No Fun, Jahrgang 2009

8. Oktober 2009, 17:00
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Aggressive Schüchtis, gibt's die? Die US-Band Health beantwortet diese Frage auf ihrem Album "Get Color"

... mit einem in eindringlicher Lautstärke formulierten "Vielleicht"

Junge Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen, sind ja für den älteren Menschen tendenziell lustig. Nicht dass nicht jedes Alter Anlass für Trübsinn aller Art bereithalten würde, aber wenn Anfangzwanziger sich als mit dem Leben fertiger geben, als sie es sein können, und diesem Gefühl mit künstlerischen Mitteln Ausdruck verleihen, entsteht eher selten gute Literatur, Filmkunst oder Musik. Bekannte Ausnahmen bestätigen hier erst recht die Regel, weil jene natürlich Kopisten sonder Zahl finden, und wie authentisch und glaubhaft kopierte Kunst wirkt, ist ja bekannt. Wie sehr das alles für den Vierer Health gilt, muss unbeantwortet bleiben. Health aus Los Angeles begegnen uns auf allen bekannten Bildern der Band mit eingefrorenen Mundwinkeln, strengen Blicken und in einer Garderobe, die Assoziationen zu diversen halbgaren Kulten zulässt. Bisserl Voodoo, eine Reise nach Goa, eine Brise Charles Manson Superstar, Interesse an Hirnwäschetechniken und Konspiration, ein wenig Todessehnsucht.

Schließlich kommt kaum eine Rezension dieser eher abweisenden Musik der lustig benannten Combo ohne Zuschreibungen wie mindestens postapokalyptisch aus. Dabei ist gerade das Lärmen und Wüten eine fröhliche Kunst, wie etwa der diesbezüglich einschlägig auffällige Chef der Linzer Extrem-Musiker Fuckhead sagt. Die lustige Fortsetzung einer Sandkistenorgie mit anderem Spielzeug, hier Gitarre, Schlagzeug, Bass und Elektronik. Letztere bohrt sich auf Get Color in den Gehörgang und sorgt am Ende eines Hirnwaschgangs für ein anhaltendes Klirren, wie man es etwa auch nach Begegnungen mit der Kunst von Death From Above 1979 oder Alec Empire kennt - und allen anderen Bands, die das berühmte weiße Rauschen strapazieren.

Anders als die Genannten arbeiten Health zwar als Wüteriche, nicht jedoch als Brülltiere. Hier soll niemand mehr mit Nachrichten bekehrt oder sonst wie überzeugt werden. Damit sind Health durch. Dünner, leidenschaftsloser Gesang hängt in den Lärmschlieren. Die Art und Weise, wie Health ihren Lärm jedoch arrangieren und anrichten, zeitigt letztlich eine eigentlich zutiefst poppige Lärm-Rock-Version für die Neigungsgruppe No Fun aus der Klasse von 2009.

Sich wiederholende, brutale oder auch gefühlvolle elektronische Motive werden mit tribalistischem Rhythmusgeböller in den Parallelslalom geschickt, steil nach unten. Drastische Riffs und Unheil verkündendes Wummern nehmen die Zeit. Das ist natürlich eine anstrengende Kunst, aber neben dem Krach wird hier auch eine Form der Schönheit zugelassen, wie man sie etwa von Brüdern und Schwestern im Geiste, von My Bloody Valentine kennt. Bloß dass hier nicht so opulent gebaut wird. Health errichten keine Kathedralen, sondern leicht aus dem Winkel geratene US-amerikanische Suburbia. Bessere Schrebergartenhütten, die vom Truck geliefert werden. Die kann man leichter kaputtmachen, selbst als hängeschultriges Bild des Elends, als aggressiver Shoegazer. Demnächst live in Wien. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2009)

 

Health: Get Color (City Slang), live am 12. Oktober, Arena Wien, 20 Uhr

  • Wer lacht, verliert. Health aus Los Angeles gewinnen.
    foto: city slang

    Wer lacht, verliert. Health aus Los Angeles gewinnen.

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