen zu haben. Bei kleinen Rektoraten mit drei Personen würde das zum Beispiel bedeuten, dass mindestens zwei davon weiblich sind, erklärt Richard Gamauf, Vorsitzender des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen an der Uni Wien, im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Warum braucht es eine Frauenquote an den Universitäten?

Gamauf: Es ist nach wie vpr sp, dass Entscheidungen an den Universitäten grundsätzlich von Männern getroffen werden, das sollte man verändern. So eine Maßnahme ist auf alle Fälle bewusstseinsschärfend. Bei einer Fakultät habe ich es lange Zeit nicht geschafft, jemanden zu finden, der sich für den Arbeitskreis engagiert. Aber jetzt habe ich ein e-mail vom Dekan erhalten, in der er schreibt: Es kommt doch bald die Gesetzesänderung mit den 40 Prozent, dann wird der Arbeitskreis wichtig und wir sollten da jemanden drinnen haben.

derStanard.at: Was kann die Quote bewirken?

Gamauf: In manchen Fällen wird die vermehrte Beteiligung der Frauen auch Einfluss auf den Inhalt von Entscheidungen haben. Aber dass eine Frau jetzt in einer Kommission notwendigerweise eine "Lobbyistin der Frauen" ist, kann ich nicht bestätigen. Meiner Wahrnehmung nach ist es durchaus so, dass Frauen Dinge kritischer beurteilen, als Männer das machen.

Man hat ja gehört, dass die Universitäten durch diese Regelungen durchs Hintertürchen dazu gezwungen werden sollen, mehr Frauen zu berufen. Das werden sie nicht tun. Nicht weil die Universitäten das nicht wollen, sondern weil diese Berufungsverfahren in ganz eigenen Welten ablaufen.

derStandard.at: Haben Männer Vorteile bei diesen Berufungsverfahren?

Gamauf: Wenn an der Uni Wien nur circa 15 Prozent Frauen auf den vollen Professuren sind, ist das offenkundig so. Wissenschaft ist grundsätzlich männlich – immer noch. Es gibt aus den 70er Jahren schon Untersuchungen, dass in peer-reviewed Zeitschriften Aufsätze von Frauen eher aufgenommen werden, wenn bei den eingereichten Arbeiten das Geschlecht der Einreichenden nicht aufgrund des Vornamens erkennbar ist. Es gibt keine Verfahren die "objektiv" sind. Nicht weil bei den Männern das "subjektive" Bewusstsein da ist, einen Mann besser zu behandeln. Es sind aber bestimmte Muster da, die man bei einem Mann eher findet und sich dort wiedererkennt. Für eine Professur sucht man ja ein Genie, wie man selber eines ist – polemisch formuliert. Das finde ich in einer männlichen Biographie eher. Und da die Mehrheit immer noch Männer sind, werden dann auch tendenziell eher Männer berufen.

derStandard.at: Wie kann man das ändern?

Gamauf: Eine Forderung des Arbeitskreises war immer, nicht auf Quantität der Publikationen zu schauen sondern, auf die Qualität ausgewählter Arbeiten. Aus der Überlegung heraus, dass eine Frau mit einem knappen Zeitbudget eher in Qualität investiert als in Quantität. Ein Mann, der sich freispielt, hat es leichter. Auch bei einem objektivem Kriterium wie der "Auslandserfahrung". Der lässt dann eben die Kinder bei der Frau und macht seine Karriere. Eine Frau überlegt sich wahrscheinlich eher, ob sie ihre Eltern zurücklässt, die pflegebedürftig sind, oder die Kinder aus dem sozialen Umfeld reißen soll. Für einen Professor ist es meist keine Frage, dass der Tross hinter ihm herzieht.

Man bräuchte daher eigentlich Quoten bei der Berufungspolitik und sollte vorschreiben, wie viele Frauen im nächsten Jahr berufen werden müssen.

derStandard.at: Was sind denn Nachteile von solchen Quoten?

Gamauf: Das man theoretisch Frauen unter Druck setzen könnte, in solche Kommissionen zu gehen. Das setzt aber schon ein gewisses Bild voraus: nämlich dass Frauen nicht imstande sind zu sagen, dass sie das nicht wollen. Ich bin Rechtshistoriker und kenne das aus der Geschichte: Man gibt vor, die Frauen zu schützen, indem man sie von Entscheidungen ausschließt. Dementsprechend heißt es: Die sollen sich doch lieber um ihre Forschung kümmern, da geht es ihnen besser dabei. Letztendlich ist das eine patriarchalische Bevormundung.

derStandard.at: Wenn nun bei Wahlen diese Quote nicht erfüllt wird, welche Maßnahmen stehen dem Arbeitskreis dann zur Verfügung?

Gamauf: Wenn die 40 Prozent nicht erreicht sind, kann der Arbeitskreis die Sache untersuchen und wenn er befindet, dass es sachliche Gründe gibt, warum sie nicht erreicht werden konnte, wird er das akzeptieren. Dort wo er befindet, dass es Möglichkeiten gegeben hätte, die nicht wahrgenommen wurden, gibt es einen Rechtszug an die Schiedskommission.

derStandard.at: Welche Sanktionsmöglichkeiten hat die Schiedskommission?

Gamauf: Wenn das Organ in der ursprünglichen Besetzung ihre Tätigkeit fortsetzt und die Schiedskommission zum Ergebnis kommt, dass diese Besetzung tatsächlich falsch war, sind alle Beschlüsse die in der Zwischenzeit getroffen wurden, nicht gültig.

derStandard.at: Ist der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen nur für geschlechtsspezifische Themen zuständig?

Gamauf: Der Arbeitskreis ist historisch wegen Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts entstanden. Seit der Novelle zum Bundesgleichbehandlungsgesetz vor ein paar Jahren sind wir aber auch für Diskriminierungen aufgrund der ethnischen Herkunft, aufgrund der sexuellen Orientierung und des Alters zuständig. Viele Beschwerden von Universitätsangehörigen gab es bis dato aus diesen Gründen aber nicht.

Wir sind nicht zuständig für Gleichbehandlung im allerweitesten Sinn, wie das von manchen vermutet wird. Es kommt vor, dass Studierende sich bei der Benotung schlecht behandelt fühlen, aber wenn das nicht aufgrund geschlechtlicher oder anderweitiger Diskriminierung passiert ist, sind wir dafür nicht zuständig.

derStandard.at: Welche Themen waren für den Arbeitskreis bisher bestimmend?

Gamauf: Sicherlich die Überprüfung von Berufungsverfahren für Professuren. Wir müssen eigentlich jede Personalaufnahmen an der Uni überprüfen, das beginnt schon bei der Ausschreibung. Sowohl zu weite als auch zu enge Ausschreibungen ermöglichen unsachliche Entscheidungen. Personalentscheidungen müssen so begründet sein, dass es nachvollziehbar ist. Und wenn es zwei gleich gute Bewerber gibt, sieht der Frauenförderungsplan vor, dass man die Frau nehmen muss, solange Frauen unterrepräsentiert sind.

derStandard.at: Welche Anfragen kommen denn von Studierenden?

Gamauf: Manchmal geht es um Notengebungen. Man hört auch oft von sexistischen Bemerkungen im Unterricht. Das kann man durch Gespräche mit den Betreffenden relativ leicht abstellen. Gelegentlich gibt es auch Fälle von sexueller Belästigung. Aber es ist nicht so, dass Studierende uns mit Vorfällen überschütten.

derStandard.at: Die Gleichbehandlungskommission im Frauenministerium suchen mittlerweile mehr Männer als Frauen auf. Wo spüren Männer an der Uni Ungleichbehandlungen?

Gamauf: Wenn ein deutscher Bewerber dem österreichischen vorgezogen wurde, gibt es schon Männer, die nachfragen, ob der Arbeitskreis etwas zu ihren Gunsten machen kann. Das sind Fälle, die nicht in unseren Bereich fallen.

derStandard.at: In Österreich gibt es keine einzige weibliche Rektorin. Wird sich das in naher Zukunft ändern?

Gamauf: Ich glaube nicht, dass wir lange auf eine Rektorin warten müssen. Irgendwann wird der Druck der Politik da sein, das Zeichen zu setzen. Die Frage, die viel spannender ist: Wie gehen die Rektorate mit der Quote um, vor allem die kleinen? Bei drei Personen würde das jetzt bedeuten, dass zwei davon Frauen sein müssen.

derStandard.at: "Die Universitäten sind nicht nur treibende Kräfte der Entwicklung von Wissen, sondern auch die Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung", sagt Rektorenchef Badelt im Zusammenhang mit der Frauenquote. Inwieweit sind die Unis denn Vorbild, wenn es um Gleichberechtigung und Emanzipation geht?

Gamauf: Natürlich ist es eine schöne Vorstellung: die Uni als gesellschaftliche "Avantgarde". Nur weiß ich nicht, ob man das heute noch ernsthaft als Teil der Uni-Identität sehen kann. Wenn man sich aber das Universitätsgesetz und die Satzungen der Unis ansieht, dann spielt dort Gender Mainstreaming schon eine große Rolle. Spricht man mit Leuten aus der Wirtschaft, die die Universitäten gerade kennenlernen, sagen sie immer, dass das Bewusstsein hier weitaus entwickelter ist. Dass diese Entwicklung von den Entscheidungsträgern gekommen ist, würde ich bezweifeln. Wir sind eher in diese Rolle gedrängt worden – das ist natürlich nicht schlecht. (Teresa Eder/derStandard.at, 09.10.2009)

Die 40%-Frauenquote gilt seit 1. Oktober 2009 für alle sich neu konstituierenden Uni-Gremien, also die Uni-Räte, Rektorate, Berufungs- u. Habilitations-Kommissionen und Senate.

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