Schütze wird noch einmal einvernommen

8. Oktober 2009, 15:24
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Jugendliche hatten Werkzeuge "in Körpernähe" - Beamte bleiben trotz belastender Gutachten weiter im Dienst

Krems - Im Fall des erschossenen 14-jährigen mutmaßlichen Einbrechers könnten die Jugendlichen die Harke bzw. den Schrauberzieher, mit denen sie die Polizisten bedroht haben sollen, am Ende möglicherweise gar nicht mehr in der Hand gehabt haben. Karl Schober, der Leiter der Korneuburger Anklagebehörde, bestätigte das am Donnerstagnachmittag insofern, als sich beim umgekommenen 14-Jährigen ein Werkzeug "in Körpernähe" des Jugendlichen befunden habe.

Er könne nicht sagen, "ob er sie unmittelbar vor der Schussabgabe eingesteckt hat oder nicht", so Schober. Dasselbe gelte für den 17-Jährigen. Harke und Schraubenzieher sollen laut einem Medienbericht beim Auffinden der Jugendlichen in einer Pullovertasche bzw. unter einer Jacke entdeckt worden sein.

Als "Interpretationen" bezeichnete Schober den Widerspruch zwischen der Aussage des Polizisten, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte, und den Gutachten: Ob tatsächlich eine Notwehrsituation gegeben war, werde noch ermittelt, meinte Schober. Der Behördenleiter kündigte eine neuerliche Einvernahme des Schützen an.

Weiter im Dienst

Das Landespolizeikommando Niederösterreich sah zuletzt trotz des belastenden Gutachtes  keinen Handlungsbedarf gegen die Beamten vorzugehen. Wie Oberstleutnant Roland Scherscher am Donnerstag erklärte, versehen der Beamte, der den tödlichen Schuss abgeben hat, und seine Kollegin bis auf weiteres Dienst.

Die beiden wurden laut Scherscher bereits unmittelbar nach dem tödlichen Zwischenfall von ihrem bisherigen Einsatzort Krems abgezogen und verrichten seither Innendienst. Nach wie vor werden sie "fallweise und bei Bedarf" psychologisch betreut, sagte der Behördensprecher.

Vor allem das Gutachten des Schießsachverständigen belastet den männlichen Beamten massiv. Dieser hatte angegeben, aus einer Entfernung von vier bis fünf Metern kniend auf die Füße des 14-Jährigen gezielt zu haben. Gemäß den Feststellungen des Ballistikers dürfte der Mann aber im Stehen aus einer Entfernung von 1,8 bis 2 Metern geschossen haben. Die Darstellung des Beamten zu seiner Schussabgabe stehe "in Widerspruch zu objektiv festgestellten Spuren", heißt es in Wiesers Gutachten wörtlich. Das Projektil drang dem Jugendlichen unterhalb des linken Schulterblatts in den Rücken. Er hatte keine Überlebenschance.

Drei Mal abgedrückt

Insgesamt drückten die Beamten dreimal ab. Die Polizistin gab zunächst einen Warnschuss ab, dann feuerte ihr Kollege auf den 14-Jährigen, während sie noch einmal auf dessen mittlerweile 17-jährigen mutmaßlichen Komplizen schoss. Die Burschen sollen angeblich mit einer Gartenharke bzw. einem Schraubenzieher auf die Uniformierten losgegangen sein.

Die von den Beamten behauptete Notwehrversion erscheint auch insofern fraglich, als der Ballistiker auch feststellte, dass zum Zeitpunkt der Schussabgabe zwischen dem 17-Jährigen und der Polizistin bereits eine Entfernung von sieben Metern bestand. Der Bursch dürfte somit bereits im Begriff gewesen sein, den Raum zu verlassen, was zu seiner Verantwortung passen würde, er habe angesichts der Polizei die Flucht ergriffen. (APA)

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    Am 26. August fand im Merkur-Markt in Krems eine Tatrekonstruktion statt. Nach belastenden Gutachten soll der Polizist, der die tödlichen Schüsse abgegeben hat, noch einmal einvernommen werden.

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