Verkennung von Wahrheiten

8. Oktober 2009, 15:35
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Österreichische Unis finden sich bei Rankings immer unter ferner liefen - Das hat Gründe, aber andere als Minister Hahn sich wünschen würde

Wenn in Österreich internationale Uni-Rankings bekannt werden, dann ist es mehr oder weniger immer dasselbe ernüchternde Ergebnis: Man muss lange nach heimischen Unis suchen, bis man auf den hinteren Plätzen dann einmal die eine oder andere findet.

Nach wie vor gar nicht so schlimm findet das offenbar aber derjenige, der die Budgethoheit über die wissenschaftlichen Institutionen hat. Und wem diese beruhigende Worte nicht reichen, dem gibt Wissenschaftsminister Hahn folgendes mit auf den Weg: "Alle topgereihten Unis haben Studiengebühren und Auswahlverfahren." Sprich: hätten Grüne, SPÖ und FPÖ die Studienbeiträge nicht de facto abgeschafft, wäre die Welt noch in Ordnung.

Offensichtlich versucht Minister Hahn hier mit fadenscheinigen Argumenten eine Wiedereinführung herbeizureden. Tatsache ist allerdings, dass Österreich auch während der Ära der Studiengebühren bei solchen Rankings immer unter ferner liefen zu finden war. Die Studiengebühren können es also nicht sein. 

Ein Studienbeitrag mag dann eventuell gerechtfertigt sein, wenn Studierende dafür auch etwas geboten bekommen. Allerdings mussten österreichische Studierende auch zu Zeiten der Studiengebühren teilweise in übervollen Sälen am Boden sitzen, sich von daheim das Klopapier mitnehmen und im schlimmsten Fall ein weiteres Semester volle Gebühren zahlen, weil das letzte Seminar, das zum Abschluss fehlte, aufgrund fehlender Ressourcen nicht mehr angeboten wurde. Die Betreuungsverhältnisse und die Umstände, unter denen heutzutage in Österreich studiert wird, wurden in dieser Zeit um keinen Deut besser.

Österreichische Verhältnisse also allein mit fehlenden Zugangsbeschränkungen und Studienbeiträgen zu rechtfertigen, ist eine Verkennung von Wahrheiten.

Das Problem liegt allerdings nicht allein - wenn auch zum Großteil - an der Unterfinanzierung des Systems. Es liegt auch am geringen Stellenwert von höherer Bildung in Österreich. Derzeit liegt Österreich bei der Akademikerquote sehr weit hinten - auch wenn von manchen Seiten immer wieder behauptet wird, dass mittlerweile jeder seinen Titel nachgeschmissen bekommt. Keine Studiengebühren beziehungsweise "freie Bildung" sind für viele daher der Schlüssel zu mehr Absolventen. Doch Minister Hahn kann auch hier ein kniffliges Gegen-Argument vorlegen: Vor Einführung der Studiengebühren sei die Zahl jener Studenten, die keine einzige Prüfung im Semester abgelegt hatten, bei 40 Prozent gelegen. Nach Einführung der Studiengebühren seien es nur noch 15 Prozent gewesen.

Wer ein bisschen weiterdenkt, kann eine einfache aber logische Erklärung für diese starken Schwankungen finden. Natürlich haben Berufstätige zu "studiengebührfreien" Zeiten auch die Chance genützt, um sich gratis weiterzubilden und hin und wieder einen Kurs zu belegen. Diese "Scheinstudenten" haben dadurch aber weder dem Universitätssystem groß geschadet, noch kann man sie mit "hauptberuflichen" Studenten in einen Topf werfen. Dem "normalen" Studierenden zwischen 20 und 30 dadurch allerdings implizit wieder einmal vorzuwerfen, er würde "auf Kosten" des Staates langzeitstudieren, wenn er nicht zahlen muss, ist unfair und zeigt einmal mehr auf, welches kosten-nutzenorientierte Verständnis von Bildung unser Wissenschaftsminister hat. (Teresa Eder/derStandard.at, 08.10.2009)

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