The Sound of Wehmut

8. Oktober 2009, 17:52
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Das Konzerthaus präsentiert beim der Türkei gewidmeten Zwei-Tage-Festival Spot On auch den Roma-Klarinettisten Selim Sesler. Ein Gespräch über Kulturwandel und Publikumsmissverständnisse

Wien - Es gab eine Zeit in der Türkei, "da hatten die Hochzeiten immer zwei volle Tage gedauert" , erinnert sich Selim Sesler ein wenig wehmütig. Opulente Feste seien das gewesen, "doch das Ganze ist vorbei" , so der Klarinettist, weshalb "ich auf Hochzeiten nicht mehr spiele. Macht keinen Spaß mehr. Die letzte, bei der ich zum Instrument gegriffen habe, war jene meines Sohnes. Ich weiß nicht, warum es diese traditionelle Hochzeitskultur nicht mehr gibt. Nur daran, dass die Leute weniger Geld haben, kann es nicht liegen."

Sesler (Jahrgang 1957), dessen Roma-Familie in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts im Zuge eines Bevölkerungstauschs aus Griechenland in die Türkei ausgewandert war, ist ein authentischer Zeuge dieses kleinen Kulturwandels - er hat seit seinem 14. Lebensjahr bei Hochzeiten spielen und wohl auch zu überleben gelernt.

Dass er mittlerweile bei solchen Feten nicht mehr aufspielt, heißt jedoch nicht, dass er seine eindringliche Art des Musizieren vom Alltagsleben abgekoppelt hat: "Natürlich spiele ich weiterhin in Istanbul in Bars und sonstigen Lokalen." Sein melancholisch-rauer Zugang zur Musik hat sich allerdings schon international etabliert. Der Guardian etwa wählte große Worte und nannte Sesler gar "den John Coltrane der Klarinette" . Und dass er in Gegen die Wand, dem preisgekrönten Film von Regisseurs Fatih Akin, mit Band für einen wehmütig-ausgelassenen Soundtrack sorgte, wird der Reichweite seiner Kunst auch nicht geschadet haben. Wie auch jener Dauertrend, der diverseste lokale Folklorismen zum wichtigen Marktsegment des internationalen Musikbusiness gemacht hat.

Motivation durch Feedback

Globaler Trend hin, internationaler Star her - bei manchen Konzerten will die Stimmung dann doch nicht gleich jene Höhen erklimmen, die Sesler vorschweben. Spielt er zwar nicht mehr für Brautpaare, so mag er auf die entsprechende Atmosphäre wohl nicht verzichten. Schließlich fühlt sich sein Songrepertoire in Anwesenheit andächtiger Stille nicht wohl. Zudem improvisiert der Mann, was bedeutet, auf Motivation durch Feedback angewiesen zu sein.

Nun, ja: So landete Sesler, der am Sonntag ins Konzerthaus zum (der Türkei gewidmeten) Spot-On-Festival anreist, einst auch in New York, doch in der vollen Carnegie Hall machte sich Verkrampfung breit. "Das Publikum war gemischt, da waren Amerikaner und Türken. Doch alle saßen wie bei einem klassischen Konzert da. Es war leise, sie hörten andächtig zu. Irgendwann habe ich zum Mikro gegriffen und den türkischen Teil des Publikums gebeten, den amerikanischen Gästen auszurichten, dass wir doch alle hier seien, um Spaß zu haben. Am Ende tanzten alle."

Was Sesler in Wien spielen wird, weiß er nicht. Manche Lieder behält er zwar immer bei; der Liedrest allerdings variiert situationsgebunden - je nach Einschätzung der Stimmungslage. Das sei kein Problem. Sesler ist flexibel, eine lebende Song-Jukebox, die nicht sagen kann, wie viele Miniaturen sie eigentlich draufhat. "Einige hundert werden es schon sein. Es gibt türkische Lieder, Roma-Repertoire und vieles vom Balkan. Allerdings müsste ich 500 Jahre alt werden, um das ganze Repertoire zu lernen, das unter ,türkischer Musik‘ subsummiert wird."

So wird womöglich auch Sesler, falls er am Wochenende einen Rundgang durchs Konzerthaus macht, etwas Neues bezüglich türkischen Liedguts erfahren. Das Festival "Spot On" bietet ja an die zwanzig Konzerte. Natürlich ist auch der Film Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul zu sehen, bei dem Sesler allerdings nur einem sehr guten alten Bekannten, nämlich sich selbst, als Leinwandfigur, begegnen wird können. (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2009)

 

10. und 11. 10.: Spot On – Turkey Now, jeweils ab 17.30

www.konzerthaus.at

 

  • Der Klarinettist Selim Sesler: "Auf Hochzeiten spiele ich nicht mehr, das macht keinen Spaß!"  
 
    foto: konzerthaus

    Der Klarinettist Selim Sesler: "Auf Hochzeiten spiele ich nicht mehr, das macht keinen Spaß!"

     

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