Kleinstraumkino in Graustufen

12. Oktober 2009, 07:56
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Die Wiener Secession zeigt mit der Ausstellung "Cineplex" Experimentalfilme junger österreichischer Filmemacher und Künstler

"Die Vermischung dieser beiden Welten findet de facto ja immer noch kaum statt", sagen Lotte Schreiber und Norbert Pfaffenbichler in einem Interview. Die Rede ist von Kino und bildender Kunst, von Experimentalfilm und Museum. Mit der Ausstellung Cineplex in der Wiener Secession wirken die beiden Kuratoren und Filmemacher dieser Trennung entgegen. Sie zeigen sieben experimentelle Filmproduktionen junger österreichischer Künstler in Black Boxes, deren eigens für die Ausstellung entwickelte Architektur das gesamte Haus mit kleinen Kinoräumen besetzt.

Im Eingangsbereich zeigt Dariusz Kowalski etwa das knapp einstündige Video Optical Vacuum (2008). Found Footage, das von den Bildern illegal installierter Überwachungs­kameras aus dem Internet stammt, montiert der Weibel-Schüler zu einem Bewegtbild-Essay, den er mit Aufzeichnungen aus dem Tagebuch des Künstler Stephen Mathewson unterlegt. Er eignet sich fremdes Bildmaterial an, um den Grenzen von öffentlich und privat in narrativer Form nachzuspüren. Mit dem qualitativ minderwertigen aber gerade deswegen so charmanten Footage stellt er die Erzählung als eines der Prinzipien des Kinos zur Dikussion und öffnet damit die thematische Klammer der Austellung.

Mit Sprache als konstitutivem Element der Narration arbeitet auch Annja Krautgasser in einem der insgesamt fünf schwarzen Kleinstkinoräume in der Galerie im Untergeschoß. Gesprochene Zitate aus Michelangelo Antonionis Film La Notte (1961) oder Jean-Luc Godards Le Mépris (1963) verdichtet die Architektin und Mediengestalterin zu einem Video mit dem Titel Innerer Monolog (2008). Sie stellt die Tonspur ihres Werkes der minimalistischen Architekturanalyse eines Gebäudes aus den 1970er Jahren gegenüber.

Endlosschleife Zeit

Anspielungsreich auch Lotte Schreibers Video BORGATE (2008), in dem sich die Künstlerin auf die Spuren von Federico Fellini und Pier Paolo Pasolini begibt und aktuelle Bilder einer Wohnsiedlung in der Nähe der Cinecittà in Rom mit Originalaufnahmen aus La Dolce Vita (1960) und Mamma Roma (1962) überlagert. "Then I'll take you to a real home", sagt eine Stimme am Beginn des 15-minütigen Films, dessen schwarz/weiß-Bilder immer wieder harsch von Farbaufnahmen unterbrochen werden und so die architektonische Gegenwart mit der Filmgeschichte in Verbindung setzen. Notes on Film 02 (2005) ist der einzige Film in der Secession, der Spielfilmlänge besitzt. Unter Bezug auf Robert Franks Bildsprache in O.K. End Here (1963) zeigt Norbert Pfaffenbichler 96 Minuten lang Filmklischees, die sich permanent widerholen und seriell montiert wurden.

Die Filmauswahl in der Ausstellung Cineplex bezieht sich aber nicht nur auf Erzählstrukturen und große Topoi, sondern beschäftigt sich auch mit der Formensprache des Kinos. Dietmar Offenhuber zerlegt in paths of g (2006) einen Auszug aus Stanley Kubricks Spielfilm Paths of Glory (1957) in seine räumlichen und zeitlichen Bestandteile. Unterstützt von einer Software unternimmt er eine dreidimensionale Reise durch die Einzelbilder des Films und visualisiert mit abstrakten Mitteln die Strukturen des "Filmischen". Ähnlich arbeitet auch Ben Pointecker in seiner Reflexion auf die Ellipse als Stilmittel beim Filmemachen. In . ..... .:.:...:::ccccoCCoooo:: (2007) - der Titel ist die schriftbildliche Wiedergabe der ersten Einstellung des Films - steigert er dieses Verfahren so lange ins Extrem, bis sich der Inhalt der gezeigten Bilder schließlich aufzulösen scheint.

Autonomes Nebeneinander

Die thematische Klammer, die im Foyer der Secession mit Kowalskis essayistischer Verortung des Mediums Film im Zeitalter des Digitalen geöffnet wurde, schließt sich im Grafischen Kabinett im ersten Stock mit Johannes Lurfs VERTIGO RUSH (2007). Vor und zurück, in entgegengesetzter Richtung, bewegen sich die Kamera und ihr Zoom in dieser Arbeit und halten dabei auf eine Szenerie in einem nicht näher bestimmten Waldstück. Einen schwindelerregenden Effekt, der auf Alfred Hitchcock zurückzuführen ist, stellt Lurf hier gleichzeitig nach und aus. Durch die zusätzliche Erhöhung der Geschwindigkeit der Bilder und der Lautstärke des begleitenden Sinustons im Verlauf des Videos führt er Besuchern grundsätzliche kinematographische Prozesse vor.

Um Kino zwar im Ausstellungraum zu zeigen und somit im Kontext der bildenden Kunst zu denken, dabei aber eine gewisse Form der Autonomie zu bewahren, haben sich die beiden Kuratoren für eine Präsentation jenseits installativer Mittel entschieden. "Uns war wichtig, dass die Boxen als solche - als Raum im Raum - wahrnehmbar sind und nicht einfach der Raum zur Box wird", sagen Schreiber und Pfaffenbichler.

Das Prinzip, Filme in abgedunkelten Räumen vorzuführen, die die Kinosituation nachstellen, ist nicht sonderlich spektakulär und mittlerweile gängige Ausstellungspraxis. Die Auswahl medienreflexiver Filmkunst und die überbetont kinematographische Präsentation in der Secession - Prototyp dessen, was heute als White Cube bezeichnet wird - trägt jedoch durchaus zu einer spannungsgeladenen Rezeptionssituation bei. Schwarz und Weiß ergibt Grau oder wie im Fall der Ausstellung Cineplex: facettenreiche Graustufen. (fair)

Bis 8. November

Alle Zitate von Lotte Schreiber und Norbert Pfaffenbichler stammen aus einem Interview im Katalog zur Ausstellung.

Link:
www.secession.at

  • Rigoroses Ausstellungsdisplay für Experimentalfilme in der Wiener Secession: zwei Prototypen treffen aufeinander, Black Box und White Cube.
    foto: secession

    Rigoroses Ausstellungsdisplay für Experimentalfilme in der Wiener Secession: zwei Prototypen treffen aufeinander, Black Box und White Cube.

  • Still aus Dariusz Kowalskis Video Optical Vacuum (2008), das sich aus Found Footage aus den Internet speist.
    foto: secession

    Still aus Dariusz Kowalskis Video Optical Vacuum (2008), das sich aus Found Footage aus den Internet speist.

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