Stiglitz: "Wir haben aus der Krise nichts gelernt"

9. Oktober 2009, 11:41
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Der Wirtschaftsnobelpreisträger sieht die weitere Konjunktur­entwicklung skeptisch: Die Arbeitslosigkeit steige weiter, das Wachstum sei schwach

Wien -  Bei der Bekämpfung der Krise sei viel falsch gemacht worden, sagte Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz Donnerstagabend bei einer Feier zu "10 Jahre Spatenstich" des Tech Gate Vienna. Die Arbeitslosigkeit werde in den USA weiter ansteigen, das Wachstum werde schwach sein und durch den Produktivitätsfortschritt nicht ausreichen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. "Wir haben aus der Krise nichts gelernt", so der US-Ökonom. Statt sich zu überlegen, wie das Finanzsystem eigentlich ausschauen sollte, werde das bisherige Finanzsystem durch Milliardenhilfen gerettet und weitergeführt.

Das Finanzsystem sei einfach überdimensioniert, 40 Prozent der Unternehmensgewinne in den USA seien vor der Krise aus dem Finanzsektor gekommen. Die Innovationen hätten in "creative accounting" (kreativer Buchhaltung, Anm.) bestanden, witzelte er. Tatsächlich sollte der Finanzsektor aber Funktionen für die Gesamtwirtschaft übernehmen, denn "ohne funktionierende Banken kann die Wirtschaft nicht funktionieren", so der Ökonom. Die Wirtschaftswissenschafter seien sich oft uneinig, die Bedeutung von Incentives, also Anreizen, sei jedoch unbestritten. In der Finanzwirtschaft müssten die Incentives auf langfristige nachhaltige Ziele, und nicht auf die Erzeugung kurzfristiger Blasen gerichtet sein, fordert Stiglitz.

"Defizit-Fetischismus"

Stiglitz warnte auch vor einem "Defizit-Fetischismus". Der Staat müsse Investitionen mit langfristigen Erwartungen und Zielen setzen, insbesondere bei Ausgaben für Bildung, Wissenschaft und Forschung dürfe nicht gespart werden. Diesen staatlichen Ausgaben stünden - wie in der Bilanz - geschaffene Werte gegenüber, bei Staatsausgaben für den Krieg in Afghanistan würden jedoch keine Werte geschaffen. Gerade in der Wissenschaft müsse der Staat Grundlagenforschung finanzieren, die daraus entstehende Nutzen und die Einnahmen würden die Investitionen um ein Vielfaches überschreiten, betonte Stiglitz, der selbst Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studiert hat.

Angesprochen auf Prognosen, wonach die USA schneller aus der Krise kämen als Europa, meinte Stiglitz: "Ich teile nicht ihren Enthusiasmus". Seinen Erwartungen nach kämen die USA in eine Phase schwachen Wachstums. Die offizielle Arbeitslosenrate liege bei 9,8 Prozent, tatsächlich sei aber bereits einer von sechs Amerikanern (also 16,6 Prozent, Anm.) arbeitslos, wenn man jene einberechne die die Arbeitssuche aufgegeben haben sowie jene, die nur eine Teilzeitbeschäftigung ausüben, aber Vollzeitarbeit anstrebten. Zur Schaffung neuer Arbeitsplätze würden 3 bis 3,5 Prozent BIP-Wachstum gebraucht, die Wachstumsprognosen für die USA für 2009 und 2010 lägen aber nur bei etwa einem Prozent. Auch im Jahr 2010 werde die Arbeitslosigkeit daher weiter steigen, erwartet der US-Ökonom.

Im Jahr 2011 würden dann die konjunkturstützenden Maßnahmen auslaufen, die öffentlichen Haushalte weiter mit Einnahmenausfällen kämpfen. Daher rechne er mit zwei Quartalen der Erholung, dann könnte die USA in einen "japanische Malaise" verfallen, sagte er in Anspielung auf die lange Stagnation der japanischen Wirtschaft. Zwei Millionen Zwangsversteigerungen von Häusern in den USA stünden bevor. Der traditionelle Vorteil des US-Arbeitsmarkts, nämlich die hohe Mobilität der Arbeitsuchenden, ginge verloren, weil sie sich kein neues Haus mehr leisten könnten.

Europa und die USA befänden sich in einer "symbiotischen Verbindung", führte Stiglitz aus, denn europäische Finanzinstitute hätten rund die Hälfte der toxischen Hypothekenpapiere der USA gekauft und Europa leide nun an den Folgen. Zusätzlich habe Europa mit dem schwachen Dollar zu kämpfen, der die Exporte in die USA verteuere. Daher glaube er nicht, dass sich die beiden Regionen ökonomisch verschieden entwickelten. (APA)

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    Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz will noch keine Entwarnung geben.

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