Riga rückt dem Kollaps wieder etwas näher

8. Oktober 2009, 18:41
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Der Streit um ein Sparpaket und Drohungen aus Schweden haben den lettischen Finanzmarkt hart getroffen

Die Erwartung eines Staatsbankrotts stieg sprunghaft an. Analysten beruhigen. Aber hart wird es für die Letten jedenfalls.

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Wien/Riga - Nachdem sich in den vergangenen Wochen die Zeichen einer Stabilisierung der schwer angeschlagenen baltischen Staaten gemehrt haben, bekommt die Region die Krise wieder stärker zu spüren. Betroffen ist vor allem Lettland: Nachdem die lettische Zentralbank am Mittwoch mit dem Verkauf einer Anleihe gescheitert ist, stieg die Furcht vor einem Staatsbankrott sprunghaft an, Banker sprechen von einer "dramatischen Entwicklung" .

Die Credit Default Swaps (CDS) stiegen seit Wochenbeginn um fast 70 Basispunkte auf 521. Mit den CDS bewertet der Markt das Risiko eines Bankrottes, zum Vergleich: Österreichs CDS liegen insgesamt bei 62 Basispunkten. Das Risiko in Lettland war heuer bereits höher, der Anstieg ist aber einzigartig.

Streit um Sparprogramm

Schuld an den Turbulenzen ist für die meisten Analysten der Streit um das lettische Sparprogramm. Ende 2008 stand Lettland vor dem Bankrott und nahm einen Notkredit in Höhe von 7,5 Milliarden Euro bei Währungsfonds, EU, einigen nordischen Staaten, Tschechien und Polen auf. Im Gegenzug verpflichtete sich Riga zu einem strikten Sparkurs.

Die von der Regierung nun diskutierten Budgetkürzungen bewegen sich aber deutlich unter den Vorgaben der Kreditgeber. Aus lettischer Sicht verständlich: Das Bruttoinlandsprodukt bricht heuer um fast 20 Prozent ein, das Sparpaket droht den Inlandskonsum endgültig abzuwürgen.

Vor allem Schweden pocht auf höhere Einsparungen. Auch das ist verständlich: Die beiden größten Banken im Baltikum sind die schwedische Swedbank und die SEB. "Die Geduld ist demnächst zu Ende" , sagte Schwedens Finanzminister Anders Borg am Wochenende und drohte damit, die Auszahlung der nächsten Kredittranchen zu blockieren.

Das hat zu den Erschütterungen geführt, sagt Marco Annunziata, Chefanalyst der UniCredit im Standard-Gespräch. Annunziata sieht jetzt wieder einen "enormen Druck" auf Lettland, aber keine Gefahr eines Staatsbankrotts. "Die Regierung ist liquid" . Wegen der engen Verwebungen werden die Erschütterungen in Riga aber auch die Finanzsektoren in Litauen und Estland beeinflussen. Die CDS kletterten tatsächlich in beiden Staaten etwas in die Höhe.

Druck auf die Währung

Wegen den Problemen in Lettland steigt auch der Druck auf die Währung Lat. Der Lat ist an den Euro gekoppelt, bisher verhinderte die Nationalbank eine Abwertung. Mit einer Abwertung würde der Export massiv angekurbelt werden. Wertet die Bank aber ab, werden unzählige Kreditnehmer zahlungsunfähig. 85 Prozent der lettischen Haushalte sind in Devisen verschuldet. Eine Abwertung steht nicht unmittelbar bevor, sagen Analysten.

Doch auch neue Probleme kommen auf das Land zu. Die Ratingagentur Fitch warnt vor der Verschlechterung des ohnehin schlechten Bonitätsratings für Lettland. Und Alf Vanags vom Baltic International Centre for Economic Policy Studies warnt vor neuen Konflikten mit Schweden.

Denn die Regierung in Riga arbeitet an einem Gesetz zum Schutz zahlungsunfähiger Kreditnehmer. Lässt die Bank eine Immobilie zwangsversteigern soll die gesamte Hypothek erlöschen, auch wenn der Erlös nicht reicht. Das Gesetz würde vor allem Swedbank und SEB treffen. Die beiden Banken haben im Baltikum Kredite im Wert von 13 Milliarden Euro ausstehen. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2009)

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    Das Geschäft geht überall schlechter, auch auf den Märkten in Riga. Das lettische BIP bricht um fast 20 Prozent ein.

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