Literatur-Nobelpreis an Herta Müller

8. Oktober 2009, 13:21
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Mit der deutsch-rumänischen Autorin erhält die Auszeichnung zum zwölften Mal eine Frau

Stockholm/Berlin - Der Literatur-Nobelpreis 2009 geht an die 56-jährige deutsch-rumänische Autorin Herta Müller. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die Autorin ist damit die zwölfte Frau, die mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wird. Die erste Preisträgerin war vor 100 Jahren die Schwedin Selma Lagerlöf.

2001 tauchte die im rumänischen Banat geborene und heute in Berlin lebende Schriftstellerin Herta Müller (56) das erste Mal in den Nobelpreis-Spekulationen auf. Seither ist nicht nur ihr Werk und die Liste der an sie verliehenen Auszeichnungen, sondern auch ihr Ruhm beständig gewachsen. Längst sind ihre österreichischen Würdigungen - 1997 der Literaturpreis der "Franz-Nabl-Preis" der Stadt Graz, 1999 der in Klosterneuburg verliehene Franz-Kafka-Preis - von prestigereicheren Auszeichnungen überflügelt. Nach dem heute zuerkannten Literatur-Nobelpreis 2009 geht es wohl nicht mehr höher. Auch der kommenden Montag vergebene Deutsche Buchpreis, für den sie mit ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel" hervorragend im Rennen liegt, wäre da nur noch ein Appendix.

Chronistin von Unterdrückung

Als Sprachartistin und Erinnerungskünstlerin wurde die am 17. August 1953 in Nitzkydorf geborene Herta Müller in den zahllosen Laudationes der vergangenen Jahre immer wieder gewürdigt. Als Rumänien-Deutsche musste sie die Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen der Ceausescu-Diktatur am eigenen Leib erfahren und schrieb seither in ihren Büchern mal lakonisch-knapp, mal lyrisch-surreal an einer Chronik von Leid, Ausgrenzung und Bedrohung des Menschen durch totalitäre Systeme.

Herta Müller studierte Germanistik und rumänische Literatur an der Universität Temeswar in Rumänien. Sie arbeitete als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden, wurde sie entlassen und arbeitete als Deutschlehrerin. Ihr erstes Buch "Niederungen" wurde zensuriert veröffentlicht. Nach einer Folge von Repressionen, Verhören und Hausdurchsuchungen konnte sie 1987 nach Berlin übersiedeln. Müller beschäftigte sich nicht nur mit der Diktatur, sondern auch mit den nationalen Minderheiten in Osteuropa.

Bekannt wurden vor allem ihre Bücher "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992) und "Herztier" (1994), aber auch "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1999), "Der König verneigt sich und tötet" (2003) und "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005). Herta Müllers neuer Roman "Atemschaukel" (Hanser Verlag) hat zwei Hauptfiguren: Den am Anfang 17-jährigen Ich-Erzähler Leo, der von fünf Höllenjahren in einem sowjetischen Arbeitslager berichtet, und den "Hungerengel", Leos allgegenwärtigen Begleiter. In das eindringliche Buch sind Erfahrungen von Herta Müllers Mutter, die 1945 wie Zehntausende andere als Siebenbürger Sachsen zu Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt worden war, ebenso eingeflossen wie jene des Schriftstellers Oskar Pastior, der mit Müller bis zu seinem Tod 2006 an dem Buch gearbeitet hat.

Bisherige Preisträgerinnen

Die mit zehn Millionen Kronen (965.158 Euro) dotierte Auszeichnung ging im Vorjahr an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. 2007 erhielt Doris Lessing (Großbritannien, geb. 1919) als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat" die Auszeichnung, 2004 Elfriede Jelinek (Österreich, geb. 1946). 1996 wurde Wislawa Szymborska (Polen, geb. 1923), 1993: Toni Morrison (USA, geb. 1931) und 1991 Nadine Gordimer (Südafrika, geb. 1923) ausgezeichnet. In den 80ern und 70ern erging der Literatur-Nobelpreis an keine einzige Autorin; Nelly Sachs (Deutschland/Schweden, 1891-1970)erhielt ihn 1966, Gabriela Mistral (Chile, 1889-1957) 1945 und Pearl S. Buck (USA, 1892-1973) 1938. Die ersten drei Autorinnen, die die Ehrung zu Teil wurde waren neben der erwähnten Lagerlöf 1928 Sigrid Undset (Norwegen, 1882-1949) und 1926 Grazia Deledda (Italien, 1871-1936).

Die Nobelpreise werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. (APA)

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Mehr zum Literatur-Nobelpreis bei derStandard.at/Kultur

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    Die deutsche Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller ist die vierte Frau, die in dieser Woche einen der begehrten Anrufe aus Stockholm erhalten hat. Damit ist 2009 bereits das Rekordjahr für weibliche Preisträger - obwohl mit dem Friedensnobelpreis und dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften noch zwei Entscheidungen ausstehen.

    Am Montag hatten die US-Australierin Elizabeth Blackburn und die US-Wissenschafterin Carol W. Greider erfahren, dass sie in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet werden. Zwei Tage später gab das Nobelkomitee bekannt, dass die israelische Forscherin Ada Jonath den begehrten Preis gemeinsam mit zwei Kollegen auf dem Feld der Physik erhält.

    Bisher war 2004 das Rekordjahr für Nobelpreisträgerinnen. Damals gewannen drei Frauen die Auszeichnung. Insgesamt haben bisher 39 Frauen 40 Mal den Nobelpreis verliehen bekommen - Marie Curie erhielt die Ehrung zwei Mal.

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