Studieren im Dschungel-Camp

8. Oktober 2009, 17:59
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Wie die Karikatur einer Uni-Politik die Eliten subventioniert und die Unis ruiniert

Von den vielen Problemen, die die österreichischen Universitäten haben, sind die Studiengebühren das geringste - und das Finanzierungsproblem ist das größte. Trotzdem, in Verkennung der realen Arbeitssituation derer, die sich an den Unis als Studierende oder Lehrende und Forschende zurechtfinden müssen, sind ausgerechnet die Studiengebühren zum vermeintlichen Nukleus der unipolitischen Auseinandersetzung mutiert.

Dabei wird die Finanzierungsmalaise noch viel größer werden, wenn die Regierung darangehen muss (und wird), nach der schon extrem kostspieligen Akutbehandlung der Finanz- und Wirtschaftskrise die langfristige Rehabilitation der Republiksfinanzen anzugehen. Will heißen: den Abbau des riesigen Schuldenbergs, an dessen Tropf die Volkswirtschaft derzeit hängt.

Dann wird es zwei Möglichkeiten geben: Steuererhöhungen oder Einsparungen. Einsparungen im Bildungsbereich wären selbstmörderisch. Schon jetzt sind die Unis schwerstens unterfinanziert. Bleibt nur die Alternative "frisches Geld" , das sich der Staat - na wo wohl? - bei seinen Bürgern holt. Die Frage ist bloß: bei welchen?

363 Euro Studiengebühr sind keine gravierende bildungspolitische Intervention, sondern primär ein Instrument der Einnahmengenerierung und staatlich organisierter Umverteilungspolitik von oben nach unten. Oder was sonst sollte es sein, wenn von denen, die es sich leisten können, ein Beitrag zum Studium verlangt wird, aus dem dann Stipendien für jene, die Unterstützung brauchen, finanziert werden?

Fakt ist: Der freie Hochschulzugang - ja, der rote Ahnvater Kreisky hat ihn 1972 realisiert - brachte nachweislich für eine Gruppe mehr Freiheit und die reale Chance auf ein Studium: die Frauen.Sie haben ihre Chance genutzt. Seit 1992 fangen mehr Frauen als Männer ein Studium an, zuletzt lag der Frauenanteil bei 56,9 Prozent.

Das war's dann aber auch schon. Nach fast vier Jahrzehnten ist der freie Uni-Zugang entzaubert wie der Kaiser ohne Kleider: An der sozialen Durchmischung der Unis hat sich fast nichts geändert. Wer den sozialen Ausgleich im Hochschulbereich aktiv voranbringt, sind die Fachhochschulen: mit Studiengebühren, mit Auswahlverfahren, mit Studienplatzfinanzierung.

Wer also möchte, dass die Bildungs- und Finanzelite, die A-Schicht, an der Stätte ihrer Selbstreproduktion weiter subventioniert wird von jenen, die sozial, bildungsmäßig und finanziell "unter" ihr rangieren, der muss weiter mit aller Macht gegen Studiengebühren kämpfen, eine kostendeckende Studienplatzfinanzierung durch den Staat verhindern und (das ist die Voraussetzung für eine ehrliche Finanzierung) klare Zugangsregeln, die zumindest einen halbwegs intelligenten Zusammenhang zwischen Studienangebot und Studierendenandrang herstellen, verteufeln - und so das Gesetz des Dschungels in den Unis fortschreiben.

Denn nicht anders können die Zustände dort beschrieben werden. Von Rahmenbedingungen für ein gutes Studium mit den nötigen Freiräumen ist in vielen Fächern nichts zu sehen. Freier Hochschulzugang heißt heute: Willkommen im Dschungel-Camp. Der Sozialdarwinismus feiert fröhliche Urständ. Nur die Harten kommen durch. Durch Massenvorlesungen, stumpfsinnige Wartezeiten, Knock-out-Prüfungen - die natürlich nicht so heißen, weil Lügen in diesem Bereich ja quasi politisch verordnet ist, und doch nichts anderes sind als Notwehraktionen der finanziell strangulierten Unis. Wer sich in den Dschungel begibt, lebt riskant.

Ist das die Freiheit, die jene meinen, die den "freien Hochschulzugang" in der Version von 1972 so gern rhetorisch strapazieren? Nein. Es ist die ahistorische, existenzgefährdende Karikatur einer verantwortungsvollen Uni-Politik. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2009)

 

 

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