"Wir verlassen die Erde"

8. Oktober 2009, 17:00
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Mit seinem neuen Album "Die Entstehung der Nacht" untermauert das Hamburger Kollektiv Die Goldenen Zitronen seinen Status als wichtigste deutsche Band

Wer nach dem gültigen Kunstwerk oder dem perfekten Song strebt, dem ist die Möglichkeit des Scheiterns eingeschrieben. Er muss sie aber mit aller Entschiedenheit verdrängen. Versagen gilt nicht. Vor allem heutzutage in kleiner werdenden Märkten ist es, zumindest kommerziell gesehen, unabdingbar, möglichst schnell möglichst große Aufmerksamkeit mit starken Behauptungen zu erzielen. Sonst findet man, wie es so schön heißt, in der Öffentlichkeit nicht statt. Insofern haben es Die Goldenen Zitronen aus Hamburg als eine der dienstältesten Bands der einstigen, linkspolitisch gedeuteten Punkbewegung nach gut 25 Jahren im Geschäft mit ihrem neuen Album heute schwerer denn je.

Es erscheint zeitgleich mit neuen Alben von alten Freunden wie Jochen Distelmeyer oder der kräftig gehypten österreichischen Formation Ja, Panik, die gerade die Titelblätter der deutschsprachigen Musikgazetten schmückt und bezüglich Form und Inhalt einen klar und deutlich gezogenen Bogen zwischen Befindlichkeitsschlager und Beschwerderock spannen. Im Gegensatz dazu dürfte das Album des Hamburger Kollektivs bezüglich Aufmerksamkeitsökonomie durchaus Startschwierigkeiten haben.

Die Band um Sänger und Deklamierer Schorsch Kamerun hat nicht nur keine einfachen Lösungen zu bieten. Seit Jahr und Tag reibt sich die Band auch intern aneinander. Zwar sagt Schorsch Kamerun als alte Galionsfigur des deutschen Diskursrocks im Interview schöne Sachen wie: "Wenn wir ein neues Album machen, brauchen wir nicht vorher vier Wochen diskutieren, um dann zwei Wochen ins Studio zu gehen." Bandintern dürfte es aber doch immer noch zu kräftigen Reibereien kommen. Gerade auch, was die Rolle Kameruns als Frontmann angeht. Immerhin arbeiten die Goldenen Zitronen dezidiert als Kollektiv. Sie wollen so eben auch das alte Diktat des Frontalunterrichts mit Sänger und dahinter werkelnder Begleitband abschaffen.

Nach dem wunderbaren letzten Album Lenin von 2006 bewährt sich nun auf Die Entstehung der Nacht auch das Prinzip des ständigen Positionswechsels. Bevor es an den angestammten Instrumenten zu gemütlich wird, tauscht man den Platz. Damit arbeitet man nicht nur gegen etwaig entstehende Rockismen, sondern auch gegen Erstarrung. Kamerun, seit einigen Jahren auch am deutschen Sprechtheater als Schreiber und Regisseur beschäftigt sieht das so: "Ich kann zwar nicht Traktor fahren, aber es ist doch eine schöne Idee, sich einfach auf einen draufzusetzen und loszufahren. Mal sehen, was passiert." Bloß der deutsche Wald und die deutschen Kühe sollten sich Sorgen machen. Für den Betrachter entstehen dabei sehr wahrscheinlich interessante "Situationen".

Nachdem auf den letzten Alben ein gewisser Drang weg von den Gitarren hin zu quietschfidelen Synthesizern und einer gewissen Überlastung der Songbrocken mit allzu vielen Inhalten zu beobachten war, hat sich die Band musikalisch wieder etwas mehr konsolidiert.

Ausgehend von Jam-Sessions und zig Anspielungen auf die (deutsche) Musikgeschichte zwischen Krautrock, Neuer Deutscher Welle, Munich-Disco und Musique concrète, die mit einer ganzen Lkw-Ladung Instrumente bestritten werden, geben sich die Zitronen allerdings nach wie vor als Textarbeiter: "Plötzlich neue Positionen, die Fähigkeit zur Handlung. Und aus reinen Wünschen springt überraschend frischer Anspruch. Die allerfeinsten Explosionen, und überall wächst Wandlung. Einen allerletzten Umtrunk, ganz kurz vor dem Absprung."

Die Goldenen Zitronen machen auf Die Entstehung der Nacht aber nicht nur eigene Positionen transparent. Sie stellen diese auch konsequent infrage. Das ergibt politische Musik ohne Parolen und klare Antworten. Die beiden Texter Schorsch Kamerun und Ted Gaier nehmen ganz im Sinne des alten Sampling-Gedankens lieber Dialogfetzen aus dem revolutionären Alltag und Nachtleben und versuchen eine Standortbestimmung aktueller (deutscher) Befindlichkeiten im Jahr der großen Krise.

Wie heißt es so schön im Sprechstück Bloß weil ich friere, ist lang noch nicht Winter: "Apropos hassen: Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden." Und weiter: "Okay, Leute, ich spreche jetzt mal für alle: Die meisten von uns haben keine Kinder, geschweige denn Häuser. Man kann also sagen, es ist keine Zeit vergangen. Es gibt nur abgeschlossene Studien, Firmengründungen, irgendwelche Ferien und neue Projekte. Und nur zur Information: Ich habe Schmerzen!"

Großes Kino von Leuten, die mit dem Leben nicht einverstanden sind. Als Gäste mit dabei, der visionäre britische Musikanarchist Mark Stewart mit dem Funk-Bratzer Drop the Stylist und Michaela Melián von der Freiwilligen Selbstkontrolle aus München. Diese interpretiert mit Grummelstimme Melanies Hippie-Klassiker Beautiful People. Träume werden wahr. Manchmal die falschen. Neben Des Landeshauptmanns letzter Weg ein weiterer Höhepunkt auf diesem großen, wichtigen Album, der schöne, gallige Gospel Wir verlassen die Erde: "Wir verlassen die Erde als enttäuschte Herde. Wir verlassen die Erde, auf dass sie schöner werde." (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2009)

 


Die Goldenen Zitronen: Die Entstehung der Nacht (Buback/Hoanzl). Ab 16. 10. im Handel

 

  • Das Hamburger Band-Kollektiv Die Goldenen Zitronen mit Sänger Schorsch Kamerun (ganz rechts) untersucht noch immer die Lücke zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit.
    foto: stephan abry

    Das Hamburger Band-Kollektiv Die Goldenen Zitronen mit Sänger Schorsch Kamerun (ganz rechts) untersucht noch immer die Lücke zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit.

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