"In Temesvár rotieren alle"

8. Oktober 2009, 14:26
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Staatsoperndirektor Ioan Holender über die Resonanz in Herta Müllers Herkunftsort - Ernst Jandl-Dozentur an der Wiener Universität

Stockholm / Temesvár / Wien / Frankfurt/Main /Danzig / Berlin - "Ich sitze im Temesvár am Hauptplatz, und plötzlich rotieren hier alle." So schilderte der Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, im Telefonat die unmittelbaren Reaktionen auf die Bekanntgabe der Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller in jener westrumänischen Stadt, in deren Nähe Müller geboren wurde und wo sie die Universität besucht hatte. "In Temesvár freuen sich alle mit ihr, und auch ich bin sehr froh für diese Stadt. Aber Temesvár ist nicht Rumänien, und in Bukarest wird das, glaube ich, niemanden freuen."

Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit im Banat Repressionen des Ceausescu-Regimes ausgesetzt gewesen und als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik entlassen worden, als sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden.

Holender befindet sich gerade in seiner Geburtsstadt Temesvár (Timisoara / Temeswar), um die Stadtregierung bei den Vorbereitungen zur 20-Jahr-Feier der Revolution zum Sturz Ceausescus, die hier Mitte Dezember 1989 ihren Ausgang genommen hatte, zu beraten. Man werde nun alles versuchen, die neue Nobelpreisträgerin als Teilnehmerin der Feiern zu gewinnen.

Dass auch das offizielle Rumänien nun Herta Müller für sich reklamieren werde, glaubt Holender nicht: "Ich glaube nicht, dass Herta Müller in der jetzigen politischen Situation, in der niemand weiß, wie lange die Regierung noch im Amt ist, dort irgend jemanden kümmern wird..."

Große Freude herrschte  in dem kleinen Dorf Nitchidorf, dem Gerburtsort Müllers. Bürgermeister Ioan Mascovescu sagte, er sei "glücklich", dass  eine aus Nitchidorf stammende Autorin die begehrte Auszeichnung erhalte - auch wenn sie nicht mehr dort lebe. Das Geburtshaus Müllers sei nach einer Verstaatlichung zwar nicht mehr im Besitz der Familie, die Autorin habe aber ein anderes Grundstück in dem Dorf geerbt. In dem Ort, der im Jahr 1784 erstmals schriftlich erwähnt wurde, leben vor allem Angehörige der deutschen Minderheit. Die 1953 in Nitchidorf geborene Müller war 1987 mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, nach Deutschland ausgewandert.

Strigl: "Eine wunderbare Wahl"

Über eine "wunderbare Wahl" freute sich die Literaturkritikerin und Literaturwissenschafterin an der Universität Wien, Daniela Strigl, am Donnerstag in einer ersten Reaktion auf die Zuerkennung des Nobelpreises an Herta Müller. "Herta Müller setzt sich seit Jahrzehnten auf eine ganz unverwechselbare, sehr poetische und sehr präzise Weise mit Themen auseinander, die eigentlich leicht dazu verführen könnte, plakativ zu sein." Müller sei "eine wirkliche Dichterin" mit ihrer "ureigenen Sprache", sagte Strigl.

In ihren Werken, in denen sie über Diktatur, Folter und Entwürdigung schreibt, habe sie einerseits immer ihre eigene Herkunft, ihre Stellung in Rumänien und ihre Ängste sehr persönlich behandelt - "und andererseits die Geschichte einer Generation erzählt". Sehr mutig sei sie gewesen in ihren Büchern und privat sehr emotional. "Es gefällt mir, wie sie das bändigt in ihrer Literatur." Für Strigl kommt die Entscheidung dennoch überraschend. "Ich hätte nicht gedacht, dass es wieder eine deutschsprachige Autorin sein wird." In Österreich habe sich Müller, die "ja eigentlich eher aus dem altösterreichischen Raum kommt" immer sehr wohl gefühlt.

"Ich gratuliere herzlich und finde die Entscheidung großartig", freute sich Autorin Olga Flor: "Weil sie eine wunderbare Sprache hat und einen analytischen Blick für soziale und politische Kontexte unter denen Menschen agieren." Von der Entscheidung sei sie daher "nicht prinzipiell überrascht - sie ist ganz sicher eine absolut würdige Preisträgerin". Über "so komplexe Themen wie das Verbiegen der Identität der Menschen in einer Diktatur und damit auch der Sprache" schreibe sie "sehr subtil", so Flor, für die Müller "zu denen gehört, wo ich wirklich sagen muss, dass ich sie einfach vorbehaltlos toll finde."

Der österreichische Autor Josef Winkler zeigte sich in einer Reaktion hoch erfreut: "Ich finde das fantastisch und bin ganz glücklich. Ich kenne Herta Müller seit 25 Jahren. Sie hat eine eigene und einzigartige Sprache. Das sind für mich die entscheidenden Möglichkeiten von Literatur. Und auch was die politischen Dinge angeht, habe ich Günter Grass und Herta Müller immer am liebsten zugehört."

Jandl-Dozentur

Nach Österreich soll es Müller schon bald in prominenter Position verschlagen. Für die neu geschaffene Ernst Jandl-Dozentur am Institut für Germanistik der Uni Wien ist sie als zweite Dozentin für das Sommersemester 2011 mit zwei großen Vorträgen vorgesehen. "Die Dozentur wird mit dem Sommersemester 2010 ins Leben gerufen", erklärte der zuständige Literaturwissenschafter des Instituts, Thomas Eder. Im ersten Jahr ist der deutsch-russische Autor Alexander Nitzberg eingeladen, 2011 dann Herta Müller, 2012 Ferdinand Schmatz. Wegen ihrer "ästhetischen Sprachgestaltung und politischen Dimensionierung" habe Eder Herta Müller von Anfang an für die Jandl-Dozentur nominieren wollen.

Mit der "Atemschaukel" galt Müller auch für den Deutschen Buchpreis als Favoritin. "Da sind die Chancen jetzt wahrscheinlich eher gesunken", meint Strigl. "Das würde wohl eher untergehen. Sie braucht es nicht mehr, das Buch braucht es nicht mehr."

Reich-Ranicki will nicht, Karasek und Grass schon 

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat am Donnerstag in Frankfurt jeden Kommentar abgelehnt: "Ich will nicht über die Herta Müller reden". Auf die Frage, ob er über die erneute Nichtberücksichtigung des US-Schriftstellers Philip Roth enttäuscht sei, sagte der deklarierte große Fan von Roth: "Ich habe es seit vielen Jahren erlebt, dass er jedes Jahr den Preis nicht bekommt. Und ich habe damit gerechnet, dass diesmal eine Frau ihn bekommen wird." .

Dagegen hat die deutsche Buchbranche mit "uneingeschränkter und riesiger Freude" auf den Literatur-Nobelpreis für Herta Müller reagiert. "Es mag überraschend sein. Aber das geht vollkommen auf", sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, am Donnerstag. "Sie ist eine der größten Stimmen, die wir haben. Kräftig und fein." Die "Atemschaukel", die auf der Shortlist für den am Montag in Frankfurt bekanntgegeben Deutschen Buchpreis steht, sei ihr "größtes Buch". "Wenn jetzt eine schreibende und noch recht junge Frau den Nobelpreis bekommt, dann hat das eine starke Aussagekraft", sagte der Verleger Honnefelder weiter. International gesehen habe der Nobelpreis für Herta Müller wenige Tage vor Beginn der Frankfurter Buchmesse über die Literatur hinaus auch eine "politische Wirkung".

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat "total überrascht" auf den Literatur-Nobelpreis für Herta Müller reagiert. "Mein Mantra ist ja immer, dass Philip Roth den Preis bekommen sollte". "Aber der ist es ja nun wieder nicht geworden." Gleichwohl hat Karasek hohen Respekt vor dem Werk von Herta Müller: Ihr Roman "Atemschaukel" sei ein "neues und sehr eindruckvolles Buch über die Menschenzerstörung im Kommunismus". In dieser Stärke sei das bisher nur dem russischen Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn ("Der Archipel Gulag") gelungen, meinte Karasek.

Günter Grass hat sich "sehr zufrieden" damit gezeigt, dass  Müller   ausgewählt wurde. Sie sei eine sehr gute Romanautorin, sagte Grass am Donnerstag  in Danzig (Gdansk), wo er eine Ausstellung seiner Grafiken eröffnete. Der Autor der "Blechtrommel" war seinerseits vor zehn Jahren mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Sein persönlicher Favorit in diesem Jahr sei der israelische Autor Amos Oz gewesen, sagte Grass. Er wolle jedoch unterstreichen, dass das Nobelpreis-Komitee mit Müller eine sehr gute Entscheidung gefällt habe.

Nach Angaben des Hanser Verlages (München), in dem ihr jüngstes Buch "Atemschaukel" erschienen ist, hat sich Müller in einer ersten Reaktion völlig überrumpelt von der Auszeichnung gezeigt: "Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen." Verleger Michael Krüger sagte in einer Stellungnahme: "Mit Herta Müller, in der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien aufgewachsen, wird eine Autorin ausgezeichnet, die auch zwanzig Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts darauf beharrt, die unmenschlichen Seiten des Staatskommunismus in Erinnerung zu behalten. Ihre hochliterarische Trauerarbeit ist ein eindrückliches Beispiel einer engagierten europäischen Literatur, die mit analytischer Schärfe und poetischer Genauigkeit unsere Geschichte zur Gegenwart macht."

Politik betont "Signal"

Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler hat der Schriftstellerin Herta Müller zum Nobelpreis für Literatur gratuliert. In einem am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Glückwunschschreiben heißt es: "Immer wieder haben Sie gegen das Vergessen angeschrieben und so an den hohen Wert der Freiheit erinnert, die niemals selbstverständlich ist." Deswegen sei es für ihn eine besonders glückliche Fügung, dass Müller die Auszeichnung gerade in diesem Jahr erhalte, "in dem wir an das Ende der Diktaturen in Osteuropa vor zwanzig Jahren erinnern". Weiter schrieb Köhler: "Ihre Literatur ist geprägt von den Erfahrungen, die Sie selber in Rumänien mit der kommunistischen Diktatur gemacht haben. Sie haben immer wieder detailliert und ergreifend geschildert, was ein Unrechtssystem in den Herzen und Seelen der Menschen anrichtet. Unterdrückung und Zwangsherrschaft prägen den gesamten Alltag einer Gesellschaft und jedes Einzelnen."

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es als "wunderbares Signal" bezeichnet, dass Müller 20 Jahre nach dem Mauerfall  ausgezeichnet wird. Mit Blick auf deren Herkunft aus Rumänien sagte Merkel am Donnerstag in Berlin, das "hervorragende" Werk der Literatin sei aus einer Lebenserfahrung gespeist, "die von Diktatur, Unterdrückung, von Ängsten, aber auch von unglaublichem Mut spricht". Die Kanzlerin fügte hinzu: "Wir freuen uns, dass sie eine Heimat in Deutschland gefunden hat, und ich gratuliere ihr von ganzem Herzen."

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte seine Freude darüber, dass mit dem Literaturnobelpreis für Herta Müller eine deutsche Schriftstellerin geehrt werde, "die für die engen Verbindungen zwischen Deutschland und Rumänien steht". Auch er nahm auf das Gedenkjahr zum 20. Jahrestag des Mauerfalls Bezug: Die Ehrung sei "auch ein Symbol für das friedliche Zusammenleben und die Einheit der Völker Europas", betonte Steinmeier in seinem Glückwunschschreiben an die frisch gekürte Nobelpreisträgerin. Insbesondere würdigte er, dass Müller immer wieder gegen Elend und Unterdrückung, gegen Terror und Diktatur anschreibe.

"Jetzt können sie sich beruhigen"

In Herta Müllers Geburtsland  hat der Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Plesu hoch erfreut auf die Zuerkennung des Nobelpreises  reagiert: "Für mich ist Herta Müller schon lange eine Nobelpreis-Trägerin. Ich kann mich also nur freuen, dass heute meine Vorahnung offiziell bestätigt wird".  "Was ich bei Herta Müller bewundere, ist die perfekte Mischung von Talent, menschlicher und politischer Verantwortung sowie ethischem Gedächtnis, die in ihren Büchern zu finden ist", sagte Plesu weiter. "Die Rumänen sind seit Jahren traurig, dass es keinen rumänischen Nobelpreis-Träger gibt. Jetzt können sie sich beruhigen. Herta Müller ist zwar eine deutsche Schriftstellerin, aber sie stammt aus Rumänien und ihre Werke enthalten ein Stück rumänische und osteuropäische Geschichte".

Nun dürfte sich der Streit der rumänischen Verlage Polirom und Humanitas um die Veröffentlichungsrechte der rumänischen Ausgabe von Müllers jüngstem Werk "Atemschaukel" verschärfen. Beim Polirom-Verlag, wo bisher drei Werke Herta Müllers in rumänischer Übersetzung erschienen sind, freute sich Redakteur Bogdan Stanescu: "Wir haben es zwar nicht erwartet, aber doch darauf gewartet", sagte er zum Nobelpreis für Müller. In Rumänien sei Herta Müller ebenso beliebt wie andere Autoren hochwertiger Literatur, etwa vergleichbar mit der Beliebtheit des Amerikaners Philip Roth, sagte Stanescu. Die Bukarester Literaturagentin Simona Kessler, die Müller in Rumänien für die "Atemschaukel" vertritt, sagte, Müllers Auflagen betrügen bisher etwa 3.000 Stück, dies sei aber für rumänische Maßstäbe und für diese Literatursparte "höchst respektabel".

Der rumänische Dichter Mircea Dinescu hat den Literatur-Nobelpreis für Herta Müller als "verdiente" Anerkennung für eine "tragische Repräsentantin der Literatur des wilden Ostens" und für eine "Aktivistin des Leidens" begrüßt. Müller sei "aus der Welt, in der sie geboren wurde, vertrieben worden". Dinescu war während des Kommunismus als Oppositioneller von den Behörden verfolgt worden. In Deutschland veröffentlichte er in den frühen 90er Jahren einige Gedichtbände.

Die Gemeinde Nitzkydorf in Rumänien, der Geburtsort von Herta Müller, hat der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Schriftstellerin die Ehrenbürgerschaft angeboten. "Man wird künftig mehr über Nitzkydorf sprechen", sagte Bürgermeister Ioan Mascovescu. "Wir sind stolz darauf". Der Banater Historiker Ioan Hategan fügte hinzu: "Ihr Haus könnte ein Museum werden, das Kulturhaus, die Schule oder Bibliothek könnten ihren Namen tragen."

"Herta who?"

Mit Zurückhaltung haben US-Medien auf die Vergabe des Nobelpreises für Literatur an die Rumäniendeutsche Herta Müller reagiert. "Und noch ein obskurer Nobelpreisgewinner! Seufz", schrieb die Zeitschrift "Entertainment Weekly" am Donnerstag in ihrer Internetausgabe. Die "New York Times" wies darauf hin, dass nur vier von Müllers Büchern bisher in die englische Sprache übersetzt wurden.

Die Verlegerin Sara Bertschel von Metropolitan Books sagte, dass Herta Müller trotz guter Kritiken bisher nur eine bescheidene Leserschaft in den USA für sich gewonnen habe. Metropolitan Books, eine Einheit des Verlagsverbandes Macmillan, hat die Müller-Bände "The Land of Green Plums" und "The Appointment" in Nordamerika herausgegeben.

Die "Los Angeles Times" bemerkte nach der Bekanntgabe der diesjährigen Gewinnerin des Nobelpreises in Literatur: "Vielleicht sind (Müllers) Werke künftig leichter bei uns zu bekommen. Wenn man allerdings den letztjährigen Gewinner, Jean-Marie Gustave Le Clézio als Maßstab nimmt, könnte noch eine Weile vergehen." Auf die Herausgabe seines englischen Romantitels "Desert" hatten Leser ein Jahr warten müssen.

"Herta who?", fragte "Entertainment Weekly" und nannte Müller eine "so gut wie unbekannte" Schriftstellerin. Literarische Kreise in den USA warten seit Jahren auf die nach ihrer Meinung lang überfällige Auszeichnung für amerikanische Autoren wie Thomas Pynchon, Philip Roth, Don DeLillo oder Joyce Carol Oates.  (APA)

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